Bayern nach dem Champions-League-Aus Die Verwandlung

Das Quergeschiebe häuft sich, Balleroberungen in der Defensive sind seltener geworden, die Leichtigkeit ist weg: Der FC Bayern demonstriert beim Aus gegen Real Madrid seine Formschwäche. Kann das Team sie bis zum Pokalfinale gegen Dortmund abstellen?

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Aus München berichten Christoph Leischwitz und Sebastian Winter


Da waren sie wieder, die quälenden Fragen. Sind die Bayern zu früh Meister geworden? War der bereits Ende März errungene Titel Gift für die Motivation? Der Sportvorstand des FC Bayern, Matthias Sammer, reagierte nach dem Champions-League-Aus gegen Real Madrid genervt: "Kein Mensch in Deutschland kann das beurteilen. Alle reden darüber, aber keiner hat es erlebt. Wir ja auch noch nicht."

Die Bayern hatten in dieser Saison bis ins Frühjahr hinein alle Wettbewerbe mit fast spielerischer Leichtigkeit dominiert, auch die Champions League. Es wirkte fast unheimlich, dass sie, mit einem neuen Trainer ausgestattet, eine solche Gewinnsucht an den Tag legten. Es war so, als mache Josep Guardiola dort weiter, wo Jupp Heynckes mit dem Triple-Sieg aufgehört hatte.

Doch in Wahrheit gibt es die Über-Bayern aus der Vorsaison schon recht lange nicht mehr. Der letzte Gegner, der in der Münchner Arena tatsächlich unter die Räder kam, war Schalke 04. Der 5:1-Sieg der Bayern datiert vom 1. März, und da hatten sie es ausgerechnet auch Real Madrid zu verdanken, dass sie hoch gewannen: Drei Tage zuvor hatten die Spanier den Königsblauen mit einem 6:1-Auswärtssieg jegliches Selbstvertrauen geraubt.

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Bayern in der Einzelkritik: Lahm als einziger Lichtblick
Konstant gespielt haben die Bayern seitdem nicht mehr. Es gab mal gute Halbzeiten in Wolfsburg und gegen Bremen, dazu einen wenig beeindruckenden, hohen Pokalsieg gegen den Zweitligisten Kaiserslautern. Doch der Drang zum gegnerischen Tor und die Bissigkeit, wenig Gegentreffer zuzulassen, wurden Woche für Woche geringer - auch in der Champions League. Nach dem Erfolg gegen Schalke blieb Guardiolas Mannschaft in 15 Pflichtspielen nur zwei Mal ohne Gegentreffer. Und im Halbfinale gegen Madrid sind nun jene Fehler kulminiert, die sich über zwei Monate angesammelt haben.

Risse im Zusammenhalt der Mannschaft

Während Offensivkräfte wie Franck Ribéry oder Mario Mandzukic noch bis tief in die Rückrunde hinein für ihre Defensivarbeit gelobt wurden, sind Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte immer seltener geworden. Das Quergeschiebe häufte sich. Die Spielweise erinnert gerade oft an jene unter Louis van Gaal; der Holländer hatte auch viel Wert auf Ballbesitz gelegt - und war mit den Bayern gegen taktisch kluge Mannschaften wie Inter Mailand im Champions-League-Finale 2010 gescheitert.

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Real Madrid in der Einzelkritik: Provokateur Ramos, Ballverteiler Bale
Weil durch Guardiolas noch offensiveres System mehr Spieler, wie die Außenverteidiger, in der gegnerischen Hälfte stehen müssen, sind die Bayern wieder anfälliger für Konter geworden. So ist das 3:3 gegen Hoffenheim zu erklären, das 0:3 gegen Borussia Dortmund oder das 1:2 in der ersten Halbzeit gegen Bremen.

Neben dem Taktikproblem und der Einstellung tauchten aber auch kleinere Risse im Zusammenhalt auf. In Augsburg ließ Guardiola gleich drei Spieler aus der eigenen Jugend spielen, die Bayern verloren zum ersten Mal in dieser Saison ein Liga-Spiel, was den Profis nicht gefiel. "Die Form ist nicht so, wie sie vor vier Wochen war, was die Ergebnisse betrifft und vielleicht auch unsere Dominanz", sagte Thomas Müller gleich nach dem Madrid-Spiel. Toni Kroos bemängelte, "dass wir nicht mehr ganz so frisch gespielt haben".

Nach Berlin, um die Saison zu retten

Müller selbst hatte vor allem nach dem Achtelfinal-Hinspiel bei Arsenal London seine Rolle als Einwechselspieler kritisiert. Kroos hatte schon Ende Januar bei seiner Auswechslung in Stuttgart seine Handschuhe wutentbrannt vor die Bank geworfen. Nach dem Bremen-Spiel am vergangenen Samstag sagte Müller: "Die Stimmung ist wichtig, wir müssen jetzt schauen, dass wir alles Positive freisetzen." Man kann das auch so verstehen, dass es zuletzt nicht viel freizusetzen gab.

Madrid hatte erst vor einer Woche das spanische Pokalfinale gegen den FC Barcelona gespielt. Die Bayern dagegen müssen sich in den vergangenen Wochen wie in einem viel zu langen Trainingslager gefühlt haben - mit ganz wenigen Höhepunkten.

Nun müssen sie wieder zweieinhalb Wochen warten, auf ihr letztes wichtiges Spiel, das Cupfinale gegen Dortmund. "Wenn wir das Pokalfinale gewinnen sollten, haben wir eine exzellente Saison gespielt", sagte Müller. Der deutsche Pokal ist sicher nicht Bayerns Lieblingstitel. Doch er bekommt jetzt eine ganz neue Bedeutung. Die Bayern fahren nach Berlin, um ihre Saison zu retten.

insgesamt 304 Beiträge
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Mark Mallokent 30.04.2014
1. Alle reden um den heißen Brei herum
Das Geheimnis von Bayerns Schwäche hat einen Namen: Uli Hoeneß. Seit seiner Verurteilung, steckt Bayern in der Krise. Das ist doch nur zu verständlich. Bayern ohne Hoeneß ist wie ein Leib ohne Seele, wie die Grande Armée ohne Napoleon, wie ein Mercedes ohne Stern, wie die Jünger ohne Jesus. Kann denn niemand die enorme seelische Belastung der Mannschaft würdigen, die mitansehen mußte, wie der eigene "Vater" geschmäht, verachtet und verurteilt wurde? Es ist die Steuerfahndung, die den deutschen Fußball ruiniert hat.
olddreamer 30.04.2014
2. Guardiola?
Man fragt sich, ob der Mann der richtige Trainer für eine verwöhnte, kostspielige Altherrenelf ist.
suplesse 30.04.2014
3. Hoffentlich nicht!
Ich denke Kloppo hat sich das Spiel genau angesehen.Ich drücke den Dortmundern die Daumen, dass sie was aus den Erkenntnissen von gestern machen.
Niehen 30.04.2014
4.
Predige ich seit Anfang der Saison.Mit Götze und Lewandowski hat man sich keinen Gefallen getan. Ne Liga ohne Konkurrenz ist - schädlich für die Form des Führers (deutlich zu sehen) - schädlich für die Vermarktung (wer will das bitte international noch sehen, da kann ich dann auch holländische Liga schauen) und damit für alle fürs Portemonnaie - und zu guter letzt Gift für die Attraktivität. Die Quittung mußte und sollte so kommen. Qualitätsspieler hätte man auch im Ausland kaufen können - dazu Dortmund "aufzulösen" war unsinnig und verfehlt. Aber das Ego mußte wohl gestreichelt werden.
Fernspäher 30.04.2014
5. was ist nur aus den Bayern geworden?!
Ich habe schon manches mal gesehen, dass die Bayern in der Abwehr oder im Angriff schwach waren. Aber das war gestern das erste Mal, seit Jahrzehnten, dass die Bayern sowohl in der Abwehr als auch im Angriff schwach waren. Außerdem hatten alle Spieler Sprintdefizite. Jetzt im Nachhinein zeigt sich, welche Klasse Jupp Heynkes hatte. Alle mir persönlich bekannten Spanier sagen, wenn Jupp Heynkes die deutsche Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren trainiert hätte, dann hätten die bei der Klasse der Einzelspieler sicherlich auch mal einen Titel gewonnen. Und die Spanier fragen, warum eigentlich ist Jupp Heynkes nicht Trainer der deutschen Nationalmannschaft geworden? Eine Antwort weiß ich auch nicht.
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