Bayern-Gegner Chelsea Abwehrprobleme? Uns doch egal

Dem FC Chelsea droht im Achtelfinale gegen Bayern München das Aus. Das Augenmerk der Londoner ist ohnehin schon auf die nächste Saison gerichtet - dafür wird mächtig investiert. Aber die Schwächen bleiben.
Von Raphael Honigstein, London
Frank Lampard will kommende Saison wieder mehr feiern - auch mit deutscher Hilfe

Frank Lampard will kommende Saison wieder mehr feiern - auch mit deutscher Hilfe

Foto: Julian Finney/ Getty Images

Antonio Conte hat trotz des Gewinns der Meisterschaft 2017 keine großen emotionalen Spuren in Westlondon hinterlassen, der Italiener war dem Chelsea-Publikum mit seiner komischen Mischung aus cholerischer Hypernervosität und kühler Distanz gegenüber Spielern und Anhang stets ein Rätsel geblieben.

Nächste Woche werden ihn Scharen von Fans der Blauen aber kurzfristig in ihr Herz schließen und nur das Allerbeste wünschen. Conte kann dann nämlich, so glauben es zumindest viele Sympathisanten des Londoner Vereins, zum Geburtshelfer für den sehnsüchtig erwarteten Transfer von Kai Havertz an die Stamford Bridge werden.

Ob ein Sieg seiner Inter-Mannschaft gegen Bayer 04 Leverkusen in der Europa League tatsächlich eine Einigung zwischen Chelsea und dem Bundesligaklub beschleunigen würde, wie man es auf der Insel vermutet, ist jedoch keineswegs gesichert. Die Bayer-Vereinsführung wehrt sich energisch gegen Darstellungen, wonach der Wechsel des Jungnationalspielers in die britische Hauptstadt nur noch eine Frage der Zeit sei beziehungsweise nach Ausscheiden aus dem europäischen Wettbewerb direkt vermeldet werden würde.

Wobei dies wohl auch mit dem Aus Chelseas aus dem Europacup zusammenfallen würde - schließlich haben die Londoner nach dem Achtelfinal-Hinspiel und dem heimischen 0:3 gegen Bayern München fürs Rückspiel am Samstag nur noch eine theoretische Chance aufs Weiterkommen.

Bayer Leverkusen setzt auf Zeit

Intern hat man sich in Leverkusen sowieso eher auf einen längeren Verhandlungsprozess eingestellt, da die Zahlen der beiden Parteien noch recht weit auseinander liegen. Bayer will auf keinen Fall weniger als 100 Millionen Euro für das Spitzentalent erzielen, Chelsea gern rund 20 Prozent weniger auf den Tisch legen. 

Fest steht nur, dass die Blues derzeit der einzig ernsthafte Option für Havertz' nächsten Karriereschritt darstellen und er sich ein Engagement in London auch gut vorstellen kann. Trainer Frank Lampard hat ihm in einem persönlichen Gespräch erklärt, dass er mit seinem feinen Gespür für Räume und Lösungen zwischen den Linien Chelseas bisweilen etwas stockendes Kombinationsspiel entscheidend verfeinern könne.

Lampard ist nicht entgangen, wie wenig seine junge, am liebsten über Wucht und Tempo kommende Elf in der abgelaufenen Saison aus langen Ballbesitzphasen gegen schwächere Teams gemacht hat. Nur 69 Tore aus 38 Partien sprechen von einer gewissen Einfallslosigkeit gegen tief stehende Gegner, die Havertz, der elegante Ballstreichler mit zehn guten Ideen pro Sekunde in zentraler Rolle beheben soll. Chelseas internationaler Chefscout Scott MacLachlan schwärmt schon seit Jahren von den außergewöhnlichen Fähigkeiten des gebürtigen Aacheners; Geschäftsführerin Marina Granovskaia, die für den aufgrund von Visumproblemen nicht mehr in London lebenden Besitzer Roman Abramowitsch die Geschicke leitet, ist ebenfalls überzeugt, dass Havertz' erlesenes Talent Chelsea (Platz vier, 33 Punkte Rückstand auf Meister Liverpool) auf Sicht wieder titelfähig machen kann.

Geld ist genug zur Verfügung

Der Klub hat nach der ausgestandenen Transfersperre durch die Fifa im Vorjahr und dem Verkauf von Eden Hazard (Real Madrid) und Alvaro Morata (Atletico Madrid) für ingesamt knapp 200 Millionen anders als viele Mitbewerber die Möglichkeiten, unabhängig von der Coronakrise offensiv auf dem Markt zu agieren. Timo Werner hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er lieber beim FC Liverpool angeheuert hätte, Havertz' Spiel würde vielleicht besser zu den Bayern oder spanischen Spitzenklubs passen. Chelsea verbessern werden/würden aber beide zweifelsohne. Auch Impulskäufe können perfekt in ein System passen. 

Falls sich Chelsea und Leverkusen auf einen akzeptablen Preis verständigen können, wird Havertz nach seinem Nationalmannschaftskollegen aus Leipzig und dem Marokkaner Hakim Ziyech (Ajax, 40 Millionen Euro) die dritte Verstärkung für den Angriff sein, was zugleich einen etwas beängstigenden Blick auf die noch zu bewältigenden Probleme in der Abwehr wirft. 

Viele der 54 Gegentore, die Chelsea 2019/20 in der Liga einstecken musste, entsprangen zwar eher Abstimmungsschwierigkeiten in der Rückwärtsbewegung als individuellen Schwächen in der Hintermannschaft. Weltmeister Ngolo Kanté konnte wegen Verletzungen nur selten die riesigen Flächen hinter den häufig hoch und etwas unkoordiniert pressenden Stürmern patrouillieren, Mittelfeld-Drahtzieher Jorginho wirkte ohne Spielgerät am Fuß oft so, als ob er am liebsten in einem dieser ledernen "Regisseur”-Stühle aus Hollywood auf dem Platz sitzen möchte. Nach nur zwei Jahren auf der insbesondere bei Chelsea recht harten Trainerbank hat Lampard, 42, noch viel taktisches Entwicklungspotenzial, um die Schwächen im Kollektiv kleiner zu machen.

Hinten klaffen die Lücken

Nichtsdestotrotz würde er natürlich doch den einen oder anderen zusätzlichen Defensivexperten verpflichten. Gehandelt werden West Hams Declan Rice und Linksverteidiger Ben Chilwell (Leicester), zudem besteht Bedarf zwischen den Pfosten. Aus Kepa Arrizabalaga, dem teuersten Torhüter der Welt (80 Millionen Ablöse, Atletico Bilbao) in seiner zweiten Spielzeit leider das fußballerische Äquivalent der Datenklau-App Tik-Tok geworden: der 25-Jährige ist eine einzige Sicherheitslücke, und deswegen hinter Routinier Willy Caballero nur zweite Wahl. 

Die Reise nach München kann ob der miserablen Ausgangslage und den nötigen Renovierungsarbeiten kaum mehr als ein unliebsamer Sommer-Ausflug einer Belegschaft sein, die erst am Anfang ihrer Entwicklung steht. Selbst eine zweite deutliche Niederlage würde nichts daran ändern, dass Lampard weiterhin der offizielle Bildungsauftrag zukommt. Als Ex-Spielerikone genießt er bei Besitzer und Basis jenen Rückhalt, die dem hektischen Grantler Conte nie zupass wurde. 

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