Bayern-Sieg über Mainz Nach der Trinkpause hatten sie wieder Durst

Eine überzeugende Leistung in der Offensive, ein durchwachsener Auftritt von Philippe Coutinho und eine subtile Kampfansage von Thomas Müller: Das 6:1 des FC Bayern gegen Mainz liefert aufschlussreiche Erkenntnisse.

Zwei Torschützen von sechs: Robert Lewandowski und David Alaba
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Zwei Torschützen von sechs: Robert Lewandowski und David Alaba

Von Florian Kinast, München


In Spielanalysen ist später oft vom entscheidenden Wendepunkt die Rede. Von genau dem einen Moment, in dem sich eine Partie drehte, das Spiel kippte. Meist geht es dann um die Einwechslung eines bestimmten Spielers. Einen Platzverweis. Oder natürlich um ein Tor, etwa unmittelbar vor der Halbzeitpause. Der Wendepunkt beim Spiel des FC Bayern gegen Mainz 05 war, wie Niko Kovac, Manuel Neuer und Thomas Müller später einhellig bestätigten: die Trinkpause nach 22 Minuten.

Wegen der hochsommerlichen Temperaturen hatte Schiedsrichter Markus Schmidt die Partie kurz unterbrochen, die Mannschaften zur Erfrischung zur Seitenlinie geschickt, die Gäste führten da 1:0. Doch die eine Minute reichte den anfangs konfusen und müden Bayern, um sich zu schütteln. Um endlich aufzuwachen. Um dann ein halbes Dutzend Tore zu schießen.

Über die Bedeutung der besagten Trinkpause hinaus lieferte das letztlich ungefährdete 6:1 der Bayern aber vor allem vier entscheidende Erkenntnisse.

Erstens: Gerade in der Offensive ist der Kader der Bayern inzwischen sehr ordentlich aufgestellt. Ivan Perisic feierte ein starkes Heimdebüt auf der linken Angriffsseite und erzielte dazu noch das wichtige 3:1 kurz nach der Pause. Als Perisic nach 67 Minuten vom Platz ging, raste sein Ersatz Alphonso Davies die Außenbahn auf und ab und belohnte sich mit dem Tor zum 6:1. Auf rechts hingegen wirbelte Kingsley Coman, der Torschütze des vierten Tores, wie immer ansehnlich, wenn auch mitunter übermotiviert. Dazu trafen noch Benjamin Pavard, David Alaba und Robert Lewandowski. Sechs verschiedene Torschützen bei sechs Treffern, das gab es zuletzt 1998 gegen Hansa Rostock. Damals trafen Effenberg, Helmer, Lizarazu, Zickler, Jancker, Elber. Lange her.

Fazit: Denkt man sich noch Serge Gnabry und Leon Goretzka dazu, die gegen Mainz nur auf der Bank saßen, hat Trainer Niko Kovac im Angriff zahlreiche Optionen. Damit dürften die Bayern noch viel Freude haben.

Philippe Coutinho muss sich noch an einiges in München gewöhnen
ANDREAS GEBERT/EPA-EFE/REX

Philippe Coutinho muss sich noch an einiges in München gewöhnen

Zweitens: Bei Philippe Coutinho ist noch Luft nach oben. Ausgerechnet der spektakulärste Neuzugang bot bei den Bayern die durchwachsenste Leistung. Erstmals von Beginn an und erstmals vor heimischer Kulisse zeigte der Brasilianer zwar feinste Ballbehandlung, seine Pässe landeten aber zu oft beim Gegenspieler, auch bei Zweikämpfen konnte er sich nur selten durchsetzen. Coutinho braucht noch Zeit, er wird sich steigern und er muss sich steigern, damit die Bayern am Ende der Saison für den aus Barcelona ausgeliehenen Leihspieler die Kaufoption ziehen und 120 Millionen Euro zahlen.

Äußerst bemerkenswert war die Phase nach Auswechslung von Coutinho, als nach 67 Minuten Thomas Müller für ihn auf den Platz kam. Müller, dem nach dem Coutinho-Transfer eine schwere Zukunft und ein Stammplatz auf der Ersatzbank prophezeit wurden, rannte beim Stand von 4:1 aufs Feld, dirigierte und gestikulierte, trieb seine Mitspieler an und bereitete obendrein auch noch die beiden letzten Tore durch Lewandowski und Davies wunderschön vor.

Müller zeigte, dass er sich nicht abschreiben lassen will, dass er nicht daran denkt, sich mit der Reservistenrolle auf der Bank zu begnügen. "Es wird im Lauf der Saison viele verschiedene Aufstellungen geben", sagte Müller gelassen, "ich bin auch schon bissl länger dabei. Es gibt wenige Perioden, in denen Spiele am Stück mit ein und derselben Mannschaft bestritten werden." Was wohl heißen soll, dass Müller bald wieder mit einem Einsatz in der Startelf rechnet. Dann sitzt eben Coutinho auf der Bank.

David Alaba hat im Moment viel Grund zum Danken
Lino Mirgeler DPA

David Alaba hat im Moment viel Grund zum Danken

Drittens: Die Freistöße von David Alaba sind unhaltbar. So wie Robert Lewandowski vor einer Woche auf Schalke, zirkelte nun auch der Österreicher einen Freistoß in den Winkel. Mit sieben direkt verwandelten Freistößen ist Alaba nun mit Marvin Plattenhardt Rekordhalter unter den aktuellen Bundesliga-Spielern. Nach Abpfiff verriet Alaba nicht nur, dass er nach dem Training unter der Woche oft noch eine halbe Stunde lang nur Freistöße übe, sondern auch, warum er sein Tor mit der Schnuller-Geste bejubelte: Im November wird er Vater.

Viertens: Das nächste Spiel wird das schwerste. Nach der Länderspielpause reist der FC Bayern in zwei Wochen nach Leipzig, zum Gipfelduell gegen das Team von Julian Nagelsmann, das in den ersten drei Spielen drei Siege holte und gerade am Freitag beim 3:1 in Mönchengladbach stark aufspielte. Da konnte Niko Kovac am Samstag noch so sehr betonen, in dieser Saison mit Berlin, Schalke und Mainz schon "drei Härtetests" gehabt zu haben: Das Top-Spiel in Leipzig wird der erste echte Gradmesser in dieser Saison. Ein Abendspiel, die langfristige Wetterprognose sagt 17 Grad und Regen voraus.

Auf eine hitzebedingte Trinkpause dürfen sich die Bayern nicht verlassen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine Bildunterschrift korrigiert. Robert Lewandowski jubelt nicht mit Alphonso Davies, sondern mit David Alaba.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
doppelnass 31.08.2019
1. Schade
Ich habe diesen Artikel, sogar von Herrn Kinast, der über einen schwachen Coutinho referiert, vor einer Stunde vorausgesagt. Leider wurde der Kommentar gelöscht. Egal. Er ist ja angekommen
doppelnass 31.08.2019
2. Wechselbäumchen
Vor einer Woche hatte Bayern das Problem, dass nur Lewandowski Tore machen kann. Heute werden die vielen torgefährlichen Spieler beschrieben. Was wohl in zwei Wochen ist.
aberchtold 31.08.2019
3. David Alaba oder Alphonso Davies
Wenn das auf dem ersten Bild (Trikot Nr 27) der Alphonso Davies ist, bin ich der Kaiser von China....
aberchtold 01.09.2019
4. David Alaba oder Alphonso Davies
Danke für die Korrektur!! Gruß aus Wien
oloh 01.09.2019
5. Thomas Müller
Zitat: >> "Es wird im Lauf der Saison viele verschiedene Aufstellungen geben", sagte Müller gelassen, "ich bin auch schon bissl länger dabei. Es gibt wenige Perioden, in denen Spiele am Stück mit ein und derselben Mannschaft bestritten werden." Was wohl heißen soll, dass Müller bald wieder mit einem Einsatz in der Startelf rechnet. Dann sitzt eben Coutinho auf der Bank.
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