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15. September 2019, 12:08 Uhr

Meisterkampf in der Bundesliga

Der FC Bayern hat wieder Gegner

Aus Leipzig berichtet Florian Kinast

Bayern München gewinnt seit Jahren den Meistertitel. Doch die absolute Dominanz brach der BVB bereits in der vergangenen Saison, und nach dem Topspiel in Leipzig ist klar: Schluss mit Langeweile!

Nach Abpfiff stand Niklas Süle noch etwas länger auf dem Platz. Immer wieder wischte er sich mit den Händen über den Hinterkopf, Süle ärgerte sich. Bayerns Innenverteidiger dürfte an die Szene in den letzten Sekunden der Nachspielzeit gedacht haben, an seinen Kopfball, den Leipzigs Torwart Péter Gulácsi noch phänomenal abwehrte und an den Pfosten lenkte. Es blieb beim 1:1 (1:1).

Es war der dramatische Schlusspunkt eines mitreißenden Spiels, und einer Partie, die Süle und seine Mitspieler frustrierte. "Wir waren angereist, um die Tabellenführung zu erobern", sagte Thomas Müller. Als sie abreisten und der Mannschaftsbus eine Stunde nach Spielende die Katakomben des Leipziger Stadions verließ, fuhren sie als Tabellendritter der Fußball-Bundesliga davon. Zwei Punkte hinter Leipzig, einen hinter Dortmund - man bekommt den Eindruck: Die Münchner haben auf ihrem Weg zum achten Meistertitel in Folge gleich starke Gegner.

Natürlich ist erst der vierte Spieltag vorbei, es sind noch 90 Punkte bis zum Saisonende im Mai zu vergeben. Und doch könnte dieses Spitzenspiel in diesem frühen Stadium ein kleiner Vorgeschmack auf den Rest der Saison gewesen sein - auf eine Spielzeit, in der sich ein Dreikampf um den Titel entwickeln könnte, in der sich RB Leipzig selbstbewusst anschickt, neben Dortmund und den Bayern um die Meisterschaft mitzuspielen. Die Zeiten, in denen die Münchner den nationalen Meistertitel mit 15 (Saison: 2016/2017), 19 (2013/2014) 21 (2017/2018) oder gar 25 Punkten (2012/2013) Vorsprung einfuhren, sie scheinen endgültig vorbei.

Bayern beginnt furios, dann stellt Nagelsmann um

Dabei hatte das Gipfeltreffen sogar eher typisch begonnen: Keine drei Minuten waren gespielt, schon lagen die Bayern in Führung durch den bisher überragenden Robert Lewandowski. In den Minuten danach bis zur Halbzeitpause spielten die Bayern mit ihrer besten Saisonleistung den überforderten Tabellenführer an die Wand, es war ein Klassenunterschied.

"Da hätten wir das Spiel frühzeitig entscheiden und höher führen müssen", sagte Kapitän Manuel Neuer, und mit dieser Einschätzung lag er richtig. Doch dann kam kurz vor der Halbzeit der Ausgleich, durch einen Foulelfmeter, den Lucas Hernández verursacht hatte, als er Yussuf Poulsen unnötig in die Hacken stieg. "Das Gegentor haben wir Leipzig geschenkt", sagte Müller später, am Tag nach seinem 30. Geburtstag: "Überreicht mit Schleifchen."

Doch es war weniger das Tor, das die Bayern nach dem Wechsel aus dem Konzept brachte. Vielmehr war es die Umstellung, die Julian Nagelsmann in der Halbzeit vornahm - eine Systemänderung, mit der er unter Beweis stellte, dass er mit seiner Flexibilität ein Spitzentrainer ist. Gemeint ist die Einwechslung von Diego Demme für Lukas Klostermann, die Umstellung auf eine Viererkette, mit Demme und Konrad Laimer auf der Doppelsechs. Leipzig kam nun stark durch die Mitte, erspielte sich einige Großchancen. Diese Taktik von Nagelsmann überrumpelte die Bayern, sie wirkten in den ersten 20 Minuten der zweite Hälfte besonders angeschlagen.

Ob Münchens Trainer Niko Kovac nicht früher Impulse hätte geben müssen, wurde Thomas Müller später noch gefragt. Ob es nicht Aufgabe des Trainers sei, auf den Schachzug des Kontrahenten sofort zu reagieren, gegenzusteuern? Er verneinte und sagte noch: "Bitte keine Feuer legen. Nicht so spät am Abend." Müller stellte dann gleich schmunzelnd die Gegenfrage an den Reporter: "Und, wie bewerten Sie die Arbeit von Ihrem Chef?"

Gulácsi deutet Meisterambitionen an

Am Ende hatte Leipzig aber auch etwas Glück, als Bayern wieder dominanter wurde, drei Topchancen vergab, zweimal Aluminium traf - weshalb Julian Nagelsmann nach dem Spiel sagte: "Das 1:1 ist nicht mega-unverdient, aber wenn ich hier als Verlierer säße, würde ich nicht sagen, dass ein Sieg der Bayern unverdient gewesen wäre."

Leipzigs Torwart Gulácsi deutete das Ziel dieser Saison an, als er sagte: "Das Unentschieden ist okay. Es ist nicht schlecht, gegen einen unmittelbaren Konkurrenten gepunktet zu haben." Ein durchaus bemerkenswertes Statement: ein unmittelbarer Konkurrent? Wer so spricht, will natürlich auch Deutscher Meister werden. In der vergangenen Saison hatte Borussia Dortmund den FC Bayern im Titelrennen bis zum Schluss unter Druck gesetzt. In diesem Jahr bekommt der Rekordmeister mit RB Leipzig noch einen zweiten Kontrahenten.

RB Leipzig - FC Bayern München 1:1 (1:1)
0:1 Lewandowski (3.)
1:1 Forsberg (45.+3, Elfmeter)
Leipzig: Gulácsi - Mukiele, Konaté, Orban - Klostermann (46. Demme), Laimer, Forsberg (69. Nkunku), Halstenberg - Sabitzer, Poulsen (81. Cunha), Werner
München: Neuer - Pavard, Süle, Boateng, Hernández - Kimmich, Thiago (88. Coutinho) - Coman, Müller (63. Tolisso), Gnabry (62. Davies) - Lewandowski
Gelbe Karten: Halstenberg, Nkunku, Laimer / Lewandowski, Boateng
Schiedsrichter: Stegemann
Zuschauer: 41.939 (ausverkauft)

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