Bayern-Ausfälle Kroos' Chance

Thiago verletzt, Schweinsteiger und Martínez gesperrt: Dem FC Bayern fehlen im Rückspiel gegen Manchester United zentrale Spieler. Nun kommt es ausgerechnet auf Toni Kroos an - den einzigen Mann, der die Idylle beim Triple-Sieger zuletzt trübte.

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Aus Manchester berichtet


Zumindest in einem waren sich Toni Kroos und Josep Guardiola an diesem Abend einig: Dass eigentlich gar nichts gewesen sei. "Ich habe ihn für seine großartige Performance gelobt", sagte der Trainer des FC Bayern München nach dem 1:1 (0:0) seines Teams in Manchester. Guardiola tat damit die kleine Diskussion zwischen ihm und seinem Spieler kurz nach dessen Auswechselung als Nichtigkeit ab, und auch Kroos war nach dem Abpfiff bemüht, das Thema möglichst zu vermeiden. "Ein, zwei taktische Sachen" seien das gewesen, mehr nicht.

Trotzdem war den wenigsten der 75.000 Zuschauer im Old Trafford entgangen, dass Guardiola und Kroos sich dort am Spielfeldrand nicht gerade herzlich begegnet waren. Dieser kurze Moment erinnerte vielmehr an eine Szene, die nun drei Monate zurückliegt. Damals, beim Bundesliga-Spiel gegen Stuttgart, hatte Guardiola Kroos ebenfalls ausgewechselt, dieser lief daraufhin wütend an seinem Trainer vorbei und warf die Handschuhe in Richtung Ersatzbank.

Beim darauffolgenden Spiel gegen Frankfurt wurde Kroos nicht aufgestellt, und seitdem wird man das Gefühl nicht los: Die Stimmung zwischen ihm und Guardiola ist etwas abgekühlt. Hinzu kommt, dass der 24-Jährige seinen 2015 auslaufenden Vertrag in München noch immer nicht verlängert hat; Kroos soll ein höheres Gehalt fordern, der Verein dazu aber nicht in gleichem Maße bereit sein. Zuletzt wurde Kroos deshalb sogar mit Manchester United in Verbindung gebracht.

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Es ist eine Ironie des Schicksals, dass nun ausgerechnet Kroos, der einzige Bayern-Spieler, um den es zuletzt unruhig war, im Viertelfinal-Rückspiel gegen Manchester am Mittwoch in München (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) die vielleicht wichtigste Rolle einnehmen muss. Denn außer dem am Knie verletzten Thiago werden in der kommenden Champions-League-Begegnung sowohl der gelb-rot-gesperrte Bastian Schweinsteiger als auch Javier Martínez (Gelbsperre) fehlen.

Guardiola hat eigentlich keine andere Wahl, als sein Spiel um Kroos und den defensiven Mittelfeldstrategen Philipp Lahm aufzubauen. Sich festlegen wollte er nach dem Unentschieden im Hinspiel aber noch nicht: "Klar ist nur, dass wir mit elf Spielern auflaufen werden", sagte er. Er wolle nach diesem Ergebnis ("Enttäuschend? Nein, überhaupt nicht!") und den Geschehnissen auf und neben dem Platz erst einmal ein gutes Glas Wein trinken und ein wenig "relaxen" - "und morgen werden wir anfangen, nach einer Lösung zu suchen".

"Froh über unsere Leistung"

Guardiola wirkte in der Pressekonferenz im Anschluss an die Partie dünnhäutiger als sonst, er sprach leise, wusste zunächst nicht, wo er hinsehen sollte, und als er einem englischen Journalisten auf eine ihm unliebsame Frage antwortete, verlangte er nachdrücklich, dass dieser ihm in die Augen schauen solle.

Der Bayern-Trainer gab sich zwar große Mühe, diesen Eindruck nicht entstehen zu lassen, doch die vergangenen Tage sind offenbar nicht spurlos an dem Spanier vorübergegangen. Das Unentschieden gegen Hoffenheim, die Verletzung seines Lieblingsspielers Thiago, das Remis in Manchester, die Spielersperren: Es lief schon runder beim alten und neuen Deutschen Meister. Trotzdem wollte Guardiola Hoffnung aus diesem Abend mitnehmen. "Ich bin froh über unsere Leistung, wir hatten 70 Prozent Ballbesitz. Gegen sieben bis acht Spieler im Strafraum ist es nicht leicht, Chancen zu kreieren", sagte er. Und auch hier stimmte Kroos ihm zu: "Wir waren dominant, haben unseren Gegner fast nur laufen lassen", sagte er.

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Ballbesitz - geht es nach diesem für Guardiola wichtigsten messbaren Wert, führt für ihn kein Weg an Kroos vorbei. Obwohl er in der 74. Minute ausgewechselt wurde, hatte Kroos nach Schweinsteiger (111) die meisten Ballkontakte (107). 96 Prozent seiner Pässe kamen beim Mitspieler an, übertroffen wurde er dabei nur von Lahm (97 Prozent). Wenngleich ihm gegen Manchester ein ungewohnter Fehler bei der Ballannahme unterlief: Guardiola weiß, was er an seinem Mittelfeldspieler hat. Aber er weiß ebenso, was er nicht haben will: renitente, divenhafte Fußballer. Respekt und gute Umgangsformen sind Guardiola wichtig, solche Störungen, wie sie Kroos zuletzt ins Team brachte, hingegen ein Dorn im Auge.

So lassen sich auch Guardiolas Worte deuten, als er betonte, was für ein "guter Kerl" Kroos sei. Er habe mit dem Spieler und dem Verein geredet und gesagt, dass er Kroos gern behalten wolle - doch er sei "nur Trainer, nicht Manager". Es war durchaus ein Bekenntnis zu Kroos, doch ohne jene Leidenschaft, mit der Guardiola über Spieler wie Thiago oder Lahm spricht.

Kroos hat es als designierter Spielgestalter am kommenden Mittwoch nun in der Hand, nicht nur seinen Trainer, sondern auch den Rest des Vereins davon zu überzeugen, wie viel er für die Bayern tatsächlich wert ist.

Manchester United - Bayern München 1:1 (0:0)
1:0 Vidic (58.)
1:1 Schweinsteiger (66.)
Manchester: De Gea - Jones, Ferdinand, Vidic, Büttner (74. Young) - Fellaini, Carrick, Giggs (46. Kagawa) - Valencia, Rooney, Welbeck (85. Chicharito)
München: Neuer - Rafinha, Martínez, Boateng, Alaba - Lahm, Schweinsteiger - Robben, Toni Kroos (74. Götze), Ribery - Müller (63. Mandzukic)
Schiedsrichter: Carlos Velasco Carballo (Spanien)
Zuschauer: 75.199
Gelb-Rote Karte: Schweinsteiger wegen wiederholten Foulspiels (90.)
Gelbe Karten: Valencia - Mandzukic (2), Martínez (3)

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theodorzaloschnik 02.04.2014
1.
Mit seinem Vertragspoker macht er sich nicht gerade sympathisch. Ebenso die Tatsache wie er seine Launen offenherzig auf dem Rasen präsentiert.
matthäuspassion 02.04.2014
2. 2 Dinge
hat mir das Spiel gestern deutlich gemacht. Gegen die Bayern wirkt die simple Beton-Taktik, wenn du Top-Spieler hast (Edel-Standfußball). Was dem FCB immer noch fehlt ist leider eben ein Top-Top-Top-Strafraum-Killer á la Messi. Der FCB hat Spitzenspieler, keine Frage, aber um den ehemaligen Barcelona-Spiel-Modus modifiziert ohne einen Messi ähnlich effizient umzusetzen, müssten die Kurzpässe vor dem 16er und hinein einfach noch präziser und vor allem kreativer sein. Die Laufwege sind ebenfalls noch im Trainings-Modus. Ja und der Toni, ich beobachte seine Entwicklung seit 2009. Er hat diese Weltklasse-Tage, wie zuletzt gegen Arsenal (in London), aber sehr oft bewegt er sich im unauffälligen gut-aber-nicht-top-Bereich, das reicht dann wie auch gestern nicht, um entscheidend am Sieg mitzuwirken. Als ewiges Talent kann man das jetzt auch nicht mehr betrachten, denn das hat einen negativen Beigeschmack. Die Leistungsexplosion ist bei Toni Kroos jederzeit möglich. Ich denke, mit mehr Mentaltraining ginge da was. Natürlich knapp bis nächste Woche, aber vielleicht hat er wieder mal einen Weltklasse-Tag. Wünsche ich ihm.
tialo 02.04.2014
3.
Zitat von sysopGetty ImagesThiago verletzt, Schweinsteiger und Martínez gesperrt: Dem FC Bayern fehlen im Rückspiel gegen Manchester United zentrale Spieler. Nun kommt es ausgerechnet auf Toni Kroos an - den einzigen Mann, der die Idylle beim Triple-Sieger zuletzt trübte. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-bayern-in-manchester-toni-kroos-nach-schweinsteiger-sperre-a-962102.html
Toni Kroos ist einer dieser Spieler, bei dem ich selbst nie so ganz weiß, ob ich ihn gut oder schlecht finden soll. Es gibt manchmal Tage, da bringt er absolute Topleistungen, dann hat er wieder mehrere Spiele hintereinander, wo er mir so gar nicht gefällt. Vor allem die Tatsache, dass er oft das Spiel langsam macht und gute, schnelle Angriffe verschleppt, stößt mir sauer auf. Im ManU-Rückspiel muss man ihn ja notgedrungen aufstellen, weil sonst kein Personal mehr da ist: Neuer - Alaba, Dante, Boateng, Rafinha - Lahm - Ribery, Kroos, Götze, Robben - Mandzukic So dürfte die Startelf wohl nächste Woche aussehen und mit solch einem Team sollte ManU dann nun wirklich zu schlagen sein.
danelectro 02.04.2014
4. Und Götze...
...ist ja wohl auch noch da.
les2005 02.04.2014
5.
Allein seine Fähigkeit, aus größerer Entfernung durch harte präzise Schüsse Tore erzielen, ist an sich in einer Situation wie gestern Gold wert. Leider hat er sie gestern nicht demonstrieren können. Hoffentlich dafür nächste Woche.
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