Bayerns Sieg gegen Chelsea in der Champions League Überzeugt von sich selbst - und sonst von niemandem

Bayerns 3:0 bei Chelsea war ein Statement an die europäische Konkurrenz. Sinnbildlich für das wiedererstarkte Team stand Robert Lewandowski. Und Coach Hansi Flick bekam eine überraschende Botschaft.
Aus London berichtet Florian Kinast
Mit zwei Assists und einem Tor hatte Bayerns Robert Lewandwoski (links) maßgeblichen Anteil am Sieg gegen Chelsea, David Alaba und Alphonso Davies (von links) jubeln mit

Mit zwei Assists und einem Tor hatte Bayerns Robert Lewandwoski (links) maßgeblichen Anteil am Sieg gegen Chelsea, David Alaba und Alphonso Davies (von links) jubeln mit

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Sven Hoppe/ dpa

Kurz vor Ende der Nachspielzeit erhöhte Thomas Müller noch einmal den Druck. Chelseas Torwart Willy Caballero hatte den Ball am Fuß, als Müller im wilden Sprint heranstürmte. Als wollte er es allen zeigen, sich selbst mit diesem grandiosen 3:0 nicht zufriedengeben zu wollen. Dass er stattdessen gierig war auf das vierte Tor.

Es war aber nicht nur diese eine letzte Szene in einem denkwürdigen Achtelfinale, die beeindruckte - der ganze Auftritt des FC Bayern an der Stamford Bridge war ein starkes Zeichen. "Ein wichtiges Statement", wie es Manuel Neuer ausdrückte, der dann ergänzte: "Wir haben gezeigt, dass wir auch gegen starke Mannschaften die bessere Mannschaft sind." Ein Signal, dass es die Bayern in dieser Saison wieder ernst meinen mit ihren Ambitionen in der Champions League. Dass sie hungrig sind auf den Henkelpott.

Dabei war vor dieser Partie noch unklar, wo das Team wirklicht steht. Wie weit es ist, vor allem im internationalen Vergleich. Ein 4:1 in Köln, ein 3:2 gegen Paderborn, der mitunter holprige Bundesliga-Alltag eignete sich nicht wirklich als tauglicher Gradmesser für eine europäische Standortbestimmung. Und dann kamen ja noch die Schatten der Vergangenheit hinzu: Das verlorene Finaldrama 2012 gegen Chelsea als Reminiszenz an ein altes Trauma – und noch viel mehr das Achtelfinale vor genau einem Jahr, das Aus gegen den FC Liverpool. Bei allen Qualitätsdefiziten der Blues aus London gegenüber den Reds aus Anfield: Gerade die Art und Weise war bemerkenswert, wie die Bayern an der Stamford Bridge auftraten, wie sie Spiel und Gegner dominierten, ganz anders als vor einem Jahr, wie überzeugt sie waren. Von sich selbst und sonst von niemandem.

Chelsea? Na und.

Genau dieses Selbstverständnis, dieses Selbstbewusstsein schien den Bayern lange abhandengekommen zu sein. Stattdessen wirkten sie oft zweifelnd, suchend, rätselnd, gerade in der Amtszeit von Niko Kovac. Kovac war und ist unbestritten ein sehr guter Trainer, der aber zu oft von den Stärken des Gegners sprach als von denen seiner Mannschaft, so war das gerade vor dem Spiel gegen Liverpool.

Jetzt, genau ein Jahr später, war an diesem Dienstagabend im Südwesten Londons zu sehen, wie sehr die Bayern wieder den Glauben an sich gefunden haben. Chelsea? Na und.

Eine der Symbolfiguren, die man guten Gewissens sinnbildlich für den wiedererstarkten FC Bayern heranziehen konnte, war an diesem Abend Robert Lewandowski. Nicht nur, weil er mit dem Tor zum 3:0 erstmals nach mehr als zwei Jahren wieder in einem K.-o.-Spiel der Champions League traf – viel mehr zeigte es sich daran, wie er sich sonst einbrachte, wie er uneigennützig die ersten beiden Tore von Serge Gnabry vorbereitete, wie er nach hinten arbeitete, Bälle im Rückwärtsgang zurückeroberte. Es war ein ganz anderer Lewandowski als der, der sich vor zwei Jahren noch murrend aus München wegstänkern wollte. Es stimmt wieder bei ihm und bei allen Bayern.

Eine Botschaft in Richtung Hansi Flick 

So war es dann auch an Thomas Müller, die nächsten Ziele ganz klar und eindeutig zu formulieren. Der Mannschaftsbus stand schon abfahrbereit in Richtung Hotel, als Müller zu den europäischen Ambitionen sagte: "Was ich schon im Vorfeld gesagt habe: Man hat schon das Gefühl, dass da was geht." Um wenig später nachzulegen und zu zeigen, dass er nichts hält vom Herumgerede und rein vagen Zielsetzungen: "Ich habe den Triumph, den wir anstreben, ganz bewusst formuliert. Dass wir absolut in der Lage sind, die Champions League zu gewinnen. Das 3:0 heute war nicht das Ergebnis des heutigen Abends, sondern die Konsequenz unserer Arbeit der vergangenen Wochen und Monate." Eine Würdigung in Richtung Hansi Flick, dessen Zukunft als möglicher Cheftrainer in München vor allem vom Abschneiden in der Champions League abzuhängen schien.

Doch dann sorgte Karl-Heinz Rummenigge beim anschließenden Mannschaftsbankett für eine Überraschung – als er nämlich bereits da unmissverständlich Flicks Zukunft bei Bayern über den Sommer hinaus andeutete. 

Hansi Flick (Mitte) gibt seinem Doppeltorschützen Serge Gnabry Instruktionen

Hansi Flick (Mitte) gibt seinem Doppeltorschützen Serge Gnabry Instruktionen

Foto: ANDY RAIN/EPA-EFE/REX

Karl-Heinz Rummenigge hielt wie immer eine Rede, er lobte den Charakter des Teams und überreichte am Ende Flick ein Präsent, nachträglich zum 55. Geburtstag, eingewickelt in rotes Geschenkpapier. Und noch bevor Flick auspacken konnte, verriet der Vorstandsboss: "Für alle, die nicht wissen, was da drin ist, es ist ein Stift. Und mit einem Stift beim FC Bayern unterschreibt man ja manchmal auch Papiere." Auch das ein Statement. Ein klares Bekenntnis pro Flick. Es dauerte einige Sekunden, bis jeder im Raum diese Aussage verinnerlicht hatte. Dann gab es lauten Applaus.

Ob Flick am 30. Mai mit den Bayern dann wirklich die Champions League gewinnt, ist nicht abzusehen. Trotz der Gala am Dienstag, trotz des siebten Sieges im siebten Champions-League-Spiel in dieser Saison: Der Weg zum Finale nach Istanbul ist noch sehr weit. "Das Mannschaftsgefüge stimmt", sagte Müller noch, "das stimmt einen hoffnungsvoll. Aber ich bin auch lange genug dabei, um zu wissen, dass man in den engen Spielen dann auch das Quäntchen Glück braucht." Man muss die Bayern nach diesem Abend daher auch noch lange nicht als haushohen Favoriten bejubeln. Klar ist aber, sie sind bereit und gerüstet für den Rest der Saison, für die anstehenden drei Monate.

Die Viertelfinal-Qualifikation ist so gut wie fix, dann wartet wieder ein hochkarätiger Gegner. Letztlich ist es aber laut dem alten Neuer’schen Lehrsatz aus dem Jahre 2020 ganz einfach: Man muss gegen starke Mannschaften nur die bessere Mannschaft sein. Dann kann was gehen.

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