SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. März 2019, 15:12 Uhr

Zukunft des FC Bayern

Bloß keine Rücksicht mehr

Von Christoph Leischwitz, München

Der Bundestrainer ist beim FC Bayern zur Reizfigur geworden. Dabei könnte Joachim Löw einen Lerneffekt bieten: Wie der Umbruch in einer überalterten Mannschaft schnell und radikal vollzogen werden muss.

"Viel Erfolg auf dem Weg ins Viertelfinale - auf geht's Jungs!" Ein FC Bayern-Fan hatte acht Stunden vor dem Spiel ein Selfie-Video auf Twitter eingestellt, er blickte hoffnungsfroh in die Kamera und sah wirklich so aus, als wolle er die Spieler noch einmal zusätzlich motivieren vor ihrem Rückspiel gegen den FC Liverpool. Sein Name: Philipp Lahm.

Was er und Millionen andere zu sehen bekamen war stattdessen: ein Abschied im Achtelfinale, dank einer 1:3-Heimniederlage. Und dazu passend ein paar Spieler, die im Gegensatz zu Lahm offensichtlich den rechtzeitigen Absprung verpasst haben. Der früheste Bayern-Abschied aus der Champions League seit 2011 lieferte erste Bilder vom Ende einer Ära beim FC Bayern. Als Franck Ribéry in der 61. Minute ausgewechselt wurde, nahm er einen kleinen Umweg, er lief nicht über das Feld zur Bank, sondern ging noch mal an der Südkurve vorbei, dort, wo die Fans stehen, die so oft seinen Namen gesungen hatten in den vergangenen zwölf Jahren. Kurz blickte er noch einmal zu ihnen hoch, das war's, das letzte große Spiel auf internationaler Bühne.

Dann war da noch der traurig dreinblickende Mats Hummels, der beim Schlusspfiff dem Ball auf dem Weg in den Münchner Nachthimmel nachsah. Und Rafinha wird in Erinnerung bleiben für das gemeinsam mit Manuel Neuer verschuldete 0:1. Arjen Robben, zurzeit verletzt, saß auf der Haupttribüne. Auch er wird, wie Ribéry und Rafinha, höchstwahrscheinlich kein Champions-League-Spiel mehr bestreiten. Bei allen dreien läuft im Sommer der Vertrag aus.

Fairerweise muss erwähnt werden: Ribéry hätte kaum von Beginn an gespielt, wenn Kingsley Coman fit gewesen wäre. Das Spiel war aber nun einmal darauf aufgebaut, über die Flügel zu kommen, und damit war der 35-Jährige klar überfordert. Der zuletzt auch viel gescholtene Hummels spielte zwar ordentlich. Doch niemand aus der alten Garde wuchs über sich hinaus, niemand hatte eine zündende Idee, um Liverpool in Verlegenheit zu bringen. "Der Funke ist auch nie vom Feld auf die Zuschauer übergesprungen", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Deutlich vor dem Schlusspfiff waren die meisten Zuschauer schon gegangen.

Diesmal saßen Oliver Bierhoff und Joachim Löw als Zuschauer oben auf der Tribüne, während Hummels, Neuer und Boateng, Letzterer als Aufwärmspieler am Seitenrand, mal wieder so früh wie seit Ewigkeiten nicht mehr aus einem großen Vereinswettbewerb ausschieden. Doch das kollektive Empfinden in der Münchner Arena war ähnlich jenem nach dem verlorenen WM-Spiel gegen Südkorea: Jetzt spielen die anderen weiter, ohne den FC Bayern ebenso wie in Russland ohne die Nationalmannschaft. Jetzt schauen alle nur noch zu.

Und die Abmoderation der ernüchternden Erkenntnis - wir waren nicht gut genug, um mit der Spitze mithalten zu können - geriet den Bayern ähnlich unelegant wie seinerzeit den Verantwortlichen der Nationalmannschaft. Zumindest am Mittwochabend. Da sagte Präsident Uli Hoeneß nur einen einzigen Satz: "Liverpool hat einfach besser gespielt und deshalb verdient gewonnen." Ein Satz, der nicht ansatzweise die Tragweite dessen beschrieb, was da gerade passiert war. Beim DFB drang die Notwendigkeit eines radikalen Umbruchs erst Monate später durch.

Kaderplanung basiert auf falscher Annahme

"Wir werden einiges machen", kündigte Salihamidzic im Hinblick auf künftige Verpflichtungen auf dem Transfermarkt an, "aber wir haben trotzdem gute Spieler, die das heute hätten machen können." Mit anderen Worten: Die Kaderplanung basiert schon jetzt auf einer falschen Annahme: Dass schon jetzt genug dabei sind, die für den nötigen Neuaufbau bereitstehen. Dabei gibt es genügend Positionen, auf denen neue Spieler nötig sind, ohne Rücksicht auf Verdienste.

Auf die Frage, warum alle drei deutschen Mannschaften gegen drei englische Teams ausgeschieden waren, und zwar ziemlich krachend, wich Neuer einfach aus. "Wir schauen da nur auf uns, wir haben in Liverpool ja ein gutes Spiel gemacht. Liverpool ist eine Spitzenmannschaft in England, da kann man verlieren."

Hummels wurde ein wenig nostalgisch. Es gebe keinen Streit mit dem Bundestrainer. Aber "das Thema", sprich: die Enttäuschung über den Rauswurf, werde immer wieder hochkochen. Zum Beispiel in der nächsten Länderspielpause. "Gefühlt die erste, seit ich 14 bin, in der ich nicht auf Reisen bin", sagte er. Für die Bayern seien die Ziele klar: die beiden nationalen Titel holen.

"Wir müssen jetzt natürlich versuchen, nicht in ein Loch zu fallen, wie es uns letztes Jahr nach dem Halbfinal-Aus passiert ist." Neuer sagte, der vergangene Sommer sei nicht schön gewesen. Er meinte das verlorene Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt, das wolle man nicht wiederholen. Um das zu erreichen, müssen sie nun darauf achten, gegen Mainz und Freiburg in der Liga sowie gegen Heidenheim im Pokal nicht in ein Loch zu fallen.

Trainer Niko Kovac kommt nun keine geringere Aufgabe zu, als den Umbruch zu dirigieren, und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Abstand zur europäischen Spitze nicht zu groß wird. Über den FC Liverpool hatte Hummels gesagt, er habe die Bayern "Klopp-like" nicht zur Entfaltung kommen lassen. Die Frage ist, ob es eines Tages ein ähnlich geartetes "Kovac-like" geben wird.

Bayern München - FC Liverpool 1:3 (1:1)
0:1 Mané (26.)
1:1 Matip (Eigentor, 39.)
1:2 van Dijk (69.)
1:3 Mané (84.)
Bayern: Neuer - Rafinha, Süle, Hummels, Alaba - Martínez (72. Goretzka), Thiago - Gnabry, James (79. Sanches), Ribéry (61. Coman) - Lewandowski
Liverpool: Alisson - Alexander - Arnold, Matip, van Dijk, Robertson - Henderson (13. Fabinho) - Wijnaldum, Milner (87. Lallana) - Salah, Firmino (83. Origi), Mané
Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)
Gelbe Karten: Martínez, Sanches / Matip, Fabinho
Zuschauer: 70.000 (ausverkauft)

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung