Bayern-Bosse Rummenigge und Hoeneß Die Doppelmoralapostel

"Zynisch und unsolidarisch": Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß haben wieder einmal klargestellt, dass die Bundesliga dem FC Bayern Dank schulde. Wie lange wollen andere Vereine sich das noch gefallen lassen?

Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Peng Haibin (von links)
Getty Images

Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Peng Haibin (von links)

Ein Kommentar von


Es ist Tradition wie das Bundesliga-Sonderheft: Vor der neuen Saison gibt es eine PR-Offensive des FC Bayern München. Präsident Uli Hoeneß hat in dieser Woche vor Millionentransfers gewarnt - Vorstand Karl-Heinz Rummenigge Vereine als "zynisch und unsolidarisch" kritisiert, die in Europa trainieren, statt in Asien für die Bundesliga zu werben.

Zu kritisieren ist dabei gar nicht in erster Linie die PR der Münchner selbst. Natürlich will sich der Verein in einem möglichst positiven Licht darstellen. Dass es gelingt, einen großen Teil der Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der viertreichste Fußballklub der Welt mit einem Jahresumsatz von fast 600 Millionen Euro ganz anders funktioniere als Manchester City, Real Madrid und Barcelona, das ist vor allem ein Problem der Öffentlichkeit.

Es geht dabei gar nicht nur darum, dass ein Mann, der wegen Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe verurteilt worden ist, beklagen kann, es werde "mit dem Geld um sich geschmissen, als wenn eine Million nichts mehr wäre. Das halte ich doch für sehr bedenklich". Auch, dass genau das in vielen Medien als "Klartext" gefeiert wird, ist nichts Neues.

Renato Sanches - den Fans noch zu vermitteln?

Die aktuellen Äußerungen haben in ihrer Widersprüchlichkeit aber eine neue Qualität. Hoeneß sagt zu den Transfersummen: "Ich frage mich, ob das auf Dauer den Zuschauern und den Fans noch zu vermitteln ist. Die Verantwortlichen müssen sich schon die Frage stellen, ob das alles noch vernünftig ist." Vor einem Jahr hat der FC Bayern 35 Millionen Euro für den damals 18 Jahre alten Renato Sanches ausgegeben, der nach dem sechsten Spieltag nur noch zweimal in der Startelf eines Bundesligaspiels stand.

War das den Zuschauern zu vermitteln? Findet "der normale Zuschauer" 40 Millionen Euro für Corentin Tolisso angemessen und nachvollziehbar, aber 65 Millionen Euro für Álvaro Morata nicht? Das ist eine völlig willkürliche Annahme, es sei denn, man legt immer genau die Ablösesummen, die Bayern München zahlen kann und will, als Maßstab der Vernunft zugrunde.

Erstaunlich ist auf den ersten Blick auch Hoeneß' Formulierung "die Verantwortlichen", die suggeriert, es werde irgendwo ein großer Transferzirkus aufgeführt, mit dem der FC Bayern nichts zu tun habe. Die Bayern inszenieren sich, und hier schließt sich der Kreis zu Rummenigges Aussagen, nicht als einer der größten Klubs im Wettstreit mit anderen Vereinen, sondern als eine Art "FC Deutschland", dem alle anderen deutschen Vereine danken müssten, dass er "den deutschen Fußball" vertrete und vermarkte.

Im Video: Rummenigge kritisiert Hasenhüttl

imago

Hannover-Schals in Shanghai

Vor diesem Hintergrund kann Rummenigge die Skepsis von RB-Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl gegenüber Asienreisen zurückweisen, denn Bayern opfere sich praktisch für die ganze Bundesliga auf, um in China für den deutschen Fußball zu werben. Nun sind die Stadien in Asien bei Spielen selbst von Bayern und Dortmund halb leer, wenn sie nicht gegen englische Spitzenteams spielen. Die Vorstellung aber, dass Hannover 96 in Shanghai mehr Schals verkauft, weil Bayern vorher in Shenzhen gekickt hat, ist absurd.

Rummenigges Argumentation ist auch darüber hinaus widersprüchlich: Bundesligisten gingen "den einfachen Weg", wenn sie ihr Trainingslager in den Alpen aufschlügen, sagte er. Andererseits feierte er die Asienreise der Bayern als vollen Erfolg. Was denn nun: Haben sich die Münchner durch große Strapazen für die Allgemeinheit geopfert? Oder haben sie mit einem "perfekten Trainingslager" (Rummenigge) ihre Marktmacht ausgenutzt, um einen Wettbewerbsvorsprung gegenüber der deutschen Konkurrenz zu gewinnen? Beides zugleich geht nicht, aber genau das will uns der Verein weismachen.

Die Interessen des FC Augsburg sind nicht die Interessen des FC Bayern. Diese simple Wahrheit jedes Wettbewerbs wird hierzulande seit jeher gern mit der wolkigen Formulierung "der deutsche Fußball" verschleiert, die so tut, als sei das, was Bayern München nützt, auch gut für die Konkurrenz und gut für die Nationalelf und gut für die Amateure.

Vor diesem Hintergrund fordert Rummenigge "Solidarität" ein von Konkurrenzklubs, die schon lange jede Hoffnung aufgegeben haben, jemals wieder um den Titel des Deutschen Meisters mitspielen zu können. Die Bundesliga jedenfalls braucht dringend mehr Ausgeglichenheit und Chancengleichheit. Sich wie Schafe zur Schlachtbank einer immer größeren Bayern-Dominanz führen zu lassen und sich dabei noch beschimpfen zu lassen: Das jedenfalls sollte dem einfachen Fan nicht mehr zu vermitteln sein.

Mehr zum Thema


insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jack14 27.07.2017
1. Frust
Man kann das so sehen. Aber ich glaube, dass die Bayern einfach jetzt schon ahnen, dass es mit einem Titel in Europa wohl wieder nichts wird. Falscher Trainer, Fehleinkäufe der vergangenen Jahr, überalterte Stars ... . Vielleicht merkt Uli aber auch, dass die Leute auf diese Art Monopoly Fußball keinen bock mehr haben. Vielleicht bringen die freien TV Sender ja demnächst die 4. Liga. Schau ich halt dort mal rein. Auch Frauen Fußball kann interessant sein...
spadoni 27.07.2017
2. Moralapostel
Beiden haben ein gut gefülltes Führungszeignis, spielen sich aber hier als Moralapostel auf anstatt sich in Demut zu üben!!! Diese Leute haben nichts dazu gelernt und halten sich selbst für die grössten. Dabei sind beide mit Ihrem arroganten Gehabe wenig glaubwürdig und ich denke die wenigsten Leute nehmen sie noch ernst!
Sal.Paradies 27.07.2017
3. Jetzt also doch ein Thema?
Zu diesem Thema hatte ich heute in einem anderen Thread einen langen Text verfasst, der auf genau diese widersprüchlichen Unstimmigkeiten einging, nur das er, warum auch immer, nicht frei gegeben wurde. Ich ging darauf ein, dass Rummenigge R.Hassenhüttl wegen seiner Äußerungen kritisierte, dass den Spielern auf diesen Asien-Touren ziemlich viel zugemutet wurde. Rmmenigge strafte Hassenhüttl nicht nur für dessen Aussage ab, er hatte auch noch die Chuzpe Vereinen die "nicht" nach Asien gingen "unsolidarisches" Verhalten vorzuwerfen, weil die ja nix für die Bundesliga tun, was "Werbung" in SOA angeht. Wirklich bizarr und zudem heuchlerisch, weil der FCB ganz bestimmt nicht wegen seiner BuLi-Wettbewerber dort die Werbetrommel rührt, sondern weil sie bei diesem Markt in der 1.Reihe stehen wollen. Gleichzeitig gibt U.Hoeneß in Shanghai ein Interview, in dem er die hohe Belastung beklagt und alles auf den Prüfstand heben möchte, ob das auch im nächsten Jahr so gemacht werden wird? Also genau dasselbe was Hassnhüttl sagte, mit der Ausnahme, dass Rummanigge seinen Kollegen nicht dafür rüffelte. Die Bayern schauen seit jeher, dass sie immer ganz ganz vorne an den Trögen stehen, was durchaus legitim ist. Jetzt aber so tun, als machen sie das für die anderen Bundesligisten, ist hochgradig verlogen und sucht seinesgleichen. So gesehen, kann ich die Frage von Hr.Raecke verstehen, wie lange sich die Anderen diese Chuzpe noch gefallen lassen wollen? Und nicht nur die, sondern auch all die Fans, die diese Aussagen als genau das empfinden was sie sind = hochtrabender Quark !!
cave100 27.07.2017
4. Konsequent
Einfach konsequent nicht mehr zu den Spielen des FC Bayern-München gehen, das wird sich zwar nur Auswärts durchziehen lassen, weil die Fans der Bayern, das denken, mit dem Kauf der Jahreskarte, eingestellt haben.
Ignorant00 27.07.2017
5. Differenzierung
Sehr oft kann man den Bayernverantwortlichen das Messen mit zweierlei Maß, Widersprüche und puren Eigennutzen in Ihren Aussagen unterstellen. Bei den beiden jetzt genannten Besipielen würde ich das jedoch ein wenig differenzieren: Womit der Autor vollkommen recht hat: Rummenigge widerspricht sich komplett und als ich das erste Mal das Interviwe gesehen habe, habe ich mich gefragt, wie bescheuert das denn ist und warum das denn keinem BayernFan auffällt und warum er damit immer durchkommt. Bis einem einfällt, das er damit ja in der Tradition des Kaisers steht, dessen Aussagen auch maximal eine Halbwertzeit einer Halbzeitpause hatten. Stringent ist jedoch seine Logik, das man im Ausland werben muss, wenn man denn die TV-Gelder steigern will: was wiederum allen BuLi Vereinen zugute kommt. Aber: Hier sind wir beim zweiten Punkt: Der Hoeneß Aussage! Hoeneß kritisiert die nicht vermittelbaren Spielertransfersummen, aber alle sorgen dafür, das immer mehr Geld in den Kreislauf Profifußball geschwemmt wird: Wir "müssen" uns für Investoren öffnen (aka 50+1 kippen) und wir "müssen" die Auslandsvermarktung ankurbeln. Wo soll den das Geld hin, wenn nicht in Transfersummen und Spielergehälter? Das ist doch die eigentlich Krux, die das Spiel von den Zuschauern entfremdet: Als Fußballfan machen Auslandsvermarktung und Investoren mir mein Hobby kaputt, aber alle Vereine drehen weiter an dem Rad. Ich will eine spannende Bundesliga mit tollen Traditionsderbys und dem Fokus auf Fußball! Stattdessen bekomme ich immer mehr Retortenclubs und eine mehrfach geteilte Liga in der Vereine um Ihre eigenen Zielsetzungen spielen und für einen Meistertitel maximal 1-3 Vereine in Frage kommen. Was habe ich als Fan davon, wenn zB in Südkorea Menschen BuLi oder Premier League schauen? Sollen die doch vornehmlich Ihre eigene Liga unterstützen und verbessern. Fußball lebt von den Fans und meines Ermessens auch vom Livesport im Stadion und dem räumlichen Bezug. Wenn ich Montags Morgens im Ruhrgebiet ins Büro komme, dann kann ich mit Bayern, Schalke, Dortmund, Gladbach, Köln, Bremen und vielen mehr frotzeln und diskutieren. Wie blöd wäre es, wenn jetzt einer Manchester Fan, einer Barcelona, einer AC Mailand Fan wäre? Ich bin inzwischen Freund von einer "Europaliga". Dann können sich die Vereine mit ähnlicher Marktmacht auf Augenhöhe messen und ich kann das Produkt Bundesliga wieder mehr geniessen. Die Europaliga wird weltweit vermarktet und die Bundesliga konzentriert sich auf die Fans vor Ort und im Stadion :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.