Bayern-Bosse Rummenigge und Hoeneß Die Doppelmoralapostel

"Zynisch und unsolidarisch": Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß haben wieder einmal klargestellt, dass die Bundesliga dem FC Bayern Dank schulde. Wie lange wollen andere Vereine sich das noch gefallen lassen?
Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Peng Haibin (von links)

Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Peng Haibin (von links)

Foto: Alexander Hassenstein/ Bongarts/Getty Images

Es ist Tradition wie das Bundesliga-Sonderheft: Vor der neuen Saison gibt es eine PR-Offensive des FC Bayern München. Präsident Uli Hoeneß hat in dieser Woche vor Millionentransfers gewarnt - Vorstand Karl-Heinz Rummenigge Vereine als "zynisch und unsolidarisch" kritisiert, die in Europa trainieren, statt in Asien für die Bundesliga zu werben.

Zu kritisieren ist dabei gar nicht in erster Linie die PR der Münchner selbst. Natürlich will sich der Verein in einem möglichst positiven Licht darstellen. Dass es gelingt, einen großen Teil der Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der viertreichste Fußballklub der Welt mit einem Jahresumsatz von fast 600 Millionen Euro ganz anders funktioniere als Manchester City, Real Madrid und Barcelona, das ist vor allem ein Problem der Öffentlichkeit.

Es geht dabei gar nicht nur darum, dass ein Mann, der wegen Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe verurteilt worden ist, beklagen kann, es werde "mit dem Geld um sich geschmissen, als wenn eine Million nichts mehr wäre. Das halte ich doch für sehr bedenklich". Auch, dass genau das in vielen Medien als "Klartext" gefeiert wird, ist nichts Neues.

Renato Sanches - den Fans noch zu vermitteln?

Die aktuellen Äußerungen haben in ihrer Widersprüchlichkeit aber eine neue Qualität. Hoeneß sagt zu den Transfersummen: "Ich frage mich, ob das auf Dauer den Zuschauern und den Fans noch zu vermitteln ist. Die Verantwortlichen müssen sich schon die Frage stellen, ob das alles noch vernünftig ist." Vor einem Jahr hat der FC Bayern 35 Millionen Euro für den damals 18 Jahre alten Renato Sanches ausgegeben, der nach dem sechsten Spieltag nur noch zweimal in der Startelf eines Bundesligaspiels stand.

War das den Zuschauern zu vermitteln? Findet "der normale Zuschauer" 40 Millionen Euro für Corentin Tolisso angemessen und nachvollziehbar, aber 65 Millionen Euro für Álvaro Morata nicht? Das ist eine völlig willkürliche Annahme, es sei denn, man legt immer genau die Ablösesummen, die Bayern München zahlen kann und will, als Maßstab der Vernunft zugrunde.

Erstaunlich ist auf den ersten Blick auch Hoeneß' Formulierung "die Verantwortlichen", die suggeriert, es werde irgendwo ein großer Transferzirkus aufgeführt, mit dem der FC Bayern nichts zu tun habe. Die Bayern inszenieren sich, und hier schließt sich der Kreis zu Rummenigges Aussagen, nicht als einer der größten Klubs im Wettstreit mit anderen Vereinen, sondern als eine Art "FC Deutschland", dem alle anderen deutschen Vereine danken müssten, dass er "den deutschen Fußball" vertrete und vermarkte.

Im Video: Rummenigge kritisiert Hasenhüttl

kicker.tv

Hannover-Schals in Shanghai

Vor diesem Hintergrund kann Rummenigge die Skepsis von RB-Leipzig-Trainer Ralph Hasenhüttl gegenüber Asienreisen zurückweisen, denn Bayern opfere sich praktisch für die ganze Bundesliga auf, um in China für den deutschen Fußball zu werben. Nun sind die Stadien in Asien bei Spielen selbst von Bayern und Dortmund halb leer, wenn sie nicht gegen englische Spitzenteams spielen. Die Vorstellung aber, dass Hannover 96 in Shanghai mehr Schals verkauft, weil Bayern vorher in Shenzhen gekickt hat, ist absurd.

Rummenigges Argumentation ist auch darüber hinaus widersprüchlich: Bundesligisten gingen "den einfachen Weg", wenn sie ihr Trainingslager in den Alpen aufschlügen, sagte er. Andererseits feierte er die Asienreise der Bayern als vollen Erfolg. Was denn nun: Haben sich die Münchner durch große Strapazen für die Allgemeinheit geopfert? Oder haben sie mit einem "perfekten Trainingslager" (Rummenigge) ihre Marktmacht ausgenutzt, um einen Wettbewerbsvorsprung gegenüber der deutschen Konkurrenz zu gewinnen? Beides zugleich geht nicht, aber genau das will uns der Verein weismachen.

Die Interessen des FC Augsburg sind nicht die Interessen des FC Bayern. Diese simple Wahrheit jedes Wettbewerbs wird hierzulande seit jeher gern mit der wolkigen Formulierung "der deutsche Fußball" verschleiert, die so tut, als sei das, was Bayern München nützt, auch gut für die Konkurrenz und gut für die Nationalelf und gut für die Amateure.

Vor diesem Hintergrund fordert Rummenigge "Solidarität" ein von Konkurrenzklubs, die schon lange jede Hoffnung aufgegeben haben, jemals wieder um den Titel des Deutschen Meisters mitspielen zu können. Die Bundesliga jedenfalls braucht dringend mehr Ausgeglichenheit und Chancengleichheit. Sich wie Schafe zur Schlachtbank einer immer größeren Bayern-Dominanz führen zu lassen und sich dabei noch beschimpfen zu lassen: Das jedenfalls sollte dem einfachen Fan nicht mehr zu vermitteln sein.

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