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08. November 2019, 19:47 Uhr

Spitzenspiel der Bayern gegen Dortmund

Dienst nach Vorschrift reicht

Von Christoph Leischwitz, München

Das Spiel gegen Borussia Dortmund wird entscheiden, ob Hansi Flick Bayern-Cheftrainer bleibt. Dafür ist nicht einmal eine Gala-Vorstellung nötig.

Über die Vergangenheit gibt Hans-Dieter Flick bereitwillig Auskunft. Lächelnd redet er zum Beispiel darüber, dass die Vertragsverhandlungen "relativ schnell erledigt" waren damals, als Uli Hoeneß anrief, anno 1984, um ihn vom SV Sandhausen zum FC Bayern zu locken. Mit Auskünften über die Zukunft ist das etwas anders.

"Die Zukunft, das ist ja dann nach Samstag", sagte der 54-Jährige am Freitagmittag. Mit anderen Worten: Am Samstag nach dem Bundesliga-Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund (Samstag, 18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sky) gibt es eine Art neue Gegenwart. Und vorher mache es keinen Sinn, das Chef-Thema mit ihm zu behandeln. "Der FC Bayern, der wird seine Entscheidungen treffen", sagte Flick auf die Frage, ob sich sein Status von Interims- auf Cheftrainer ändern könnte.

Es ist im Moment davon auszugehen, dass Anfang kommender Woche auch jegliche Vertragsänderungen "relativ schnell erledigt" sein werden. Nach allem, was in den vergangenen Tagen passiert ist, sieht das Szenario kurz vor der richtungsweisenden Partie so aus: Flick hat durchaus Lust auf die Chefrolle. Und sollten er und die von ihm ausgewählte Startelf die Klub-Oberen nicht komplett vergraulen, wird er auch für länger Verantwortung übernehmen dürfen. Bis zur Winterpause, vielleicht sogar bis zum Sommer.

Flick darf sich Chancen ausrechnen

Aktuell wird Flick schon einmal signalisiert, dass er sich Chancen ausrechnen darf. Verglichen mit Sonntag, als Niko Kovac nach langen Diskussionen doch noch zurücktrat oder vielleicht doch eher gegangen wurde, hat sich das Kandidatenfeld nämlich deutlich verkleinert: Ralf Rangnick hat abgesagt, Arsène Wenger wurde recht deutlich mitgeteilt, dass er sich gar nicht erst hätte ins Gespräch bringen müssen. Die Diskussion über weitere, aktuell vereinslose Trainer, die zur Verfügung stünden, ist seit dem Sieg gegen Olympiakos Piräus merklich abgeflaut, auch wenn dieser Erfolg recht schmucklos daherkam und eigentlich selbstverständlich war.

Hoeneß hatte nach diesem 2:0-Sieg nichts gesagt, er gab allerdings zu verstehen, dass er gut gelaunt war. Flick selbst, aber auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic, lobten die defensive Stabilität gegen den griechischen Außenseiter. "Ich hab's nicht ganz verstanden", sagte der Gegenwart-Trainer über die Pfiffe im Stadion und die negative Berichterstattung. Immerhin habe er ja einen klaren Auftrag mit auf den Weg gegeben, und dieser lautete eben nicht: Feuerwerk. Das Münchner Publikum sei freilich "in den letzten Jahren schön verwöhnt worden" mit Offensivspektakel. Da wieder hinzukommen, das gehe aber "nicht von heute auf morgen". Defensive Stabilität sei erst einmal das oberste Gebot.

Und so ist Flick in diesen Tagen vor allem um Normalität bemüht. Dass Spieler wie Philippe Coutinho und Thiago, die gegen Piräus auf der Bank saßen, sauer sind? "Normal." Dass die Fans mehr Tore erwarten? "Normal."

Spektakel? Warum, wenn auch Dienst nach Vorschrift reicht

Der langjährige Co-Trainer Flick, der bis 2005 Cheftrainer des damaligen Drittligisten TSG Hoffenheim war, hört sich nicht so an, als ob er gerade Poker spielt und "all in" gehen wollte. Wozu auch, wenn man seine Ziele mit viel weniger Risiko erreichen kann.

Ein Beispiel für seine Bedächtigkeit ist kurioserweise der Einsatz eines Youngsters, dem er eine wichtige Rolle in der Viererkette zuweist: Alphonso Davies habe seine Sache als Linksverteidiger gut gemacht, lobte Flick am Mittwochabend. Offensiv sei zwar "noch Luft nach oben" gewesen. Aber eigentlich hatte der 19-jährige Kanadier, der im DFB-Pokal beim VfL Bochum ein Eigentor erzielte, in erster Linie die Vorgaben umgesetzt.

Es gibt nicht mehr als zwei Möglichkeiten: Nach dem Spiel gegen Dortmund werden die Bayern mit Flicks Arbeit zufrieden sein - oder eben nicht. Im zweiten Fall geraten Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Salihamidzic gleich wieder unter Zeitdruck, wenngleich die Länderspielpause den Handlungsspielraum ein wenig erweitert. Sollten sie aber zufrieden sein, dann sieht alles erst einmal nach einer mittelfristigen Verpflichtung aus. Kandidaten wie Erik ten Hag oder Thomas Tuchel könnten sich ab dem kommenden Sommer vielleicht doch dafür begeistern, nach München zu kommen.

Ob sich aber auch ein erfolgreicher Cheftrainer Flick vorstellen könnte, ein Interimstrainer für sieben Monate zu sein? Das ist für den Moment zu viel Zukunft auf einmal.

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