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09. November 2018, 18:46 Uhr

FC Bayern vor BVB-Duell

Mit gestärktem Rücken zur Wand

Von Christoph Leischwitz, München

Daran muss sich die Bundesliga erst noch gewöhnen: Vor dem Topspiel gegen Dortmund geben sich die Bayern bescheiden. Uli Hoeneß lenkt lieber ab, indem er über sich spricht. Was steckt dahinter?

Niko Kovac hob am Freitagmittag überrascht die Augenbrauen. Am Mittwochabend, nach dem glanzlosen 2:0-Sieg gegen AEK Athen, hatte Uli Hoeneß noch einmal bekräftigt, dass er voll hinter dem Trainer stehe. Der wiederum tat nun so, als ob ihm das entgangen sei. Das zeige nur, "was ich immer gesagt habe: dass ich das absolute Vertrauen des Vereins habe", sagte Kovac.

Hoeneß und Kovac waren sich außerdem einig: Am Samstag, gegen Borussia Dortmund (18.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL ONLINE), seien die Münchner Außenseiter, und das völlig freiwillig.

Außenseiter gegen den BVB? Ist das wirklich so?

Die Kräfteverhältnisse waren vielleicht zuletzt vor sechseinhalb Jahren so wie heute. Damals reisten die Bayern als Verfolger zum Spitzenreiter und verloren dann auch deshalb 0:1, weil Arjen Robben in der 86. Minute einen Elfmeter verschoss. Es war die Vorentscheidung der Deutschen Meisterschaft in der Saison 2011/2012. Einige Spieler verließen damals ungeduscht das Stadion, so schnell wollten sie die Niederlage hinter sich lassen.

Man wolle etwas holen in Dortmund, das schon

Und diesmal? Beim FC Bayern hat sich unter Kovac vieles verändert: Es werden alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um nach einer möglichen Pleite bloß nicht enttäuschter zu sein als absolut nötig. Dabei ist es gerade einmal sechs Monate her, dass die Bayern die Dortmunder 6:0 schlugen. Mit einer Startelf übrigens, die so morgen beinahe auch auf dem Platz stehen könnte - allein der angeschlagene Robben wird aufgrund von Knieproblemen ausfallen.

Doch nach mäßigen Auftritten gegen den SV Rödinghausen und den SC Freiburg ist Kovac auch am Freitag bei der Pressekonferenz eher defensiv aufgetreten. Die Frage, die über allem schwebt, ist die: Wie kann eine Mannschaft, die sich selbst gegen schwächere Teams schwer tut, gegen eine so gut aufgelegte Borussia gewinnen? Das Offensivste, was Kovac dazu zu sagen hat: Man wolle auf jeden Fall "etwas holen" in Dortmund. "Sieben Punkte wären viel, ein Punkt wäre wenig." Damit meinte er den Rückstand auf die Borussia, aktuell sind es vier Punkte.

Präsident Hoeneß fand eine ganz eigene Möglichkeit, den Fokus der Öffentlichkeit von dieser richtungsweisenden Partie abzulenken - und damit auch den Druck von Trainer und Mannschaft zu nehmen. Er begann von sich aus, über seine Zukunft zu sprechen. "Was mich momentan sehr beschäftigt, ist die Frage nach einem Nachfolger", sagte er der "Sächsischen Zeitung". Zusammen mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge werde auch schon nach einem Kandidaten gesucht. Zwei, drei Jahre wolle er den Job noch machen, sagte Hoeneß.

Bescheidene Bayern - was soll das?

Wenn sich die "eierlegende Wollmilchsau" fände, wie er es nannte, könne er womöglich auch schon nächstes Jahr aufhören. Selbst, wenn Hoeneß nach einem Sieg in Dortmund und einer möglichen Herbstmeisterschaft in einem Euphorie-Anfall diese Pläne wieder verwerfen sollte - die Frage, ob er sich 2019 zur Wiederwahl stellt, wird ihn begleiten.

Man könnte die neue Bescheidenheit der Bayern-Chefs auch als indirektes Schuldeingeständnis verstehen: Sie stellen sich auch jetzt noch vor ihren Trainer, weil sie bei seiner Verpflichtung hundertprozentig überzeugt von ihm waren. Sollte sich Kovac als ungeeignet für den Job herausstellen, fiele das auf sie zurück. Mehr noch als auf Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der nach wie vor mit wenig Macht ausgestattet scheint.

Auch der nicht eben junge Kader wurde kaum verändert. Die Bayern-Bosse hatten sich stets geweigert, tief in die Tasche zu greifen, in der fraglos ausreichend Geld steckt. Und nun sagt Hoeneß: "Wenn der FC Bayern nicht Meister wird, dann geht der FC Bayern nicht unter."

Natürlich kann es auch anders kommen und die Bayern gewinnen am Samstag. Die Erfahrung der älteren Spieler könnte den Ausschlag geben, glaubt Kovac: "In solchen Spielen sind sie da." Einerseits merkte man dem einen oder anderen zuletzt dieses Alter recht deutlich an. Jérôme Boateng läuft oft so, als habe er Schmerzen; Bundestrainer Joachim Löw nominierte ihn nicht für die anstehenden Länderspiele. Franck Ribéry setzt sich seltener als früher im Eins-gegen-Eins durch. Doch es ist eben auch so: Boateng kann noch immer lange Bälle spielen, mit denen er selbst gute Abwehrreihen entblößen kann. Ribéry ist stets für eine außergewöhnliche Idee gut. Die Partie in Dortmund wird zeigen, ob die Bayern aktuell wirklich nur tiefstapeln.

Die Zeit der Langeweile ist vorbei

Die Spieler jedenfalls scheinen an der Ehre gepackt zu sein. "Wir müssen uns nicht verstecken, das ist ein Duell auf Augenhöhe", darauf bestand Torwart Manuel Neuer. Und Joshua Kimmich freut sich darauf, dass man endlich wieder bei einem Gegner antritt, "der auch Tore schießen will" - so könnten sich mehr Räume ergeben als zuletzt.

Ob die Bayern nur mal richtig gefordert werden mussten oder ob sie wirklich nur noch Außenseiter sind, wird sich am Samstagabend zeigen. Der Bundesliga haben sie aber schon jetzt einen Dienst erwiesen: Die Zeit der Langeweile ist vorbei. Es ist wieder spannend.

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