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13. Januar 2018, 09:38 Uhr

Bayerns Sieg in Leverkusen

Ungewissheit als Motivation

Aus Leverkusen berichtet

Der FC Bayern hat in Leverkusen gewonnen und anschließend offene Zukunftsfragen diskutiert. Trainer Jupp Heynckes nutzt die ungeklärte Perspektive vieler Spieler geschickt, um das Team anzutreiben.

Wie der Held eines Hollywoodfilms, dessen abenteuerliche Reise durch die Höhen und Tiefen des Lebens in ein Happy End mündet, hat Sandro Wagner sich dann doch nicht gefühlt, als er nach 78 Minuten an seinem Sehnsuchtsort angekommen war.

"Es wäre schön, wenn da wie in so einem "Rocky"-Film die Bilder vorbeiziehen", sagte der Winterzugang von 1899 Hoffenheim, der einst beim Rekordmeister in der Jugend spielte, der dort vor zehn Jahren sein Profidebüt erlebte und immer ein großer Fan dieses Vereins geblieben ist, zwischenzeitlich aber lange Krisenphasen zu bewältigen hatte. "Nur kurz" habe er die Besonderheit des Moments gespürt, "dann bin ich auch schon in den ersten Zweikampf reingeflogen", sagte Wagner nach dem souveränen 3:1-Sieg des Tabellenführers im Rückrundeneröffnungsspiel bei Bayer Leverkusen.

Ganz ungetrübt war seine Freude über den Abend allerdings nicht, schließlich ist der Stürmer aus Hoffenheim nach München gekommen, um parat zu stehen, wenn Robert Lewandowski mal ausfällt oder eine Erholungspause braucht. Nun wurde der Pole nach Problemen mit der Patellasehne geschont, in der Startelf fehlte Wagner dennoch. "Ich habe auch gedacht, dass ich von Anfang an spiele", sagte er. Aber in München arbeitet derzeit ein Trainer, der viel Freude daran hat, Spieler zu ärgern, zu kitzeln und aus der Komfortzone herauszuholen.

Jeder habe mit Wagners Einsatz gerechnet, "aber so ticke ich nicht", sagte Jupp Heynckes und genoss das Staunen der Beobachter über seine Unberechenbarkeit. Wagner brauche wie alle neuen Spieler eine gewisse "Integrationszeit", erklärte der Trainer.

Statt des Neuzugangs spielte Thomas Müller in der Spitze (sein SPIX-Wert von 54 war der niedrigste aller Bayern-Feldspieler), der am Ende des Abends von einem "Zeichen" sprach, das die Bayern zum Rückrundenauftakt an die Konkurrenz gesendet hätten. Alle wüssten nun, dass auch im neuen Jahr nicht mit dem Tabellenführer "zu spaßen ist", einerseits wegen der drei gewonnenen Punkte, aber auch weil das Team "sehr ordentlich" Fußball gespielt habe. Und diese Münchner Eigenschaft als Respekt einflößender Tabellenführer, nehmen derzeit nicht nur die Gegner wahr, sondern auch die Spieler im eigenen Kader.

Wagner, der lange auf der Bank sitzen musste, genauso wie die Altmeister Franck Ribéry und Arjen Robben, die zwar spielten, sich aber ganz offenkundig auch über etwas mehr Zuneigung von ihrem Arbeitgeber freuen würden.

"Ich will so lange wie möglich bei Bayern sein"

Besonders Ribéry steht derzeit im Mittelpunkt vieler Debatten, der Vertrag des 34-jährigen Franzosen läuft aus, aber ist es klug zu verlängern? In einem Freundschaftsspiel unter der Woche gegen Sonnenhof Großaspach hatte Ribéry (überragender SPIX-Wert von 99 bei der Balleroberung) schon drei Treffer erzielt, in Leverkusen ließ er nun seinen ersten Saisontreffer in der Bundesliga folgen. Sein persönliches Saisonziel sei eine Vertragsverlängerung, erzählte er. "Ich will so lange wie möglich bei Bayern sein." Noch wurde ihm offenbar allerdings kein Angebot unterbreitet.

Ähnliches gilt für Arjen Robben, der sagte: "Ich bin am Saisonende frei, und wenn ich dann fit bin, gibt es sicher ein paar Optionen." Die Zukunft von Torhüter Sven Ulreich und von Rafinha ist auch ungeklärt. Dringend verlängern wollen die Bayern nur mit Jupp Heynckes, aber der ziert sich. Doch das Klima der Ungewissheit ist anscheinend äußerst fruchtbar.

Rechtsverteidiger Rafinha spielte jedenfalls eine starke Partie gegen Leverkusens neuen Star Leon Bailey, Ulreich erlebt die beste Zeit seiner Karriere. Ribéry trifft wieder und Robben arbeitet womöglich noch ein Stück professioneller als ohnehin schon, um seinen sensiblen Körper zu pflegen und seine Chancen auf einen letzten schönen Vertrag bei einem großen Klub zu erhalten. Aber die Strategen in der sportlichen Leitung müssen sich natürlich genau überlegen, welche Kaderplätze sie für neue Kräfte freiräumen sollen. Wie sie dieses Team weiterentwickeln wollen, das derzeit schon sehr stark von der Reife jener alten Helden getragen wird, mit denen Heynckes 2013 das Triple gewann.

Mit Rafinha, David Alaba, Jérôme Boateng, Javi Martínez, Robben, Ribéry und Müller spielten in Leverkusen sieben Leute, die schon vor fünf Jahren zu den Leistungsträgern zählten. Die Coolness, mit der sie in der zweiten Hälfte zu Werke gingen, war zweifellos imposant. Als Kevin Volland zum zwischenzeitlichen 1:2 traf, waren alle Voraussetzungen für eine aufregende Schlussphase geschaffen, das Publikum war bereit, die Werkself voller Energie. Der Glaube, das Spiel drehen zu können wehte über die Ränge.

Nur die Bayern ließ das kalt, mit all ihrer Erfahrung entschleunigten sie die Partie und bremsten die Emotionen des Gegners. "In den entscheidenden Situationen war der FC Bayern einfach abgeklärter", sagte Leverkusens Trainer Heiko Herrlich.

Und ein bisschen erinnern sie damit doch an den Kinoboxer Rocky, der auch als alternder Sportler immer wieder seinen Weg zum großen Erfolg fand.

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