Bayerns Sieg in Dortmund "Ich hätte gern anders gespielt"

So viel Defensive? Bayern München siegte in Dortmund mit ungewohnter Taktik. Trainer Guardiola entschuldigte sich beinahe dafür, sein BVB-Kollege Klopp zeigte sogar Verständnis.

Bayern-Trainer Guardiola (r.): "Was ist machbar?"
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Bayern-Trainer Guardiola (r.): "Was ist machbar?"

Aus Dortmund berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Als Thiago Alcántara nach dem Spiel die Kabine betrat, taten seine Teamkollegen das, was zuvor Tausende Bayern-Fans getan hatten: "Thiago, Thiago", hallte es durch die Katakomben des Dortmunder Stadions. Mehr als ein Jahr hatte der Mittelfeldspieler verletzt gefehlt. Nun war er beim Stand von 1:0 für seine Münchner bei Borussia Dortmund eingewechselt worden, hatte in 20 Minuten ein feines Solo gewagt, durch eine Grätsche einen BVB-Konter gestoppt und ansonsten geholfen, den Sieg über die Zeit zu bringen.

Für die Bayern war es der nächste Schritt auf dem Weg zur 25. Meisterschaft - für Thiago ein "sehr emotionaler Moment". Bereits auf dem Rasen hatte er Tränen in den Augen, und noch lange nach dem Spiel war sein Blick wässrig. "Fußball ist mehr als ein Spiel, es ist wirklich unser Leben", sagte der 23-Jährige und bedankte sich immer wieder bei allen, die ihn unterstützt hatten. Doch auch dem Spanier war nach dem Kurzeinsatz klar, dass er noch Zeit braucht: "Nach zehn Minuten war ich müde", gab er zu und hoffte, jetzt "von Spiel zu Spiel" mehr Einsatzzeit zu bekommen.

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Mit der Hoffnung dürfte er nicht allein sein. Spielertypen wie Thiago - schnell, mutig, trickreich, stark im Eins-gegen-eins - sind nach den Verletzungen von Arjen Robben und Franck Ribéry in München rar gesät. Zudem fehlt David Alaba, der auch immer für einen Sololauf über den Flügel gut ist.

Klopp reagierte zerknirscht

So musste BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem ungewohnt defensiven Auftritt der Bayern zerknirscht feststellen: "Sie haben ihrer Aufstellung Rechnung getragen, dann macht die Spielweise Sinn."

Trotzdem wollte die so gar nicht zu der Art Fußball passen, mit der Bayern-Trainer Josep Guardiola vor Jahren in Barcelona berühmt geworden war. Und die er auch bei seinem jetzigen Arbeitgeber zum Ideal erklärt: viel Ballbesitz, viel Tempo, viele kurze Pässe.

An diesem Samstagabend in Dortmund sah das anders aus. Neben der tief stehenden und ausschließlich aus Innenverteidigern bestehenden Dreierkette spielten die Außen Rafinha und Juan Bernat meist nur theoretisch im Mittelfeld. Stattdessen verwandelten sie die hintere Reihe oft in eine Fünferkette. Das Mittelfeld davor - Xabi Alonso, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm - bestand aus drei weiteren eher defensiv Orientierten. Acht von zehn Feldspielern interessierten sich mehr fürs eigene Tor als für das des Gegners.

Nur zwei Torschüsse der Bayern - es reichte

Entsprechend sah das Spiel aus. Bayern stand hinten ebenso tief wie eng und beraubte die schnellen und pressenden Dortmunder wie Marco Reus oder Pierre-Emerick Aubameyang damit ihrer Räume und Konterchancen. Vorne passierte dafür umso weniger. Ganze zwei Schüsse brachten die Gäste aufs Tor, Minusrekord in dieser Bundesliga-Saison.

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"Ich hätte gern anders gespielt", sagte Guardiola hinterher fast entschuldigend. Aber er müsse gucken, wer zur Verfügung steht. "Wenn man den Kader sieht, fragt man sich: Was ist machbar?" sagte auch Sportvorstand Matthias Sammer, der dann ein Wort verwendete, das im Bayern-Sprachschatz selten vorkommt. Nach der Niederlage gegen Gladbach habe "der ein oder andere schon die Messer gewetzt, das macht uns ein bisschen Angst, und deswegen laufen wir etwas schneller".

Weil der Tabellenführer vor dem Gladbach-Spiel bereits in Wolfsburg leer ausgegangen war, "wollten wir heute auf keinen Fall verlieren", sagte Sammer, um schnell hinterherzuschieben: "Aber wir wollten auch gewinnen." Dass es dann ein "Arbeitssieg" mit "viel zu wenig Ballbesitz" wurde, wie Startelf-Rückkehrer Philipp Lahm sagte, störte Sammer weniger. Allerdings: "So extrem war es nicht geplant".

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Doch Sammer wäre nicht Sammer, wenn er nicht auch das positiv verkaufen würde: "Es war ein wichtiges Signal, die Konstellation dann auch stabil zu halten." Was etwa heißen sollte: "Wir können mehr als das schöne Spiel. Gerade, wenn wir wissen, dass sich der Gegner gegen tief stehende Mannschaften schwertut."

War Dortmund also nur der Test für die nächsten Wochen, die Guardiola als seine "schwierigste Zeit" bei den Bayern bezeichnet hatte? Im DFB-Pokal geht es am Mittwoch nach Leverkusen, in der Champions League am 15. und 21. April gegen den FC Porto (jeweils Liveticker SPIEGEL ONLINE), danach vielleicht gegen Barcelona oder Madrid. Auch dann wird die Personaldecke ähnlich dünn sein.

Sammer umging die Frage. "Bei uns ist noch nie etwas in Stein gemeißelt gewesen." Es gehe immer nur darum, "einen guten Mix daraus zu finden, was der eigenen Mannschaft guttut, und was den Gegner in so einer Situation neutralisiert". Und dafür sei ihr Trainer ein "absoluter Experte". "Für Mittwoch werden wir uns wieder etwas einfallen lassen."

Borussia Dortmund - Bayern München 0:1 (0:1)
0:1 Lewandowski (36.)
Dortmund: Weidenfeller - Sokratis, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sven Bender, Gündogan (79. Mchitarjan) - Blaszczykowski (67. Kagawa), Reus, Kampl (67. Ramos) - Aubameyang
München: Neuer - Benatia, Jérôme Boateng, Dante - Alonso - Rafinha, Lahm (69. Thiago), Schweinsteiger (58. Rode), Bernat - Thomas Müller (79. Götze), Lewandowski
Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg)
Zuschauer: 80.667 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Aubameyang (4), Schmelzer (4) - Schweinsteiger (3), Alonso (6), Rode (2)



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
uksubs 05.04.2015
1. sammer
bleibt unerträglich. das spiel ist taktisch von guardiola sehr gut gespielt, respekt. aber sammer muss den mund nicht aufmachen.
keiner12 05.04.2015
2. Verletzungen
Was übertreiben denn alle mit den Verletzungen der Bayern ? Länger als ein paar tage fallen aktuell Robben martinez und Alaba aus. Und Robben und martinez sind vorraussichtlich beide aller spätestens im Halbfinale wieder einsatzbereit . Dann hat man noch einen verletzten Spieler in den wichtigen Spielen also ich finde das ist normal ?
derkaiser66 05.04.2015
3. Taktisch 1a von den Bayern
Gott sei Dank war sich Guardiola nicht zu schade für dieses Spiel von seinem Ballbesitz-Fußball abzurücken und statt dessen auf eine massive Defensive zu setzen, wohlwissend dass dem BVB damit die Luft zum Atmen fehlt. Null Chancen für die Schwatzgelben in HZ1 und zwei geschenkte Aktionen für Marco Reus - der BVB ist gegen tief stehende Mannschaften wahrlich hilf- und einfallslos. Klar, Alonsos Aktion hätte man evtl. als Elfer werten können, aber so ein richtig klarer war dieser nicht. Ne, tolle Leistung der Bayern, perfekt eingestellt von ihrem Trainer, was man vom BVB schon länger nicht mehr sagen kann. Klopps Überfliegerzeit ist definitiv vorbei.
eskimoser 05.04.2015
4. Richtig!
-Für die Bayern war es der nächste Schritt auf dem Weg zur 25. Meisterschaft - Der waere dann die 24. Meisterschaft, richtig?
rugall70 05.04.2015
5. Acht Top-Spieler sind nicht fit!
Zitat von keiner12Was übertreiben denn alle mit den Verletzungen der Bayern ? Länger als ein paar tage fallen aktuell Robben martinez und Alaba aus. Und Robben und martinez sind vorraussichtlich beide aller spätestens im Halbfinale wieder einsatzbereit . Dann hat man noch einen verletzten Spieler in den wichtigen Spielen also ich finde das ist normal ?
Wenn bei Bayern Robben und Ribery fehlen, dann ist das so, wie wenn Real ohne Ronaldo und Bale spielen müsste. Robben und Ribery sind einfach die beiden entscheidenden Kreativ-Spieler im Sturm. Die sind nicht zu ersetzen. Dazu kommen aber noch als Verletzte Alaba, Thiago (kommt eben zurück), Martinez (noch lange nicht wieder fit), Schweinsteiger (angeschlagen), Lahm (kommt eben erst zurück), Badstuber (erneut angeschlagen). Die genannten Spieler sind Kern und Gerüst der Bayern-Mannschaft. Und auch, wenn der ein oder andere Spieler "nur" angeschlagen ist, oder jetzt nach langer Verletzung zurückkommt: Es ist einfach sehr problematisch, wenn eine Mannschaft sich nicht etliche Wochen unter Wettkampfmodus einspielen kann.
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