FC Bayern, Flick und die Super League Lame Club

Der Vorstand des FC Bayern zeigt sich erbost, weil Hansi Flick seinen Rücktrittswunsch bekannt gab. Dabei zeigen sich klare Risse im Verein – und jetzt kommt noch die Drohkulisse einer Super League hinzu.
Von Florian Kinast, München
Alphonso Davies vom FC Bayern München

Alphonso Davies vom FC Bayern München

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Darius Simka / imago images/regios24

Als am Sonntag in einigen Meldungen auch der FC Bayern München erwähnt wurde, ging es ausnahmsweise mal nicht um Hansi Flick. Thema waren die Pläne zwölf europäischer Spitzenklubs aus England, Italien und Spanien, eine eigene Super League gründen zu wollen. Ohne Teams aus Deutschland, also auch ohne die Bayern – immerhin noch amtierender Champions-League-Sieger. Sollte sich das abtrünnige Dutzend tatsächlich mit einer eigenen Liga abspalten, es würde den europäischen Fußball erschüttern. Wie konkret die Auswirkungen wären, was das für den FC Bayern bedeuten würde, all das ist momentan noch nicht abzusehen.

Klar ist aber auch, dass sich die Bayern für solch ein Zukunftsszenario wappnen müssen. Dabei haben sie im Moment auch ohne die Drohkulisse Super League genügend Probleme, die eigene Gegenwart in den Griff zu kriegen: Die Stellungnahme, die der Vorstand am Sonntag zur Causa Flick herausgab, war ein klarer Fingerzeig, in welch bedenklichem Zustand sich der Klub gerade befindet.

Flicks Ansage als schwerer Affront

Mag der FC Bayern rein sportlich immer noch auf bestem Weg sein, mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft den siebten Titel innerhalb von nicht einmal zwölf Monaten zu holen: Die erfolgreichste Kurzepisode der Vereinschronik endet nun unausweichlich in heftiger Missstimmung und im schweren Krisenmodus.

Für die Vorstandsetage war es anscheinend ein schwerer Affront, als Hansi Flick nach dem 3:2 in Wolfsburg am Sky-Mikrofon ungefragt zu plaudern begann und damit die Führungsriege im Kollektiv kalt erwischte. Wie am Sonntagnachmittag im Klubstatement zu lesen war, hätte man sich darauf geeinigt, zumindest bis nach dem Spiel in Mainz am 24. April zu warten. Doch Flick entschied anders. Er wollte seinen Entschluss, zum Saisonende aufzuhören, selbst der ihm immer so nahen Mannschaft mitteilen. Er wollte vermeiden, dass es durch den, wie er selbst sagte, »Flurfunk« durchsickert. Und er wollte es auch der Öffentlichkeit mitteilen. Unabgesprochen und eigenmächtig. Flick blieb sich treu, er wollte die Kontrolle behalten.

Eine Kontrolle, die die Klubbosse längst verloren hatten.

So erbost und verstimmt der Vorstand auch sein mag, und so verständlich die Verärgerung auch ist, falls sich Flick nicht an vereinbarte Absprachen hielt: Dass es überhaupt so weit gekommen ist, und dass sie sich nun so brüskiert fühlen, das haben sich die Bosse selbst zuzuschreiben. Tatenlos haben sie in den vergangenen Monaten diesem internen Machtkampf zwischen Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidžić zugesehen, haben sie die beiden in ihren aufreibenden Scharmützeln gewähren lassen. Statt den Konflikt zu lösen, statt zu moderieren oder auch mal nach hemdsärmlig bayerischer Art rustikal auf den Tisch zu hauen und mit einem Machtwort die beiden Widersacher wieder einzunorden und zu befrieden, schwelte die Fehde munter weiter.

Einzig Karl-Heinz Rummenigge versuchte sich rund um das Viertelfinal-Hinspiel gegen Paris mit einer Ansage, als er via »Bild« verlauten ließ, dass doch jetzt gefälligst mal Ruhe sein soll. Doch das Poltern verhallte schnell wieder.

Bayerns Machtgefüge wirkt diffus

Auch das scheint gerade ein großes Problem des FC Bayern: Früher war das Herrschaftsgefüge an der Säbener Straße sehr überschaubar. Man hatte mit Rummenigge und Uli Hoeneß als Alpha-Protagonisten zwei unantastbar feste Machtblöcke, die sich auch untereinander gern fetzten. Wurde es aber ernst, dann übten sie demonstrativ den Schulterschluss und beschimpften Gott und die Welt, manchmal auch die Presse und Juan Bernat. War auch immer ganz unterhaltsames Entertainment, großes Kino, FC Hollywood eben.

Welche Rolle wird Hasan Salihamidžić unter dem neuen Bayern-Boss Oliver Kahn einnehmen?

Welche Rolle wird Hasan Salihamidžić unter dem neuen Bayern-Boss Oliver Kahn einnehmen?

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Darius Simka / imago images/regios24

Doch jetzt wirkt das Machtgefüge diffus. Hier der zum Jahresende als Vorstandsvorsitzender scheidende Rummenigge, dem als bis dato engstem und einzigen Fürsprecher Flicks vielleicht nun doch mit schwindendem Einfluss das Schicksal drohen könnte, was er immer vermeiden wollte: in den letzten Monaten eine »lame duck« zu werden. Dort Oliver Kahn, sein Nachfolger, der nach der Macht greift, aber sie noch nicht so hat, wie er sie gern hätte. Dann Salihamidžić, der sich zwischenzeitlich ein gutes Standing im Klub erarbeitet hatte und nun hofft, weiter Macht zu haben, wenn Kahn als Boss übernimmt. Fraglich ist nur, wie viel Macht ihm Kahn lassen wird. Und daneben dann auch noch Herbert Hainer, der als Vereinspräsident im Organigramm auch keine ganz unwichtige Position einnimmt, der zuletzt bei einem Auftritt auf »Sky« aber eher ahnungslos und sehr weit entfernt von den Vorgängen im Verein wirkte. Und natürlich im Hintergrund ewig raunend Uli Hoeneß, der zuletzt aber nur als RTL-Experte auffiel und diesen Job nun wieder aufgibt.

Es ist ein sonderbares Bild, das die Führung in der Außendarstellung da gerade von sich selbst zeichnet. Und es ist kein gutes. Es geht gar nicht mehr darum, ob es eine »lame duck« im Vorstand gibt. Eher wirkt der ganze FC Bayern derzeit wie ein lame club.

Finanziell könnten die Bayern den Anschluss verlieren

Dass nun auch noch Co-Trainer Miroslav Klose medial aufbegehrt, zeigt nur, wie tief der Riss gerade ist, der sich durch den Verein zieht. Auf der einen Seite des Säbener Straßengrabens der Vorstand. Auf der anderen Seite die Mannschaft und das Trainerteam.

So bleiben einige Fragen offen, und dabei noch am allerwenigsten die nach der Deutschen Meisterschaft. Die Spieler dürften hoch motiviert sein, ihrem Lieblingstrainer zum Abschied seinen siebten und letzten Titel zu schenken. Abzuwarten bleibt vielmehr, mit wem als Nachfolger es in der neuen Saison weitergeht. Ob der Neue einen ähnlichen Draht zur Mannschaft findet wie Flick. Oder wie er mit Salihamidžić kann. Und auch, wie die Stimmung bei den Spielen sein wird, wenn Fans wieder ins Stadion dürfen, bei denen überwiegend der Sportvorstand als der große Buhmann gilt. Ist dann wieder alles vergessen? Oder wie laut ist der Nachhall des momentanen Bebens?

Ein Beben wäre nun auch die besagte Gründung einer Super League ohne den FC Bayern. Auch wenn Rummenigge noch im Dezember erklärte, der Klub habe »kein Interesse, dass eine Super League installiert wird«, und dass die Reform der Champions League 2024 ein »wichtiger Schritt« sei: Käme die neue Superliga wirklich, wäre es für den FC Bayern ein schwerer Schlag. Wie heftig die Auswirkungen gerade finanziell wären, scheint noch nicht absehbar. Umso wichtiger wäre es, dass sich der immer auf sich so stolze Klub nach außen selbstbewusst präsentiert mit einer klaren Linie und einem zielstrebig handelnden Führungspersonal. Diese Entschlossenheit lässt der FC Bayern gerade vermissen.

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