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04. November 2017, 09:23 Uhr

Bayern München und die NSDAP

Dunkle Flecken im angeblichen Klub der Anständigen

Von und

Der FC Bayern lässt seine Rolle in der NS-Zeit vom Institut für Zeitgeschichte aufarbeiten. Muss er nach neuen Aktenfunden seine Vereinsgeschichte korrigieren?

Seit fast zwei Jahren schickt der FC Bayern München eine Wanderausstellung mit dem Titel "Verehrt - verfolgt - vergessen" durch das Land. Der Klub erinnert damit an seine jüdischen Mitglieder, die während der Zeit des Nationalsozialismus emigrieren mussten oder ermordet wurden.

Auf den Infotafeln können die Besucher erfahren, wie der Rekordmeister seine Rolle im "Dritten Reich" interpretiert. "Während viele Sportvereine schnell die Nähe zu den Nationalsozialisten suchten", habe der FC Bayern "Haltung bewahrt". Der Klub habe den Nazis als "Judenklub" gegolten und sei "systematisch benachteiligt" worden.

Der FC Bayern, ein Hort des Anstands in einer dunklen Zeit? Mit dieser Darstellung der eigenen Geschichte gehen die Münchner schon seit Längerem hausieren. Dabei zweifeln Experten die Deutung stark an. Jetzt hat der Klub das renommierte Institut für Zeitgeschichte damit beauftragt, die Rolle des Vereins im Nationalsozialismus zu untersuchen. Am Montag hatte der SPIEGEL bei den Bayern angefragt, ob diese Information zutreffe. Statt zu antworten, veröffentlichte der Klub am Donnerstag eine entsprechende Pressemitteilung. Die Leitung des Projekts übernimmt der angesehene Historiker Frank Bajohr.

Die Bayern reagieren mit diesem Schritt auf eine Debatte, die sich vor gut einem Jahr entzündet hat. Damals hatte der SPIEGEL (21/2016) über Aktenfunde des Historikers Markwart Herzog in einem Münchner Archiv berichtet. Es handelte sich um die Protokolle der Mitgliederversammlungen des FC Bayern seit 1925. Die Aufzeichnungen zeigten, dass die Bayern schon im April 1933 beschlossen, die "Arierfrage im Club" zu lösen und 1935 einstimmig einen extrem scharf formulierten "Arierparagrafen" verabschiedeten.

Der Publizist Dietrich Schulze-Marmeling, Autor einer ziegeldicken Klubchronik, in der das günstige Geschichtsbild der Bayern auf vielen Seiten ausgebreitet wird, warf Herzog vor, "Wissenschaft als Skandalisierung" zu betreiben. Der Historiker Kay Schiller von der Durham University in England sah dagegen "das vorgeblich anständige Verhalten des FC Bayern München gegenüber seinen jüdischen Mitgliedern" als "bequemen Mythos" enttarnt. Der emeritierte Potsdamer Sporthistoriker Hans Joachim Teichler riet dem Verein zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung seiner NS-Geschichte.

Das wird jetzt geschehen. Es wird mehrere Jahre dauern, bis die Studie Bajohrs fertiggestellt ist. Der Wissenschaftler und seine Mitarbeiter müssen in Archiven in ganz Deutschland nach Material forschen, Hunderte Akten durcharbeiten.

Der Publizist Schulze-Marmeling hat inzwischen eine seiner Bayern-Chroniken neu aufgelegt. In mehreren Kapiteln greift er erneut Herzog an. Dessen Archivfunde seien nicht der Rede wert, die ganze Debatte über die Rolle der Bayern in der NS-Zeit nichts weiter als "ein Sturm im Wasserglas".

Wohl kaum: Herzog hat weitere Dokumente gefunden, die belegen, dass schon lange vor der sogenannten Machtergreifung im Januar 1933 ein Nationalsozialist beim FC Bayern eine leitende Position einnahm.

August Harlacher, ein Angestellter der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank in München, trat am 1. Juli 1930 in die NSDAP ein, "im guten Glauben an Besserung durch den Nazismus" und als "Idealist", wie er nach dem Krieg erklärte. Mit seiner niedrigen Mitgliedsnummer 264 667 gehörte der 43-Jährige aus Schwabing zur Kategorie der "Alten Kämpfer" der NSDAP. Beim FC Bayern war Harlacher da schon seit 22 Jahren Mitglied. Am 9. Juli 1930 ließ sich Harlacher in den Vorstand des FC Bayern wählen. Als Stellvertreter von Kurt Landauer, dem jüdischen Präsidenten des Klubs.

1947 verurteilte die Spruchkammer München den ehemaligen Bayern-Vize Harlacher in dessen Entnazifizierungsverfahren zu einer Geldbuße von 1000 Reichsmark. Dass er nur als "Mitläufer" des Nationalsozialismus eingestuft wurde, hatte er früheren Vereinskameraden zu verdanken, die ihn als unpolitisch schilderten. Und ausgerechnet Landauer, der aus dem Exil zurückgekehrt und gerade wieder Bayern-Präsident geworden war, verfasste im September 1947 eine eidesstattliche Erklärung. Er habe vom Parteieintritt seines ehemaligen Stellvertreters gewusst, schreibt Landauer. Trotzdem sei "unsere Zusammenarbeit immer eine reibungslose" gewesen, "seine freundschaftliche Einstellung zu mir immer eine absolut einwandfreie".

Harlacher habe den Kontakt zu ihm auch nach seinem Rücktritt aufrechterhalten, so Landauer. "Er hat mich immer in schwierigen Fragen, die den Klub angingen, konsultiert. Als ich im Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen worden war, hat mich Herr Harlacher an einem Sonntagvormittag in meiner Privatwohnung aufgesucht, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen."

Wie der Fall Harlacher zu bewerten ist, muss das Institut für Zeitgeschichte entscheiden. Ebenso, ob der FC Bayern München tatsächlich von den Nationalsozialisten "systematisch benachteiligt" wurde.

Einen Beleg dafür gibt es nicht. Zwar protegierten NS-Sportfunktionäre besonders den Lokalrivalen TSV 1860 München, der talentierte Spieler und einmal sogar einen Nationalspieler per Dekret zugewiesen bekam. Aber auch die Bayern profitierten mindestens zweimal von solchen Zwangstransfers.

Ein differenzierter Blick wird auch auf den Ältestenrat des FC Bayern fallen, dessen Einführung auf einer Mitgliederversammlung im Oktober 1933 beschlossen wurde. Schulze-Marmeling interpretiert das Gremium als Schutzraum für "jüdische Aktivisten". Aber ihm gehörten automatisch alle Mitglieder an, die seit mehr als zwanzig Jahren im Klub waren, neben Landauer also auch der Nationalsozialist Harlacher. Und eine Besonderheit des FC Bayern war der Ältestenrat erst recht nicht. Er stammte aus einer Mustersatzung des Deutschen Fußball-Bundes, die damals allen Vereinen im Deutschen Reich zuging.

Für den Historiker Herzog war der FC Bayern im "Dritten Reich" ein Klub wie viele andere auch. Es habe Opfer, Mitläufer und Profiteure des NS-Systems gegeben. Eine pauschale Einteilung ganzer Vereine in Gut und Böse tauge nichts.

So stieß Herzog bei seinen Recherchen auf einen Bericht aus der Skiabteilung. Darin wird geschildert, wie eine Frau im Sommer 1935 zwei andere Mitglieder wegen "Verkehrs mit Juden" bei der Polizei angezeigt hatte. Die Wintersportlerin wurde wegen "gröblichster Verletzung der Kameradschaft" ausgeschlossen.

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