Guardiola vs. Müller-Wohlfahrt Im Wespennest

Bayerns Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat nach Kritik an seiner Arbeit hingeschmissen. Damit hat Trainer Josep Guardiola den Machtkampf gewonnen - erst einmal. Die Unruhe im Verein ist durch diesen Zwist noch größer geworden.

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Von Sebastian Winter, München


Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt lief nach Heimspielen des FC Bayern meist als einer der Ersten Richtung Ausgang. Der Mannschaftsarzt der Münchner trug den roten Trainingsanzug seines Klubs, dazu ein Arztköfferchen in seiner Hand, und wirkte etwas gehetzt.

Der 72-Jährige überließ lieber den Profis das Blitzlichtgewitter. Hatte sich ein Spieler verletzt, gab der "Doc", oder "Mull", wie sie ihn nennen, im Vorbeigehen maximal knappe Diagnosen ab und verwies auf die Untersuchung am folgenden Tag. Wenn überhaupt.

Doch am Donnerstagabend sendete Müller-Wohlfahrt eine explosive Erklärung an die Öffentlichkeit. Das gesamte Ärzteteam des FC Bayern - Müller-Wohlfahrt, sein Sohn Kilian, Peter Ueblacker und Lutz Hänsel berichteten von einem "geschädigten Vertrauensverhältnis" und erklärten bezüglich der bitteren 1:3-Hinspielpleite im Champions-League-Viertelfinale in Porto, sie seien "aus ihnen unerklärlichen Gründen für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht" worden. Zugleich gab das Quartett geschlossen seinen Rücktritt bekannt. Ihren Verein hatten sie nicht einmal über diesen Schritt informiert.

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Rücktritt als Bayern-Doc

Er wurde nach eigener Aussage vom FC Bayern für die Verletztenmisere verantwortlich gemacht. Aber war eine so drastische Reaktion von Müller-Wohlfahrt wirklich nötig?

Müller-Wohlfahrt ist seit fast 40 Jahren im Verein, er hat bei den Spielern und vielen anderen Spitzensportlern aus der ganzen Welt, wie Sprinter Usain Bolt, annähernd Heiligenstatus. Er verarztet die deutsche Fußballnationalmannschaft, früher flog er Boris Becker zu Grand-Slam-Turnieren im Privatjet hinterher. In einer Phase, in der die Bayern vor dem Champions-League-Aus stehen und so viele Verletzte wie kaum je zuvor haben, ist Müller-Wohlfahrts Abschied ein unerhörter Vorgang, der zeigt, wie angespannt das Binnenklima ist beim deutschen Meister. Vor allem zwischen den Ärzten und Trainer Josep Guardiola.

Eklat in der Kabine

In Porto ist es augenscheinlich zum Eklat gekommen, nach Informationen der "Bild" soll es nach dem Spiel in der Kabine einen Disput zwischen Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Müller-Wohlfahrt gegeben haben. Dessen Kern seien die Verletzten und deren zu langsame Genesung gewesen. Franck Ribéry fehlt den Bayern nach seiner Knöchelverletzung beispielsweise statt wie geplant ein paar Tage nun schon mehrere Wochen.

Fakt ist, dass es zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt von Anfang an hakte, auch weil ihre Philosophien völlig konträr sind. "Pep kennt aus Spanien und Italien andere Organisationsformen. Da waren gleich mehrere Ärzte jeden Tag beim Training vor Ort. Zur Historie des FC Bayern gehört Müller-Wohlfahrt mit seiner Praxis, die nur 20 Minuten von der Säbener Straße entfernt ist", sagte Sportchef Matthias Sammer vor einiger Zeit in einem Interview mit der "tz".

Diese 20 Minuten - bei günstiger Verkehrslage - waren Guardiola zu viel, er wollte, dass Müller-Wohlfahrt täglich an der Säbener Straße ist. Müller-Wohlfahrt wollte nicht, die Bayern versuchten zu schlichten und beorderten vor drei Monaten dessen Sohn Kilian zu den Übungseinheiten. Doch das Lazarett wurde immer größer, und mit ihm wuchs der Frust. Auch bei Guardiola, dem mehr und mehr die Alternativen fehlen. Der Spieler wie Lahm, Thiago, Müller, Boateng oder Alonso schonen müsste, es aber nicht kann. Und dem allmählich die Zeit ausgeht hinsichtlich seiner großen Ziele mit diesem Klub.

Viele Verletzungen in Trainingseinheiten

Dass die extrem vielen Verletzungen in dieser Saison oft in den Trainingseinheiten entstanden sind, mag ein Zufall sein. Zugleich steht fest, dass die Bayern so eine Misere wie jetzt fast noch nie hatten - vor allem in dieser Phase der Saison. Woran das liegt, ist schwer zu decodieren. Womöglich wollten sich die Ärzte aber nicht in Mithaftung nehmen lassen für Ansätze und Methoden des Trainers, hinter denen sie nicht uneingeschränkt stehen.

Mit dem Fall Thiago begannen die Kontroversen. Ende März 2014 verletzte sich der Wunschspieler Guardiolas bei einem Zweikampf gegen Hoffenheim, Müller-Wohlfahrt stellte einen "ausgedehnten Teilriss des Innenbandes im rechten Knie" fest. Zweimal riss das Band wieder, Thiago verpasste die WM, musste operiert werden - und war zwischenzeitlich auf Guardiolas Drängen hin bei dessen Vertrauensarzt Ramón Cugat in Spanien, wo er angeblich mit Kortison behandelt wurde. Müller-Wohlfahrt wertete dies als Vertrauensbruch, die Behandlung in Spanien hielt er für grundlegend falsch.

Ein Machtkampf über medizinische Hoheitsrechte entbrannte, der nur mühevoll heruntergedimmt werden konnte. Beendet war er nie. Dass Franck Ribéry länger als absehbar verletzt ist, dass Medhi Benatia sich gegen Leverkusen einen Muskelfaserriss zugezogen hat, all dies wirft Fragen auf: Hat Müller-Wohlfahrt zu früh grünes Licht gegeben? Hat Guardiola sie zu hart trainieren lassen?

In dieser so prekären Phase wird Dr. Volker Braun, "Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportmediziner, die Mannschaft des FC Bayern bei ihren Spielen begleiten", so der Klub am Freitag in einer Pressemitteilung. Josep Guardiola hat den Machtkampf jedenfalls gewonnen - erst einmal.

Doch die Unruhe im Verein ist durch diesen Zwist noch größer geworden, die Voraussetzungen vor dem schweren Rückspiel gegen Porto könnten schlechter kaum sein. Und möglicherweise hat der Spanier in ein Wespennest gestochen. Denn Auswärtige, die Urgesteinen des FCB die Qualität absprechen, haben in diesem Club nie lange überlebt. Der Trainer Jürgen Klinsmann hat das in der Saison 2008/09 erlebt. Nach Dissonanzen mit ihm quittierte Müller-Wohlfahrt seinen Dienst.

Klinsmann musste Monate später zurücktreten - und der Bayern-Arzt saß wieder auf der Bank.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
silenced 17.04.2015
1.
Es ist und bleibt ein Fakt, Müller-Wohlfahrt ist inzwischen fehl am Platze. Die Welt dreht sich weiter und er blieb einfach stehen. Das ging eine Weile gut, aber nach nun schon 4 Jahren Vollgas bei den Bayern ist das System Müller-Wohlfahrt einfach nicht das richtige System. Außerdem, wenn der Trainer WILL!, daß mindestens ein Arzt vor Ort ist beim Training und der Arzt aber keine Lust dazu hat weil man das noch nie so machte, dann muss der Arzt gehen, fertig!
zwietracht 17.04.2015
2. Liebe Journalisten
Man kann dieses Problem nicht betrachten, ohne Doping zu thematisieren. Ihr steckt alle unter einer Decke mit der Profi-Mafia, weil ihr nicht über Doping recherchiert und schreibt. und verarscht uns, die Konsumenten und Fans. Doping ist Alltag im Profifussball. M-W und Gardiola dürften sich über diese Problematik zerstritten haben, in der Halbzeitpause in Portugal hat M-W sich bestimmten Maßnahmen verweigert. Er wollte dieses Scheißspiel nicht mehr mitspielen, kann man verstehen.
hapebo 17.04.2015
3. Alles halb so wild!
Das ist doch alles Pille Palle.Isse Flasche leer musse machen alles selber.Unsere katalanische Kampfdrohne macht das bisserl Medizin auch noch mit, vielleicht mit Handauflegen oder so!
hirlix 17.04.2015
4.
Bayern hat trotz den Verletzungen immer noch mit Abstand die teuerste (und vielleicht auch beste) Startelf der Bundesliga und auf der Bank sitzen Spieler, die bei anderen Verinen in der Startelf standen bevor sie zu den Bauern kamen. Da den ausbleibenden Erfolg auf die Verletzungen und den Arzt zu schieben, ist einfach nur lächerlich. Spieler sind eben Menschen und keine Maschinen und der Körper kann nicht mal eben in ein paar Tagen repariert werden wie ein kaputtes Auto...
FairPlay 17.04.2015
5. Der Trainer
ist die wichtigste Person. Die Spieler sind die Profis die den gesamten Verein tragen. Sie müssen spielen und können sich nicht wie Beamte auf dem Heimsofa ausruhen.
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