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28. September 2017, 10:24 Uhr

Bayern-Pleite bei PSG

Ein Gegentor als Ausrede

Aus Paris berichtet Christoph Leischwitz

Der Trainer klingt wie immer, die Spieler halten sich bedeckt, die Chefs kündigen Konsequenzen an: Nach dem klaren 0:3 bei Paris Saint-Germain wirkt beim FC Bayern vieles aus der Balance.

Es gab niemanden, der den Trainer kritisierte. Weder für seinen Plan, der nicht aufgegangen war, noch für die überraschenden Personalentscheidungen, von denen es zuhauf gab. "Ich werde darüber nichts sagen. Das ist im Moment - kein Wort darüber" sagte Arjen Robben. Der Holländer des FC Bayern München, eingewechselt, als sein Team schon hoffnungslos zurücklag, stellte sich nach dem 0:3 bei Paris Saint-Germain als Erster den Fragen und gab damit die Richtung vor: Es gibt nichts, was man schönreden könnte. Aber mögliche Gründe konkret anzusprechen, da wagte sich erst einmal niemand aus der Deckung.

Ohne Mats Hummels, ohne Jérôme Boateng, ohne Franck Ribéry, ohne Arjen Robben - es war geradezu bizarr, denn fast wirkte es, als wollte Trainer Carlo Ancelotti mit seiner ungewöhnlichen Aufstellung mit aller Macht jemanden gegen sich aufbringen. Doch seine Spieler ließen sich nicht provozieren. "Der Trainer trifft seine Entscheidungen und stellt seine Pläne vor. Die Mannschaft versucht das bestmöglich umzusetzen", erklärte Thomas Müller lapidar. Einer, der den Trainer vor einem Monat schon einmal offen kritisiert hatte, als er kaum zum Einsatz kam. Damals war die Welt noch in Ordnung, jetzt aber ist erstmals ein konkretes Ziel in Gefahr: der Gruppensieg in der Champions League.

Er habe erst in der Mannschaftsbesprechung vor dem Spiel erfahren, dass er nicht in der Startelf stehen würde, sagte Robben kurz und trocken. Auch Franck Ribéry und Mats Hummels saßen im Prinzenpark auf der Bank, Jérôme Boateng sogar nur auf der Tribüne.

Alaba musste Ribéry nach der Partie trösten

Ob die Mannschaft noch hinter dem Trainer stehe? Fragen wie diese werde er nicht beantworten. Man müsse zusammenhalten, "jeder Spieler, der unzufrieden ist und das nach außen äußert - das bringt nicht viel." Ribéry war nicht zu sehen. David Alaba, der nach knapp vier Wochen Verletzungspause durchspielte, sagte, er werde seinen Freund gleich noch im Mannschaftsbus trösten müssen. Der Franzose in seiner elften Saison bei den Münchnern dürfte es als besondere Schmach empfunden haben, dass er nicht einmal zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, sondern sein Landsmann Kingsley Coman.

"Ich weiß, dass ich dafür kritisiert werde, aber das ist kein Problem", sagte Ancelotti über die Wahl seiner Startelf. "Rotation ist gut", insistierte er, "ich habe Vertrauen in alle." Die Innenverteidiger Niklas Süle und Javi Martínez seien gegen Paris die besten Bayern-Spieler auf dem Platz gewesen.

Die noch beste Erklärung für den verpatzten Start in dieses Spiel lieferte Joshua Kimmich. "Das ist eine Frage von Konzentration, wie wach man in das Spiel geht, eine Frage der Körpersprache", sagte er über das Gegentor in der zweiten Spielminute. Der Rechtsverteidiger sagte es so leise, als ob er niemanden mit seiner Kritik aufwecken wollte.

Die willkommene Ausrede

Einerseits war es ja richtig: Dieser Treffer hatte einem asymmetrischen Duell seinen Stempel aufgedrückt. Denn Neymar oder Kylian Mbappé konnten sich danach komplett auf ihre Schnelligkeit verlassen und im eigenen Stadion kontern. 34 Prozent Ballbesitz reichten völlig aus, um die Bayern vorzuführen.

Doch es klang allzu oft nach einer willkommenen Ausrede. "Wir mussten mehr aufmachen, sind dann in die vielen Konter reingelaufen", sagte Torwart Sven Ulreich. "Das Tor hat die Partie sehr verändert", fand Ancelotti.

Niemand sagte, dass man strenggenommen schon bei eben diesem Tor ausgekontert worden war. Dass der Plan, im Zentrum dicht zu stehen und so dem Pariser Angriffsspiel das Tempo zu nehmen, mit einem einzigen schnellen Antritt von Neymar ausgehebelt worden war: An der Seitenlinie überspielte er Thiago und zog nach innen, wo Corentin Tolisso nur noch hinterherlief, mehrere andere Spalier standen für den Querpass zu Dani Alves, der allein stehend verwandelte. Dieser Angriff zeigte, dass es egal war, ob die Bayern aufgerückt waren oder nicht: Man war in der Abwehr so oder so überfordert.

Den Spielern war der Frust anzusehen, Ancelotti hingegen klang nach business as usual - und das stand dann doch in Kontrast zu dem, was die Vereinsoberen von diesem Spiel hielten. Gleich nach dem Spiel war von ihnen niemand in der Interviewzone zu sehen gewesen, doch in der Nacht fand Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge deutliche Worte. "Es war eine Niederlage, über die es zu sprechen gilt. Und aus der wir auch in Klartextform Konsequenzen ziehen müssen", sagte er in einer sehr kurzen Bankettrede. Welche Konsequenzen das sind, wurde erst einmal nicht bekannt. Dass Spieler aus dem Kader rotieren, kann keine angemessene Strafe sein. Denn das sind sie schon gewohnt.

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