Bayerns 6:1-Triumph über Porto "Phänomenal, exzellent, faszinierend"

Eben noch fast ein Krisenklub, dann das 6:1 - Bayerns Gala gegen Porto war ein Befreiungsschlag. Der Abend, an dem fast alles gelang, zeigt: Der Favorit auf den Titel in der Champions League kommt aus München.

Getty Images

Von Sebastian Winter, München


"Müller auf den Zaun, Müller auf den Zaun", riefen die Zuschauer in der Südkurve. Bayerns Offensivspieler Thomas Müller sollte die Humba mit dem Megafon anstimmen, das Lied, mit dem die Fans besonders große Siege feiern.

Müller kletterte also auf den Zaun und gab den Fans das H, das U, das M, das B, das A. Und dann ging sie los, die Party, von der nicht viele dachten, dass es sie noch geben würde nach der 1:3-Hinspielpleite der Münchner im Champions-League-Viertelfinale in Porto. Und nach all den Verletzungssorgen sowie dem zur Unzeit eskalierten Streit mit Ex-Klubarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und dessen Team.

In der Umkleidekabine dauerte das Fest an, "ein bisschen Musik, ein bisschen Party, ich glaube, das ist ganz normal und verständlich", sagte Mittelfeldspieler Mario Götze. In Porto war die Umkleidekabine des FC Bayern noch ein Ort der Zwietracht gewesen.

Mit 6:1 (5:0) hatten die Bayern zuvor den bis dahin ungeschlagenen FC Porto aus der Königsklasse gefegt, an einem "magischen Abend", wie FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge das Spektakel bezeichnete, an dem auch das äußerst stimmungsvolle Münchner Publikum seinen Anteil hatte. Die Bayern haben sich mit diesem Erfolg nicht nur einen Platz im Halbfinale erkämpft, sondern auch einen in den Geschichtsbüchern: Denn bislang hatte noch nie eine deutsche Mannschaft in diesem Wettbewerb einen Zwei-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel aufgeholt.

Der Plan ist aufgegangen

"Niemals aufgeben", diese Forderung hatten die Südkurven-Fans vor dem Spiel in den Mittelpunkt ihrer Choreographie gestellt. Der FC Bayern zeigte dann eine der besten ersten Halbzeiten seit langer Zeit. Thiago Alcântara glänzte als Regisseur und Passgeber, Philipp Lahm und Juan Bernat, der sein bestes Spiel im Bayern-Trikot machte, brachten die Außenverteidiger Portos mit schnellen Vorstößen in die Bredouille.

Ohne ein halbes Dutzend Verletzte, darunter Arjen Robben, Franck Ribéry, David Alaba und Bastian Schweinsteiger, spielte der Deutsche Meister so aggressiv wie selten in dieser Saison. "Heute war es phänomenal, exzellent, eine faszinierende Mannschaftsleistung. Unser Plan ist aufgegangen", sagte Müller.

Der Plan war, mit schneller Spielverlagerung über die Flügel Räume zu nutzen, Räume, die im Hinspiel zugestellt waren, als die Bayern es immer wieder durch die Mitte versuchten. Im Rückspiel gelang ihnen in der ersten Halbzeit fast jede Kombination gegen die immer ängstlicheren Portugiesen, nahezu jeder Pass kam an, die Münchner berauschten sich an ihrem Spiel.

"Ich war heiß"

Nach 40 Minuten stand es 5:0 für die Bayern, Thiago (14.), Jérôme Boateng (22.) Robert Lewandowski (27., 40.) und Müller (36.) hatten getroffen. Das Spiel war entschieden, obwohl noch nicht einmal Pause war. "Es war ein Statement-Sieg", sagte Müller, ein Befreiungsschlag für Team und Trainer nach bleiernen Tagen.

Eine Szene versinnbildlichte die aufgeladene Energie besonders: Als Müller in der 57. Minute zum kurzen Taktikgespräch mit Guardiola an den Spielfeldrand kam, da packte ihn der Bayern-Trainer, zerrte ihn hin und her. "Ich war heiß", sagte Guardiola später, so heiß, dass seine Anzughose während des Spiels an der Seite aufplatzte.

"Papa, mach doch endlich mal ein Tor"

Dieser große Abend kann nun als Initialzündung für das Team dienen, das auf der letzten Rille fährt. Das sich aber selbst aus dem Schlamassel gezogen und weitaus Größeres vor hat. Selbst der Trainer Portos, Julen Lopetegui, sagte: "Der FC Bayern ist klarer Favorit auf den Gewinn der Champions League."

Die Münchner können noch alle drei Titel gewinnen, in Kürze werden außerdem Schweinsteiger, Robben und Ribéry wieder zurückkehren, vielleicht schon am Dienstag im Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund. Oder am Samstag, wenn die Bayern Hertha BSC Berlin empfangen. Sie können Meister werden, wenn sie gewinnen und Wolfsburg patzt.

Zu dieser verrückten Woche passt die Geschichte Jérôme Boatengs sehr gut. In Porto hatte der Innenverteidiger den entscheidenden Fehler vor dem 1:3 gemacht, im Rückspiel traf er per Kopf zum 2:0. Boatengs Augen strahlten, als er sagte: "Das Tor war heute sehr wichtig. Ich widme es meinen Töchtern, die mir noch gesagt haben vor dem Spiel: Papa, mach doch endlich mal ein Tor."

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c218605 22.04.2015
1. Der kleine feine Unterschied
Waehrend wie so oft andere Bundesligamannschaften bei gleichem Hinspielergebnis bis zur vorletzten Minute gegen Porto mit 2:0 geführt hätten, um dann doch "unverdient" durch einen Gegentreffer auszuscheiden, schiessen die Bayern noch selber eins. Gefaellt mir.
piccolo-mini 22.04.2015
2.
Aufgrund des überragenden Thiago, konnte Bayern das Tempodefizit auf außen (als sonstige Stärke) kompensieren und hat 6:1 gewonnen. Das ist alles. Gegen die richtig guten bedeutet das noch gar nichts.
HaioForler 22.04.2015
3.
So gehört das. Und nciht anders. Danke, Pep.
BlakesWort 22.04.2015
4.
Solange die Bayern Spieler wie Müller oder Lahm finden und groß ziehen, wird dieser Verein immer für Überraschungen gut sein. Haben sie wirklich gut gemacht. Vielleicht sollten sie wirklich überlegen, ob man Bastian Schweinsteiger nicht langsam in das Management überführt, bevor dieser als Sportinvalide endet. Die Mannschaft funktioniert ohne ihn besser.
CancunMM 22.04.2015
5.
Zitat von c218605Waehrend wie so oft andere Bundesligamannschaften bei gleichem Hinspielergebnis bis zur vorletzten Minute gegen Porto mit 2:0 geführt hätten, um dann doch "unverdient" durch einen Gegentreffer auszuscheiden, schiessen die Bayern noch selber eins. Gefaellt mir.
Naja, dass Bayern in der Bundesliga eine Klasse für sich ist ist unbestritten, aber auch Bayern hatte in der Vergangenheit Spiele, wo sie fast noch verloren hätte oder ausgescheiden wären. Und auch gestern hätte es nach dem 1:5 noch mal eng werden können. Und zum Artikel: Bayern ist für mich nicht der klare Favorit. Porto wurde bloß wieder eingenordet. Letztes Jahr noch mit Ach und Krach gegen Frankfurt in der EL weitergekommen, waren sie der shcwächste Gegner im Viertelfinale. Man wird sehen was von der Leistung zu halten ist, wenn man gegen die anderen Spielen muss.
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