Bayern nach Kantersieg "So darf man nicht spielen"

Die Luxusprobleme der Bayern: Mit einer Klasse-Leistung warfen sie den FC Arsenal aus der Champions League - und übten hinterher Selbstkritik.

Aus London berichtet Christoph Leischwitz


Arjen Robben grinste verschmitzt, als er aus dem Kabinentrakt in Richtung Mannschaftsbus ging. Der Flügelstürmer des FC Bayern grinst sehr oft nach Siegen, nicht selten kokettiert er dann auch damit, dass ihn seine Gegner schon wieder nicht davon abhalten konnten, nach einem Solo ein Tor zu schießen.

Doch nach dem Achtelfinale gegen den FC Arsenal war Robben aus einem anderen Grund verschmitzt, obwohl er auch diesmal ein Tor geschossen hatte. "5:1 - da muss ich vielleicht meinen Mund zumachen und nicht kritisch sein", sagte er mehr zu sich selbst, um dann fortzufahren: "Das ist eine Lehrstunde für das Viertelfinale: So eine erste Halbzeit darf man nicht spielen."

Selten trifft man einen 5:1-Sieger an, der so selbstkritisch mit sich ins Gericht geht, wie es der FC Bayern am späten Dienstagabend tat. Dabei hatte man den Gegner gedemütigt. Ein beachtlicher Teil der knapp 60.000 Zuschauer war schon nach dem dritten Tor der Bayern durch Douglas Costa nach Hause gegangen, dabei hatte die Schlussphase der Partie noch gar nicht begonnen (78. Minute). Von den Verbliebenen hielten einige schon vorher angefertigte Zettel in die Höhe: Für Arsenal-Trainer Arsène Wenger sei es nun Zeit zu gehen, stand darauf. Gegen diese Sorgen wirken jene der Bayern lächerlich klein.

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Bayern München in der Einzelkritik: Eine Halbzeit Extraklasse

Hinspiel und Rückspiel zusammengerechnet hatten die Münchner sogar 10:2 gewonnen - solche Ergebnisse sind in der K.-o.-Runde der Champions League selten. Zählt man aber nur die beiden ersten Halbzeiten zusammen, dann hätten die Bayern 1:2 verloren. Beide Male war die Partie zu ihren Gunsten gekippt, weil Laurent Koscielny zur tragischen Figur wurde. Im Hinspiel wurde er in der 49. Minute verletzt ausgewechselt, im Rückspiel sah er in der 53. Minute Rot wegen einer Notbremse an Robert Lewandowski, die keine war. In den gut 90 Minuten, in denen der Abwehrchef auf dem Platz stand, war den Bayern nur ein einziges Tor gelungen.

"Es ist heute gut gegangen", sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, aber "die erste Halbzeit haben wir schön Druck gehabt." Arsenal hätte leicht 2:0 in Führung gehen können. Eines wisse er ganz sicher: Ab dem Viertelfinale werde es "schwieriger als das, was wir in dieser Runde erlebt haben." Und das wiederum sei schon schwieriger gewesen, als es das 10:2 aussage.

Die Bayern haben in den vergangenen Wochen zunehmend besser gespielt, sie haben sehr viele Tore geschossen. Gegen den HSV (8:0), gegen Schalke und Köln (jeweils 3:0), gegen ein kriselndes Arsenal. Der echte Prüfstein war noch nicht dabei. Vor allem wenn es darum geht, zu zeigen, wie stabil die Abwehr der Bayern tatsächlich ist.

Zwischenzeitlich war es laut geworden im Londoner Norden, als der starke Theo Walcott in der 20. Minute mit einem Gewaltschuss eine Lücke zwischen Manuel Neuer und der Latte fand. Kurz konnte man einen Gegner beobachten, der allen Mut zusammennahm und gegen die Bayern auf Sieg spielte - vielleicht ein Vorgeschmack auf künftige Kontrahenten in der Champions League. "Wir haben gar keine andere Wahl", hatte Wenger schon vor dem Spiel gesagt. Und obwohl der FC Bayern das wusste, fand er in den 30 Spielminuten vor der Halbzeit kaum ein Mittel, um sich aus der Umklammerung zu befreien.

Es war dann Trainer Carlo Ancelotti, der seine selbstkritischen Spieler in Schutz nahm. "Es ist schwer, fokussiert zu bleiben, wenn man 5:1 vorne ist." Er hörte sich so an, als ob er genau die Probleme erwartet hatte, die Mats Hummels als ein Abdriften "in den Verwaltungsmodus" beschrieb. Ancelotti kennt seine Mannschaft mittlerweile schon ganz gut: Sie ruft offenbar nicht immer alles ab, wenn sie nicht muss. "Die Champions League verzeiht keine schwachen Halbzeiten", warnte Rummenigge. Die erste Halbzeit in London war vielleicht die letzte, auf die das nicht zutraf.



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WeiteFlanke 08.03.2017
1. Natürlich war es eine Notbremse
Man darf gerne trefflich über die leichte Abseitsposition Lewandowskis vor der Elfer-Situation streiten, aber das Foul von Koscielny nicht als Notbreme zu klassifizieren, zeugt von getrübter Wahrnehmung. Klassisch: Verhinderung einer klaren Torchance! Das voran gegangene Gelb war definitiv falsch - endlich mal ein Torrichter, der es besser gesehen und interveniert hat!
wjr69 08.03.2017
2. Knapper, als es das Ergebnis aussagt
In der Tat - der Elfer war keiner, da vorher Lewandowski im Abseits stand (bei Sky klar zu sehen). Wenn noch der Elfmeter in der ersten Halbzeit (m.E. vertretbar, ihn nicht zu pfeifen, weil Alonso den Ball spielt) für Arsenal gegeben wird, hätte das noch eine ganz heiße Kiste werden können. Aber man merkt, dass es bei Arsenal insgesamt nicht stimmt: auch mit 10 Mann und ohne Koscielny muss man dann nicht dermaßen auseinanderfallen.
hockeyer12 08.03.2017
3. macht aber nichts....
Dadurch das es wohl Abseits war, hat sich das erledigt. Bin kein Arsenal Fan, aber es ist schade, das ein bis dahin spannendes und interessantes Spiel durch einen (durch das Abseits vorher) falschen 11er und entsprechend rote Karte durch den Schiedsrichter gekippt wurde. Denn bis dahin war Arsenal die DEUTLICH bessere Mannschaft.
pr8kerl 08.03.2017
4. Wie bitte? Klasseleistung?
Zur Halbzeit hätte Arsenal gegen verschlafene Bayern locker 2:0 führen können. Das nennen Sie Klasseleistung? Nach dem Ausgleich hat sich Arsenal aufgegeben und keinen Widerstand mehr geleistet. Bayern hatte leichtes Spiel. Gegen einen Gegner, der nichts mehr unternimmt, zu gewinnen, das nennen Sie Klasseleistung? Also, da sind mir selbstkritische Bayern-Spieler wesentlich lieber als Ihr völlig unkritischer Text. Frage: Haben Sie vorher schon mal über ein Fußballspiel berichtet? Grüße von einem Bayern-Fan.
motorraucher 08.03.2017
5. Doch, es war ne Klasseleistung
Zitat von pr8kerlZur Halbzeit hätte Arsenal gegen verschlafene Bayern locker 2:0 führen können. Das nennen Sie Klasseleistung? Nach dem Ausgleich hat sich Arsenal aufgegeben und keinen Widerstand mehr geleistet. Bayern hatte leichtes Spiel. Gegen einen Gegner, der nichts mehr unternimmt, zu gewinnen, das nennen Sie Klasseleistung? Also, da sind mir selbstkritische Bayern-Spieler wesentlich lieber als Ihr völlig unkritischer Text. Frage: Haben Sie vorher schon mal über ein Fußballspiel berichtet? Grüße von einem Bayern-Fan.
Und das sage ich als Nicht-Bayernfan. Die Bayern haben Arsenal sich in der ersten Halbzeit austoben lassen. Selbst wenn der Elfmeter nicht gewesen waere: Es war deutlich sichtbar, dass Arsenal bereits ab etwa der 40. Minute die Luft ausging, denn schon Ende der ersten Halbzeit ist das Mittelfeld kaum noch nach hinten nachgerueckt. Klar war Arsenal in der ersten Halbzeit richtig stark. Aber das war zu erwarten. Allerdings ist es gemein hin bekannt, dass Arsenal konditionelle Probleme hat, was ja schon oefter (v. a. in England) kritisiert wurde. Perfekter Matchplan also: Gegner muede machen und dann zuschlagen.
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