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12. Juli 2019, 16:20 Uhr

Bayern-Trainer Niko Kovac

Das schwere zweite Jahr

Von Florian Kinast, München

Die Meisterschaft und der Pokalsieg haben Niko Kovac nur kurz entlastet. Der Trainer des FC Bayern spürt zum Start der neuen Saison bereits den Druck des Vorstands - und drängt auf neue Spieler.

Am Freitag sind beim FC Bayern die Nationalspieler ins Mannschaftstraining eingestiegen: Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Niklas Süle und die anderen Stars, die im Juni noch bei Länderspielen im Einsatz waren. Richtig voll war es an der Säbener Straße deswegen aber nicht, denn mit gerade einmal 17 Feldspielern ist die Personaldecke beim Deutschen Meister weiter dünn.

Und in dieser Zusammenstellung ist der Kader aktuell nicht konkurrenzfähig, wie auch Niko Kovac weiß: "Mit 17 Mann", sagte der Bayern-Trainer am Dienstag, "das wird nicht reichen." Der aktuelle Kader wird nicht reichen, um international mithalten zu können. Doch so klein das Aufgebot derzeit ist, die Erwartungen und der Druck sind weiter groß. Für Niko Kovac wird auch das zweite Trainerjahr in München ein schwieriges.

Druck von Rummenigge

Kovac hat die vergangene Saison zwar erfolgreich zu Ende gebracht und sollte seine eigene Position eigentlich vorerst stabilisiert haben. Aber sowohl die Meisterschaft als auch der glanzvolle Sieg im DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig scheinen nicht alle Zweifel am 47-Jährigen beseitigt zu haben. Das lässt sich zumindest den Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge entnehmen. Der Vorstandsboss hatte Kovac bereits nach dem Pokalsieg nicht mit einem Wort auf der Berliner Bankettrede erwähnt, und er erhöhte in der Sommerpause nun den Druck auf den Trainer.

"Dieser Klub lechzt nach der Champions League", erklärte Rummenigge zuletzt im Bundesliga-Sonderheft von "Sport1" und resümierte im Rückblick auf die starken Bayern-Jahre mit den beiden Ex-Spielern Franck Ribéry und Arjen Robben: "Wir haben damit die Champions League gewonnen, standen dreimal im Finale und quasi immer im Halbfinale." Im ersten Jahr von Niko Kovac aber nicht, da flogen die Bayern bereits im Achtelfinale raus.

Tatsächlich hat der Klubboss diese Pleite noch immer nicht überwunden, für ihn scheint der Frust über das Aus gegen den späteren Wettbewerbsgewinner Liverpool im Fazit der Vorsaison schwerer zu wiegen als die Freude über das Double. Da kann der Vorstand noch so sehr beteuern, dass es immer schwerer werde, die Champions League zu gewinnen.

Für die Bayern zählt in der kommenden Saison ein erfolgreiches Abschneiden in der Königsklasse besonders, es geht um den Nachweis, dass man noch immer zu den stärksten europäischen Klubs gehört. Die Meisterschale und der DFB-Pokal? Natürlich auch gerne, aber eher als Ergänzung zum Henkelpott.

Kovac weiß um die Erwartungen an ihn und um den Druck - weshalb er jegliche Konfrontationen meidet und dem Vorstandsboss beipflichtete, man habe doch noch bis zum Ende der Transferperiode, am 2. September, Zeit für Einkäufe. Doch Kovac hat auch registriert, dass der BVB im Sommer mit Thorgan Hazard, Julian Brandt und Nico Schulz spannende Spieler verpflichtet hat; offensive Spieler, genau in diesem Bereich hat der FC Bayern nach den Abgängen von Robben und Ribéry noch Nachholbedarf.

Der v orsichtig erhobene Zeigefinger

Mit vorsichtig erhobenem Zeigefinger erinnerte Kovac an das Vorjahr, als die Bayern mit 19 Feldspielern in die Saison gestartet waren und sich in den ersten drei Partien gleich drei Profis mit Verletzungen für Monate in den Krankenstand verabschiedet hatten: Kingsley Coman, Corentin Tolisso und Rafinha. "Als Trainer kann man nicht davon ausgehen, auf diesem Niveau die Saison schadenfrei zu überstehen", sagte Kovac nun und warnte vor neuen Verletzungen. "Wir werden wieder die Gejagten sein." Nicht nur in der Tabelle, sondern auch auf dem Platz.

Derzeit hat Kovac 17 Feldspieler zur Verfügung, darunter noch einige wechselwillige Akteure wie Jérôme Boateng und Renato Sanches sowie Jungprofis, etwa Alphonso Davies, 18 Jahre, und der vom Hamburger SV gekommene Jann-Fiete Arp, 19. Das zeigt: Kovac braucht noch Verstärkungen, auch um seiner selbst willen. Der Frage zu den angeblichen Rücktrittsgedanken in der Sommerpause, als er Medienberichten zufolge hinschmeißen wollte, wich Kovac am Dienstag aus. "Ich bin hier, damit habe ich die Frage doch schon beantwortet."

Seinen ersten öffentlichen Auftritt der neuen Saison begann Kovac mit einem kurzen Rückblick auf seine fünf Urlaubswochen: "All das, was schön ist, ist ziemlich kurz." Wie lang und schön die neue Saison für Kovac wird, das wird sich zeigen. Sicher dürfte sein, dass er sich eine Krise wie im Herbst 2018 nicht mehr erlauben darf. Zuletzt war Carlo Ancelotti im September 2017 vorzeitig weg - am Anfang seines zweiten Jahres beim FC Bayern.

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