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31. Juli 2015, 16:40 Uhr

Philipp Lahm beim FC Bayern

Auf rechts gedreht

Von Sebastian Winter, München

Philipp Lahm ist es gewohnt, zu führen, mitzuentscheiden. Jetzt ist der Kapitän beim FC Bayern zu einer Personalie mit Fragezeichen geworden. Wo spielt er in der neuen Saison? Vieles deutet auf den Job als Rechtsverteidiger hin.

Philipp Lahm ging es in den vergangenen Tagen nicht sonderlich gut, sein Großvater ist vor einer Woche gestorben. Am Donnerstag fand die Trauerfeier statt, in München-Gern, Lahms Heimatviertel. Nicht weit entfernt hat der 31-Jährige mit dem Fußballspielen begonnen, bei der Freien Turnerschaft, wo Lahms Opa fast 70 Jahre lang Mitglied war.

Lahm sind Familienwerte wichtig, er hat das immer wieder betont, seine Kindheit hat er in einem Mehrgenerationenhaus verbracht. Es dürfte ihm vor diesem Hintergrund nicht gerade leicht fallen, sich am Samstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf das erste wichtige Saisonspiel, den Supercup beim DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg, zu konzentrieren.

Eine Großfamilie ist auch Lahms Klub Bayern München, jedenfalls inszeniert sich das Millionen-Unternehmen gern als solche, mit den Fußballprofis als ihrem Herzstück. Lahm, der 1,70 Meter kleine Kapitän, ist dort das Oberhaupt. Er bestimmt die Richtung, er ist das Scharnier zwischen Mannschaft, Trainer und Funktionären, seine Position gilt als unumstößlich.

Lahm wollte das immer, mitentscheiden, Politik machen. Er führt nicht autoritär, laut, wie früher die Alphamännchen Oliver Kahn oder Stefan Effenberg. Lahm würde auch nie den Stinkefinger zeigen oder seine Mitspieler durchschütteln. Er ist aber in allem, was er tut, konsequent, geradlinig, verbindlich - neben und auf dem Platz.

Welche Rolle bleibt für Lahm?

Doch in diesem Sommer ist er auch zu einer Personalie geworden, hinter der Fragezeichen stehen. Es geht nicht um einen möglichen Wechsel ins Ausland wie bei Bastian Schweinsteiger, der auch zum Tafelsilber des Klubs gehörte, aber den Bayern am Ende nicht mehr so wertvoll erschien. Es geht vielmehr um die Rolle, die Lahm künftig auf dem Feld ausüben soll, um seinen Platz in Josep Guardiolas Spielsystem. "Man merkt, dass der Trainer voller Tatendrang ist und eine klare Vorstellung hat, wie er spielen will, defensiv wie offensiv", hatte Lahm vor zwei Jahren über Guardiola gesagt, der damals erst wenige Tage Bayern-Trainer war. Die Frage ist jetzt nur: Wo spielt Lahm?

Er hat seine Vorliebe selbst schon so oft vorgetragen: Mittelfeld spielt er lieber als Rechtsverteidiger, Rechtsverteidiger lieber als Linksverteidiger. Obwohl Lahm Letzteres in seiner Jugend und anfangs in der Nationalmannschaft war, insgesamt sieben Jahre lang. Er findet sich trotzdem rechts besser - und weiter vorne.

Doch spätestens mit der Verpflichtung von Arturo Vidal quillt das Mittelfeld der Bayern über. Die Konkurrenz ist gnadenlos, mit Vidal, Thiago, Franck Ribéry, Arjen Robben, Javier Martínez, Douglas Costa, Xabi Alonso, Mario Götze, Thomas Müller und David Alaba gibt es dort schon zehn Profis mit Stammplatz-Aussicht. Ergänzungsspieler wie Sebatian Rode, Pierre-Emile Höjbjerg, Gianluca Gaudino oder Joshua Kimmich nicht eingerechnet.

Kapitän ist Verschiebemasse Nummer eins

Während der China-Reise spielte Lahm sehr überzeugend Robbens Rolle auf der rechten Außenbahn, er war Rechtsverteidiger und im halbrechten Mittelfeld: Das zeigte mal wieder Lahms klassisches Dilemma: Ausgerechnet der Kapitän ist Guardiolas Verschiebemasse Nummer eins.

Lahm war, wenn man das Feld als Schachbrett sieht, immer Läufer oder Springer, so flexibel einsetzbar wie keiner sonst: Mit seiner Spielintelligenz, dem Sinn für den Raum, den antizipatorischen Fähigkeiten, mit seiner Bissigkeit im Zweikampf, der Wendigkeit, der brillanten Technik und dem präzisen Passspiel - ob nun als Rechtsverteidiger oder im halbrechten Mittelfeld, wo ihn Guardiola bevorzugt aufstellte in der vergangenen Saison.

An deren Ende wirkte Lahm, der sich im Herbst 2014 im Training den Knöchel gebrochen hatte, allerdings müde. Beim Halbfinal-Aus gegen den FC Barcelona in der Champions League machte auch er keine gute Figur, er schien nicht mehr so spritzig zu sein. Im DFB-Pokal rutschte er im Elfmeterschießen gegen Borussia Dortmund weg.

Es waren Situationen, die man so nicht kennt von Mister Zuverlässig, über den Guardiola nach seinem Amtsantritt im Sommer 2013 sagte: "Philipp Lahm ist für mich der intelligenteste Spieler, den ich je in meiner Karriere trainiert habe." Aber im Mittelfeld hat er auch die wenigste Spielpraxis, ihm fehlt dort noch die letzte Sicherheit auf höchstem Niveau.

Lahm weiß zugleich, dass er auf der rechten Seite mit Rafinha, dem soliden Brasilianer, nur einen einzigen Konkurrenten hat. Fürchten muss er ihn nicht, Lahm hat dort eine Quasi-Stammplatzgarantie. Doch wäre das für den Kapitän mal wieder nur die zweitbeste Lösung.

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