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11. Juli 2016, 15:32 Uhr

Vorstellung von Bayern-Trainer Ancelotti

Es menschelt wieder

Von Florian Kinast, München

Seine ersten Worte als Bayern-Trainer sprach Carlo Ancelotti auf Deutsch. Mehr Gemeinsamkeiten zu seinem Vorgänger Guardiola zeigte er aber nicht. In München wird es künftig bodenständiger zugehen.

Und dann erklang noch ein Ständchen. Auf dem Rasen intonierte die "Emmeringer Musi" den Defiliermarsch, ein Stück, das in diesen Gefilden vor allem zu Ehren der zwei mächtigsten Menschen gespielt wird, also für den bayerischen Ministerpräsidenten und den Trainer des FC Bayern.

Und weil es als Willkommenspräsent standesgemäß auch noch eine Lederhose gab, endete der erste Auftritt von Carlo Ancelotti mit reichlich zünftiger Folklore - und der Erkenntnis, dass natürlich nicht wegen Blaskapelle und Trachtengewand, aber allein wegen des neuen Trainers beim deutschen Rekordmeister jetzt alles wieder etwas normaler werden wird. Bodenständiger, geerdeter.

Nach drei Jahren unter Josep Guardiola, in denen der Klub durch andere Sphären schwebte, eine Zeit, die am Ende auch etwas sonderbar war, rätselhaft und anstrengend.

Jetzt scheint der FC Bayern zurück in der Wirklichkeit.

Wie immer bei der Präsentation eines neuen Trainers hatte der Verein kulinarisch mächtig aufgefahren und das Büfett traditionell garniert mit landestypischen Spezialitäten. 2013, bei der Inthronisation von Guardiola, gab es Tapas, Serrano-Schinken und Crema Catalana. Am Montag kredenzten sie Bruschette, Penne mit Zucchini und Vitello Tonnato.

Vieles war anders als damals vor drei Jahren. So aufgedreht und umtriebig Guardiola schon bei seinem ersten Auftritt war, so stoisch ruhig gab sich nun Ancelotti. Bedächtig wählte er seine Worte, als er seine ersten Sätze auf Deutsch ins Mikrofon brummelte. "Ich bin sehr glücklich und stolz, hier zu sein, ich möchte Bayern dafür danken. Ich habe Lust, eine neue Saison zu beginnen." Dann sprach er von der hervorragenden Arbeit seines Vorgängers, seiner Hoffnung, dass die Saison eine fantastische werden möge, und sagte schließlich: "Ich hoffe, dass mein Deutsch in den nächsten Monaten noch besser sein wird."

Das gelobte Guardiola vor drei Jahren auch, der Erfolg blieb aber aus. Seine Aussagen auf Deutsch waren bis zuletzt etwas wirr, selten war zu erkennen, was er eigentlich meint. Die Pressekonferenzen waren nicht selten für Journalisten und Trainer gleichermaßen eine Qual gewesen. Umso wohltuender nun Ancelotti, der nach dem Auftakt auf Deutsch unprätentiös mithilfe eines Simultandolmetschers auf Italienisch und Englisch fortfuhr und zu erkennen gab, dass er ungerne mehr sagt als unbedingt nötig.

Viel geredet wurde, wie Ancelotti sagte, auch bei der ersten Begegnung mit Karl-Heinz Rummenigge nicht, als der Bayern-Vorstand für ein Treffen nach Mailand reiste. Schnell war klar: Bayern will Carlo und Carlo will Bayern. Nach fünf Minuten war man sich einig. Auch dies ein Unterschied zu Guardiola. Damals sprachen Rummenigge und Ex-Präsident Uli Hoeneß mehrmals mit seinen Beratern, bevor sie ihn in seinem Penthouse in New York besuchten, um sich am Computer stundenlang seine Vorstellungen von Fußball zeigen zu lassen. Bei Ancelotti brauchte es das alles nicht. Handschlag drauf und fertig. Basta.

Was Ancelotti am Montag von sich gab, das waren Nettigkeiten, die üblichen Floskeln. Der Hinweis auf den FC Bayern als einen der besten Klubs der Welt, Standardformulierungen. Und doch war einiges bemerkenswert, die Distanz etwa zu Mario Götze: "Solange er ein Spieler des FC Bayern ist, werde ich ihn wie einen Spieler des FC Bayern behandeln." Das klang ganz so, als sei Götze nicht mehr lange ein Spieler des FC Bayern.

Natürlich kam auch die Frage, die sich Guardiola immer wieder anhören musste, die Frage nach dem Triple. "Ich bin Druck gewöhnt, ich musste immer gewinnen", sagte Ancelotti, der seit 17 Jahren nur Top-Klubs trainiert, Juventus, Milan, Chelsea, Paris, Real und jetzt die Bayern. Da bringen ihn Fragen nach dem Champions-League-Titel, es wäre sein vierter als Trainer, nicht wirklich aus der Ruhe. "Außerdem bin ich kein Zauberer, nur ein Trainer." Davon, "keine Revolution" anzuzetteln, sprach er noch, und dass er Guardiolas Spielstil weitestgehend fortsetzen möchte.

Dann gab es von Karl-Heinz Rummenigge auf dem Podium noch ein beflocktes Trikot mit seinem Namen und draußen auf dem Rasen die Lederhose. Zuletzt spielte die Blaskapelle das Lied von den "lustigen Holzhackerbuam", was nicht darauf schließen lässt, dass die Spielweise des FC Bayern nun herzhaft rustikal werden wird.

Sicher ist, dass nach der Zeit des Asketen Guardiola, nach drei nüchternen und emotional kühlen Jahren, mit Carlo Ancelotti eine neue Ära mit einer neuen Aura beginnt. Es menschelt wieder beim FC Bayern.

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