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Bayern-Attacke gegen Medien und Experten

"Geht's eigentlich noch?"

Der denkwürdige Auftritt von Bayerns Klubführung hinterlässt Verwunderung. Vieles bleibt vage, vieles klingt wirr. Hoeneß und Rummenigge toben, Salihamidzic darf nur wenig sagen.

Eine Analyse von Florian Kinast, München

AFP

Karl-Heinz Rummenigge (l.), Uli Hoeneß

Freitag, 19.10.2018   18:01 Uhr

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Nach einer halben Stunde fand dieser denkwürdige Auftritt ein jähes Ende - gerade hatte es begonnen, spannend zu werden. Eine wichtige Debatte hätte beginnen können: Wann hört aus Sicht des FC Bayern sachlicher Journalismus auf und wann fangen, wie man zuvor so oft vernehmen durfte, Polemik und Häme an? Was ist noch berechtigte Kritik? Und was genau sehen die Klubbosse als beleidigend und diffamierend an?

Was darf Sportberichterstattung und was nicht?

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Doch dann beendete Dieter Nickles, der Medienchef des FC Bayern, die Fragerunde. Auf den Einwand eines Reporters, man hätte doch noch viel Zeit, raunte Uli Hoeneß vom Podium herab: "Aber wir nicht." Das war schade, denn so blieb ein Gefühl der Ratlosigkeit und der Verwunderung, was der Auftritt in dieser Form eigentlich sollte.

Seit der am späten Donnerstagnachmittag per E-Mail verschickten Einladung zum Pressetermin war über die Beweggründe gerätselt worden. Das Dreigestirn Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic gemeinsam im engen Medienraum an der Säbener Straße in München, das musste schon etwas Besonderes werden. Und das wurde es auch: ein kollektiver Rundumschlag, eine Generalabrechnung mit den Medien und Experten im Fernsehen.

"Schlaumeier"

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Schon beim Einmarsch des Triumvirats rief Hoeneß einem langgedienten "Sky"-Reporter zu: "Schlaumeier." Und damit war der Grundtenor der Veranstaltung gesetzt. Gezielt pickten sich Rummenigge und Hoeneß einzelne Reporter und einzelne Medien heraus. Sie nannten anwesende Berichterstatter beim Namen, berichteten von zwei verfügten Unterlassungserklärungen gegen ein Verlagshaus. Wollte man sie als Machtdemonstration exemplarisch coram publico an den Pranger stellen, um die übrigen Journalisten einzuschüchtern? "Mit diesem Tag", sagte Karl-Heinz Rummenigge, "werden wir uns hämische Berichterstattung nicht mehr gefallen lassen." Sollte das eine Warnung sein, eine Drohung?

Enorm dick trug Karl-Heinz Rummenigge auf, als er sich in seiner allgemeinen Verurteilung von polemischer und hämischer Berichterstattung auf Artikel 1 des Grundgesetzes berief, der Unantastbarkeit der Menschenwürde - und als einziges konkretes Beispiel die Aussage von Olaf Thon nennen konnte, der dem Münchner Innenverteidiger-Duo Jérôme Boateng und Mats Hummels "Altherren-Fußball" konstatierte. "Da frage ich mich", so Rummenigge, "geht's eigentlich noch?"

Das also sollte schon verletzend, diffamierend und menschenunwürdig sein? Hatte nicht Uli Hoeneß genau das 2011 einmal auch der eigenen Mannschaft vorgeworfen: Altherren-Fußball?

Wirr und absurd

Uli Hoeneß sagte später, als es um den Verkauf von Juan Bernat nach Paris ging, einen Außenverteidiger, den man jetzt vielleicht angesichts der Verletzungsmisere gut gebrauchen könnte: "In Sevilla (beim Champions-League-Viertelfinale, d. Red.) war er alleine dafür verantwortlich, dass wir fast ausgeschieden sind." Und weiter: "Was der da für einen Scheißdreck gespielt hat." Ist das menschenwürdiger, nachdem er sieben Minuten zuvor erklärt hatte, man werde beim FC Bayern keine Respektlosigkeit mehr hinnehmen?

Es fehlte die richtige Einordnung, die Relation. Vieles klang einfach wirr und absurd. Und vieles blieb vage. Rummenigge schoss sich auf die Kritik an Manuel Neuer ein, der zuletzt einige Male patzte. Der Bayern-Boss berief sich auf die großen Verdienste des viermaligen Welttorhüters. Aber sollte er deswegen über jede Kritik erhaben sein? Unantastbar? Störte Rummenigge allein schon die Frage, ob nicht mal Marc-André ter Stegen ins DFB-Tor dürfte?

"Die Bundesliga ist keine Dschungelshow"

Auf Nachfrage, ob er bitte präzisieren und konkrete Beispiele für Polemik der vergangenen Tage nennen könne, sprach Rummenigge von der E-Mail eines Journalisten an Hasan Salihamidzic, in der es darum ging, wie die Betreuung der Spieler durch Physiotherapeuten und Fitnesstrainer gewährleistet sei. Das kleine Einmaleins jeder journalistischen Recherche mit einer Bitte um eine offizielle Stellungnahme, das sollte also despektierlich sein?

Salihamidzic war auch auf dem Podium, er durfte kurz sprechen, viel zu sagen hatte er nicht. Außer dass er, angesprochen auf den Vorwurf, den Trainer nach dem 0:3 gegen Mönchengladbach nicht öffentlich in Schutz genommen zu haben, meinte: "Wir müssen uns doch nicht öffentlich ein Küsschen geben. Die Bundesliga ist doch keine Dschungelshow."

Dann durfte er aber auch wieder nichts sagen. Eine an ihn gerichtete Frage beantwortete Karl-Heinz Rummenigge. Darin ging es darum, ob Salihamidzic sagen könne, ob er sich mit dem Berater von Jadon Sancho getroffen habe, und warum ein möglicher Wechsel des jetzigen Dortmunders nach München - wie in dieser Woche zu lesen stand - nicht zustande gekommen sei. Der Sportdirektor kam gar nicht zu Wort, Rummenigge unterbrach und sagte, die Antwort habe die Redaktion des Reporters bereits durch den Medienanwalt erhalten.

Zum Schluss blieben Fragezeichen zurück. War es nur der übliche Mechanismus, den man schon so oft erlebte: Läuft es sportlich mal nicht, dann feste drauf auf die anderen? Ein Ablenkungsmanöver von den eigenen Schwächen? Deutlich wurde zumindest, dass die Nerven blank lagen vor dem wichtigen Spiel in Wolfsburg am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Und es war ein Auftritt, über den man noch lange sprechen wird - und irgendwie auch rätseln.

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