Bayerns 8:2 gegen Barcelona Diese Nacht von Lissabon wird bleiben

Es sollte das Kräftemessen zweier Großklubs werden. Es wurde ein Fanal der Stärke des FC Bayern. Das lag an schwachen Katalanen - und Münchnern, die auch beim Stand von 8:2 spielten, als gehe es um alles.
Aus Lissabon berichtet Danial Montazeri
Denkwürdiger Abend: Bayern jubelt, Barcelona ringt um Fassung

Denkwürdiger Abend: Bayern jubelt, Barcelona ringt um Fassung

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RAFAEL MARCHANTE / AFP

Hansi Flick gelang auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ein kleines Kunststück: Bayerns Trainer sprach zugleich die Wahrheit und flunkerte doch.

"War das ein Jahrhundertsieg für die Geschichtsbücher?", hatte ihn ein Journalist gefragt.
"Es war ein Sieg", antwortete Flick.

Das mochte stimmen. Aber dieses 8:2 von Bayern München gegen den FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League war natürlich auch mehr als das. Man spürte das, noch während das Spiel lief. Sowas geschieht nicht oft, aber es passiert: Dass man als Zuschauer erkennt, dass gerade Fußballgeschichte geschrieben wird.

Nie schoss eine Mannschaft in der Königsklasse mehr Tore in einem Viertelfinale. Überhaupt erzielten erst zwei Teams mehr Treffer als nun die Bayern. Erstmals seit 1946 war es einer Mannschaft gelungen, acht Tore gegen Barcelona zu schießen.

Barça hat mit Lionel Messi den besten Fußballer der Welt im Team. Es hat einen Spielstil geprägt, den andere Mannschaften zu kopieren versuchen. Und diesen Klub, diesen großen FC Barcelona haben die Bayern überrannt.

Manchem Spieler ging es offenbar wie den Zuschauern auch. "Man muss sich vor Augen führen, dass wir gegen Barcelona 8:2 gewonnen haben", sagte Joshua Kimmich. Das sei schwierig zu begreifen. Thomas Müller sprach von einem "sehr speziellen Abend. Allein das Ergebnis und das, wie es sich auf dem Platz angefühlt hat, sind sehr besonders."

Das Estadio da Luz in Lissabon fasst rund 65.000 Plätze, fast alle blieben am Freitagabend leer. Als der Stadionsprecher vor dem Anpfiff die Namen der Spieler verkündete, tat er das nicht feierlich wie sonst an großen Champions-League-Abenden. Er ratterte sie herunter, monoton und in beachtlicher Frequenz. Mit der Nummer 9: Luis Suárez. Mit der Nummer 10: Lionel Messi.

Beim Namen Messi wäre es normalerweise so laut geworden wie sonst nur beim Torjubel. Stattdessen hörte man das Dröhnen vorbeifahrender Autos von der nahegelegenen Schnellstraße.

Als sich die Profis erstmals auf dem Rasen aufreihten, klatschten Suárez und Arturo Vidal in Richtung der leeren Tribüne. Während der Champions-League-Hymne stretchten sich die Spieler.

Und dann: Cut. Weltklassefußball. Zumindest von einer der Mannschaften. Dass Barcelona seine Schwierigkeiten haben würde mit den Bayern, war keine Überraschung. Dass der spanische Vizemeister aber so unterlegen sein würde wie sonst Teams der Marke Werder Bremen, verblüffte nicht nur, es machte fassungslos.

Vorne fehlte Barcelona das Tempo in den Beinen, hinten das im Kopf. Sie schafften es kaum durchs bayerische Pressing; immer wieder verloren sie Bälle im Mittelfeld. Einst war das Zentrum des Feldes der Ort gewesen, der Barcelona gehörte, egal, gegen wen es spielte. Diesmal war das Hoheitsgebiet der Bayern.

Spiel hätte sogar deutlicher enden können

Ein paar Chancen hatten die Katalanen, darunter einen Pfostenschuss von Messi. Aber ernsthaft offen hielten sie das Spiel nicht. In nur 19 der 90 Minuten lag Barça nicht zurück. Am Ende ließen sie die Bayern zu 21 Schüssen aus dem Strafraum kommen.

Das Spiel hätte sogar deutlicher für die Münchner enden können.

Nach dem 1:3 durch Serge Gnabry (27. Minute) breitete Stürmer Suárez am Mittelkreis stehend die Arme aus, Messi wandte sich ab von den Mitspielern. Die Stürmerstars hatten ihre eigene Methode, die Kollegen zu schelten. Nach dem 1:4 wurde klar, dass es für Barça nicht mehr ums Weiterkommen gehen würde, sondern um Schadensbegrenzung. Wieder standen Messi und Suárez am Mittelkreis.

Robert Lewandowski: Gegen Barcelona Torjäger und Abwehrarbeiter

Robert Lewandowski: Gegen Barcelona Torjäger und Abwehrarbeiter

Foto: RAFAEL MARCHANTE / REUTERS

Wenn Barcelona die Bayern mal in die Defensive drängte, fand sich kein Münchner so weit vorne. Robert Lewandowski, vor dem Spiel bei 53 Saisontoren, war sich nicht zu schade für Abwehrarbeit.

Ähnliche Szenen gab es immer wieder.

Vor dem 7:2 eroberte Lewandowski den Ball von Messi, indem er aus der Sturmreihe ins Mittelfeld zurückrannte.

David Alaba schrie nach einem Ballgewinn eines Mitspielers tief in der Bayern-Hälfte: "JA! JA! JA!"; legt los, sollte das heißen, macht Tempo, der Gegner steht offen. Da lief bereits die 90. Minute, das 8:2 war längst gefallen.

Positionswechsel verwirrten Barcelona

Die Einstellung stimmte, und dieses Unnachgiebige, dieses Weitermachen war eine Erklärung für das Ergebnis. Eine andere war die: Die Münchner haben im Gegensatz zu Barcelona einen klaren Plan für ihre Ballbesitzphasen.

Ihre Positionswechsel verwirrten die Katalanen. Wenn Müller sich nach rechts hinausstahl und Goretzka ins freigewordene offensive Zentrum schlich, blieb er ungedeckt. Gnabrys Bewegungen konnte Barça kaum folgen. Thiago blieb ständig frei. Jérôme Boateng durfte mehrfach Diagonalbälle schlagen. Gegenspieler Suárez schaffte es schlicht nicht, ihn intensiv genug anzulaufen.

Noch nicht am Ziel: Bayern-Trainer Hansi Flick

Noch nicht am Ziel: Bayern-Trainer Hansi Flick

Foto: POOL / REUTERS

Als das Spiel vorbei war, dauerte es keine fünf Minuten, bis alle Profis verschwunden waren. Leise setzte Loungemusik ein. Als hätte hier nicht soeben eines der epischsten Fußballspiele in der Geschichte der Champions League stattgefunden.

Diese Nacht von Lissabon wird bleiben. Die Verlierer aus Barcelona müssen sich aus ihrem Loch schaufeln. Die Aufgabe für die Gewinner aber ist eigentlich die schwierigere: Sie dürfen nicht zufrieden sein mit dem Erreichten, sie dürfen sich nicht sicher sein, dass es genau so weitergeht. Sonst würde man künftig zwar von diesem Sieg sprechen, aber das wäre versehen mit einem Aber. Gewonnen hätte den Titel jemand anderes.

"Gegen Brasilien hatten wir es nicht so unter Kontrolle"

Man lehnt sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt: Dem FC Bayern wird das mit der Selbstzufriedenheit nicht passieren. Dafür wirkte die Mannschaft zu fit - physisch, aber auch im Kopf. Und sie hat den richtigen Trainer.

Flick weiß, wie es ist, für einen solchen epochalen Fußballmoment zu sorgen und doch noch nicht am Ziel angelangt zu sein. Bei der WM 2014, als Deutschland Gastgeber Brasilien im Halbfinale 7:1 schlug, war er Co-Trainer gewesen.

Man dürfe sich schon freuen über dieses 8:2, sagte Flick. Aber man wisse beim FC Bayern, dass man "noch einiges vor der Brust" habe. "Wir alle wissen, wie schnell es gehen kann. Das nächste Spiel ist schon da." Das findet am Mittwoch statt. Der Gegner heißt dann Manchester City mit Trainer Pep Guardiola oder Olympique Lyon, die beiden Teams duellieren sich am Abend (21 Uhr; Stream: DAZN; Liveticker SPIEGEL.de).

Neben Flick waren aus dem aktuellen Bayern-Kader auch Manuel Neuer, Boateng und Müller bei der WM in Brasilien gewesen. Auch Müller wurde nun auf das Halbfinale angesprochen. Es gebe da schon einen Unterschied zwischen jenem 7:1 und dem 8:2 nun gegen Barcelona.

Der Sieg nun habe "noch viel, viel mehr mit uns" zu tun gehabt, sagte Müller. "Gegen Brasilien hatten wir es nicht so unter Kontrolle."

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