FC Bayern München Schleichend in die Krise

Spiel verloren, Tabellenführung futsch: Der FC Bayern befindet sich nach der Pleite in Mainz in der Krise. Das Problem der Münchner ist die eigene Stärke. Mit ihrem exzellent besetzten Kader wollen sie spielerisch glänzen - und vergessen dabei zu kämpfen.
FC Bayern München: Schleichend in die Krise

FC Bayern München: Schleichend in die Krise

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Uli Hoeneß hatte mal wieder den richtigen Riecher. Am Samstagabend erhob der Präsident des FC Bayern München das Team von Borussia Mönchengladbach zum Meisterschaftskandidaten. "Gladbach hat sich stabilisiert, sie könnten die Überraschungsmannschaft werden", sagte Hoeneß im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF, und ergänzte mit Blick auf den Titel: "Dortmund wird auf jeden Fall ein Kandidat sein."

Man kennt das ja aus München: Wenn ein Gegner den Bayern auf die Pelle rückt, wird dieser gelobt. Nicht, dass sich der FCB später den Vorwurf gefallen lassen muss, ein anderes Team möglicherweise unterschätzt zu haben. Daher sah sich Hoeneß offenbar genötigt, das taktische Mittel des Starkredens anzuwenden. Es darf bezweifelt werden, dass der 59-Jährige am Sonntagabend stolz auf sein Gespür war. Denn nach der 2:3-Niederlage der Bayern in Mainz ist der Rekordmeister auf Platz drei abgerutscht - hinter Mönchengladbach und Dortmund.

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Sieg des FSV: Bayern-Pleite in Mainz

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"Wenn man die Tabellenführung hergibt, dann ist das mit Sicherheit ein Tiefpunkt. Es ist schwer, Worte zu finden", sagte Bayerns Mittelfeldspieler Thomas Müller. Und Sportdirektor Christian Nerlinger analysierte: "Es ist insgesamt ein negativer Trend, den wir in der Bundesliga haben." Einer, der mit einem Sieg begann.

Schon beim 2:1-Erfolg in Augsburg agierten die Bayern allzu lässig im zweiten Durchgang, verspielten dadurch fast noch ihre Zwei-Tore-Führung. Auch, weil sie den bedingungslosen Kampf des spielerisch hoffnungslos unterlegenen Aufsteigers nicht annahmen. Der FCB glaubte, es spielerisch lösen zu können - ein Irrtum, der in Augsburg fast zwei Punkte gekostet hätte.

Das Problem der Bayern ist ihr Wissen um die eigene Stärke

Dieser Trend setzte sich schleichend bei der Heimniederlage gegen Dortmund und nun in Mainz fort. "Wir hätten unseren Stiefel runterspielen müssen", sagte Bayern-Kapitän Philipp Lahm und glaubte damit das Rezept benannt zu haben, mit dem sein Team bei den 05ern hätte gewinnen können. Genau diese Denkweise führte zu den beiden Pleiten gegen den BVB und den FSV. Nur den Stiefel runterzuspielen reicht nicht.

Das Problem der Bayern und der Grund für die Krise ist ihr Wissen um die eigene Stärke. Sie haben den besten Kader der Bundesliga, die besten Einzelspieler, mit nur acht Gegentoren die beste Abwehr und mit 34 Treffern den gefährlichsten Angriff aller 18 Clubs. Dennoch stehen in der Tabelle zwei Mannschaften besser da. Weil Mönchengladbach und Dortmund bislang neben spielerischen Glanzpunkten auch durch Willen und Kampf auffallen. Etwas, was man bei den Bayern derzeit vergeblich sucht. "Dass wir normalerweise die besseren Fußballer sind, steht außer Frage. Aber wenn man nicht dagegenhält, verliert man auswärts so ein Spiel auch mal", sagte Lahm nach der Partie in Mainz und fand damit doch noch die passenden Worte.

Größte Baustelle der Bayern ist das defensive Mittelfeld

Bei den Münchnern, so scheint es, wirken noch immer die rauschenden Fußballfeste nach, die sie gegen den HSV, Freiburg, Hertha BSC oder Nürnberg feierten. Die Frage nach knapp einem Drittel der Saison war nicht mehr diejenige, ob der FC Bayern deutscher Meister wird, sondern wann die Münchner den Titel würden feiern können.

Es ist nur menschlich, wenn man derart gebauchpinselt irgendwann abzuheben droht. Dann leistet man sich Flüchtigkeitsfehler, wie Jérôme Boateng gegen den BVB, oder wie die komplette Bayern-Defensive beim ersten Mainzer Tor durch Andreas Ivanschitz. Dazu kommt, dass nach der Verletzung von Bastian Schweinsteiger und der Roten Karte von Anatolij Timoschtschuk in Augsburg niemand bei den Bayern in der Lage scheint, das Spiel zu ordnen. Toni Kroos ist mit der alleinigen Verantwortung dafür noch überfordert, Luiz Gustavo beschränkt sich auf das Zerstören des gegnerischen Spiels - und selbst das gelingt dem Brasilianer zu selten. Das defensive Mittelfeld ist derzeit die größte Baustelle von Bayern-Trainer Jupp Heynckes.

Dazu kommt, dass sich auch der sonst so clevere Coach Fehler leistet. Etwa gegen Dortmund, als er Arjen Robben im rechten offensiven Mittelfeld aufbot. Doch der Niederländer war in seinem ersten Spiel nach langer Verletzungspause schwach. Weil Heynckes sich aber zierte, den Holländer mit divenhaften Zügen gegen den BVB auf der Bank zu lassen, beorderte er Müller von rechts in die Zentrale und von dort Kroos auf die Sechser-Position. Eine Rochade, die gründlich misslang. Gegen Mainz lief sich Robben lange warm, eingewechselt wurde er nicht.

Weil die Unterstützung aus dem Mittelfeld fehlte, blieb Torjäger Mario Gomez gegen Dortmund und Mainz ohne Treffer. Beim FSV schoss er kein einziges Mal aufs Tor. "Wir haben auf die Fresse bekommen. Das müssen wir einstecken und es nächste Woche besser machen", forderte Gomez nach der Pleite in Mainz.

Der nächste Gegner der Bayern heißt am Samstag Bremen (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf ist nach dem 2:0-Heimsieg gegen den VfB Stuttgart auf Platz vier vorgerückt, liegt zwei Punkte hinter dem FCB. Im Falle einer Niederlage gegen Werder würden die Münchner sogar aus den Champions-League-Plätzen rausfallen. Und Hoeneß müsste seinen Kreis der Titelrivalen womöglich um einen weiteren Namen ergänzen.

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