Bayerns Sieg beim BVB Die Abwehrchampions

81 Treffer hat der FC Bayern in dieser Saison erzielt. Aber die eigentliche Stärke des Teams ist die Defensive. Für den Rekordmeister ist das gut, für die Spannung in der Liga eher nicht.
Alle gegen den Ball: Hier verteidigen Thomas Müller und Benjamin Pavard gegen Jadon Sancho

Alle gegen den Ball: Hier verteidigen Thomas Müller und Benjamin Pavard gegen Jadon Sancho

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Federico Gambarini/ dpa

Torjäger unter sich: Der FC Bayern war mit dem Bundesligarekord von 80 Toren aus 27 Spielen nach Dortmund gereist. Der BVB hatte vor dem Topduell im deutschen Fußball immerhin 74 Treffer auf dem Konto. Heldengeschichten von Robert Lewandowski oder Erling Haaland wurden also erwartet. Natürlich kam es anders. Einem Defensivspezialisten gehörte die große Show.

Szene des Spiels: Großchancen blieben auf beiden Seiten selten. Ein Highlight gab es dennoch, die 43. Minute: Die Bayern spielten schnell, Kingsley Coman legte auf Joshua Kimmich ab, ein kurzer Blick, ein Lupfer aus 17 Metern, und weil Dortmunds Torhüter Roman Bürki einen Schritt zu weit vor seinem Tor stand, ging der Tabellenerste in Führung. Sicher, ein Torwartfehler ist da nicht wegzudiskutieren, aber ganz sicher war es auch eine geniale Aktion von Kimmich.

Bürki muss Kimmichs Lupfer passieren lassen

Bürki muss Kimmichs Lupfer passieren lassen

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Das Ergebnis: Fans dürfen nicht mehr in die Stadien, und nun dürfte sich auch die Spannung an der Tabellenspitze verabschiedet haben. Es blieb bei Kimmichs Tor. Nach dem 1:0 (1:0)-Sieg steht der Rekordmeister sechs Spieltage vor Saisonende sieben Punkte vor dem Tabellenzweiten aus Dortmund, der achte Titel in Serie der Münchner ist nicht mehr weit entfernt. Lesen Sie hier den Spielbericht.

Der erste Eindruck: Die Bayern verteidigten weit vor dem eigenen Tor, das hohe Pressing ist womöglich das auffälligste taktische Mittel, das Trainer Hansi Flick seinem Team in den vergangenen sechs Monaten verpasst hat. Zu Beginn des Spiels sah es so aus, als würden sich dem BVB dadurch Räume bieten, Haaland vergab gleich in der ersten Minute eine gute Chance. Aber danach wurde immer deutlicher, warum der FC Bayern letztmals Ende Februar gegen Paderborn ein Gegentor aus dem Spiel heraus kassierte. Die Defensive um Abwehrchef David Alaba hatte anschließend keine größeren Probleme.

Im Rampenlicht: Alaba und die weiteren 21 Spieler auf dem Feld dürften in einem besonderen Fokus gestanden haben, ist die deutsche Liga doch die einzige größere Sportliga der Welt, die während der Coronakrise spielen darf. Ein neuer Zuschauerrekord für exakt diese Paarung zwischen dem BVB und Bayern wird aber selbst unter diesen besonderen Voraussetzungen eher nicht zustande gekommen sein. Die Messlatte liegt hoch: Vor genau sieben Jahren und einem Tag hatten jene Partie weltweit 360 Millionen Menschen verfolgt. Champions-League-Finale 2013, 89. Minute, Arjen Robben. Dortmunder Fans erinnern sich ungern.

Führungsspieler: Kimmich war beim Champions-League-Sieg der Bayern erst 18 Jahre alt, noch Teil der A-Jugend des VfB, das Abitur hatte er gerade am Wirtemberg-Gymnasium in Stuttgart abgelegt. In den sieben Jahren danach ist viel passiert: Wechsel nach Leipzig, später einer der Lieblingsschüler von Pep Guardiola in München, Nationalspieler. Die letzte Beförderung: Mittlerweile darf er das Münchner Spiel aus der Mitte vor der Abwehr mitgestalten. Auf dem Feld wirkt er wie ein alter Hase, abgeklärt, selbstbewusst, das zeigte auch sein Lupfer beim 1:0. Kimmich ist erst 25 Jahre, seine besten Jahre dürften erst noch kommen.

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Lupfen, jetzt

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Und Dortmund? War durchaus engagiert, ab der zweiten Hälfte durfte auch der zuletzt angeschlagene Topscorer Jadon Sancho mitspielen. Doch die berühmten schnellen Konter blieben gegen einen defensivstarken Gegner weiter selten. Haaland probierte es häufiger mit einem Schuss, meist aus ungünstigen Positionen, die ganz große Gefahr für Manuel Neuer in seinem 400. Bundesligaspiel entstand nicht. Aber es hätte in der 58. Minute gefährlich werden können. Sogar müssen.

VAR da Hand? Jérôme Boateng lag am Boden und warf sich dann in einen Schuss von Haaland. Der Ball flog ihm an den leicht abgespreizten Ellenbogen und dann abgefälscht ins Toraus. Ein Elfmeter wäre berechtigt gewesen, doch ein Pfiff von Schiedsrichter Tobias Stieler blieb aus. Dortmund hatte den anschließenden Eckball direkt ausgeführt; ob es zu einer Überprüfung der Handszene durch den Videoassistenten gekommen ist, blieb zunächst unklar.

Erkenntnis des Spiels: Der FC Bayern muss auf seinem Weg zum 30. Meistertitel noch unter anderem gegen Bayer Leverkusen und Gladbach bestehen. Das ist ihm in dieser Form durchaus zuzutrauen. Aber wie gut ist dieses Team wirklich? Sicher, unter Flick hat es sich enorm gesteigert, vor allem in der Defensive. Doch eine endgültige Antwort auf diese Frage kann nur die Champions League liefern, die engen K.-o.-Spiele gegen die internationalen Topgegner. Hier ist frühstens ab August mit weiteren Spielen zu rechnen. So lange wird der FC Bayern seine Form wohl noch halten müssen.