Bayerns Sieg in Bremen Trügerischer Erfolg

Nach drei sieglosen Spielen freuen sich die Bayern über den wichtigen Erfolg gegen Werder. Kommt in der Bundesliga nun die große Aufholjagd? Der knappe Sieg in Bremen lässt diesen Schluss nicht zu.

Thomas Müller (r.) und Serge Gnabry
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Thomas Müller (r.) und Serge Gnabry

Aus Bremen berichtet


Niko Kovac wütete, gestikulierte, schrie. Immer wieder machte er eine schiebende Bewegung mit dem rechten Arm, als wolle er seiner gesamten Mannschaft aus der Defensive heraushelfen. Er warf seine Trinkflasche auf den Boden, es folgte ein kurzes Gespräch mit Leon Goretzka an der Seitenlinie, dann wieder die Geste mit dem rechten Arm.

Sekunden zuvor hatte der FC Bayern in Bremen den Ausgleich zum 1:1 kassiert. Und trotzdem feierten die Gäste nach zuvor zwei Punkten aus drei Partien wieder mal einen Bundesligasieg, ihren 16. in Serie gegen Werder. Und das nur vier Tage nach der Gala in der Champions League gegen Benfica. Trainer Niko Kovac sah beim 2:1-Erfolg ein "außerordentlich gutes Spiel" seiner Mannschaft.

Ist nun also alles wieder gut? Schon die Jahreshauptversammlung am Freitagabend deutete an, dass die Situation nicht so einfach ist. Aber kommt jetzt die große Aufholjagd? Die Krise hat die Bayern schon vor wenigen Wochen nach zunächst vier Pflichtspielsiegen hintereinander schnell wieder eingeholt. Dass dies schnell erneut passieren kann, dafür lieferte selbst der Sieg in Bremen Argumente.

Werder enttäuscht - und kommt trotzdem ins Spiel

Zwar zeigten die Bayern einige positive Entwicklungen. Serge Gnabry erzielte seinen ersten Doppelpack für seinen neuen Verein, das dürfte ihn für die kommenden Spiele stärken. Durch die Rückkehrer Kingsley Coman und Thiago, die beide eingewechselt wurden, entspannt sich die personelle Situation. Der Sieg war insgesamt verdient, die Bayern waren die klar bessere Mannschaft.

Niko Kovac
Getty Images

Niko Kovac

Allerdings traf die Elf von Kovac auch auf ein Team, das jetzt einen Punkt aus den vergangenen fünf Spielen geholt hat und auch am Samstag wieder keine gute Leistung zeigte. Offensiv fiel Werder wenig ein, verlor zudem immer wieder leichtfertig den Ball - teils tief in der eigenen Hälfte. Und dennoch ließen die Bayern den Gegner nach der Führung zurück ins Spiel. "Da waren wir ein Stück weit zu passiv, wollten ein bisschen durchschnaufen", sagte Thomas Müller. So ist auch das Gegentor zu erklären.

Trainer Kovac machte den Treffer an Niklas Süle fest. Dieser hätte beim Torschützen Yuya Osako bleiben müssen. "Das passiert. Ein Fehler. Mehr Fehler habe ich bei meiner Mannschaft in 90 Minuten nicht gesehen." Aber mit dieser Einschätzung lag er schon beim Gegentor falsch. Joshua Kimmich ließ sich zunächst viel zu leicht durch eine einfache Richtungsänderung von Max Kruse aus dem Spiel nehmen. Nach der folgenden Flanke köpfte Osako (1,82 Meter) zwischen Süle (1,95) und Jérôme Boateng (1,92) ein. Manuel Neuer war halbherzig aus dem Tor herausgekommen.

Gerade mit Blick auf den schwachen Bremer Auftritt ist es bemerkenswert, dass es der Rekordmeister nicht schaffte, das 1:0 in die Pause zu bringen oder gar auszubauen - oder die Partie dann zumindest in der zweiten Hälfte frühzeitig zu entscheiden. Unter anderem Müller und Robert Lewandowski ließen einige Chancen aus, gerade der polnische Nationalspieler scheiterte leichtfertig. Aber in der letzten halben Stunde fehlte es dann fast durchgehend an Münchner Torgefahr.

Bayern lässt wieder mal Spannung zu

Werder hätte durch Maximilian Eggestein (58.) oder Kruse (77.) sogar noch ausgleichen können. Ja, das wäre unverdient gewesen. Aber die Bayern ließen diese Spannung wieder zu. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Münchner eine derartige Begegnung jahrelang nach Hause spielten - sie ist weiterhin nicht zu sehen.

Robert Lewandowski (r.) und Thomas Müller
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Robert Lewandowski (r.) und Thomas Müller

Trotzdem hat die Mannschaft gelernt aus den späten Ausgleichstoren gegen Freiburg und Düsseldorf. "Wir haben auf unser schönes Spiel in den letzten Minuten verzichtet", sagte Müller. Gegen Bremen reichte es so zu einem umkämpften Sieg. Gegen stärkere Gegner werden die Bayern ihre verbesserte Leistung auch in der Liga mal wieder über 90 Minuten zeigen müssen. Bis zur Winterpause heißen die Bayern-Gegner Nürnberg, Hannover, Leipzig und Frankfurt.

"Wir hoffen, wir haben einen Trend wieder eingeleitet", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: "Wir werden einiges dafür tun, dass wir den FC Bayern erstmal wieder Richtung Spitze und dann an die Spitze führen werden." Die umfassende Kritik auf der Jahreshauptversammlung führte er auf die zuletzt ernüchternden Ergebnisse zurück. Da sei Unzufriedenheit normal. Genauso, dass "solche Abende auch emotional werden können". Dabei gehen die Spannungen im Verein längst über reine Ergebnisse hinaus.

Und Kovac? Der sagte, er habe die Jahreshauptversammlung überhaupt nicht verfolgt. Er habe Golf geschaut. Der Sieg in Bremen ist für den Trainer besonders wichtig. Ein weiterer Rückschlag in der Liga und der Druck wäre weiter gewachsen - trotz der Rückendeckung durch Uli Hoeneß. Als Befreiungsschlag oder gar Wendepunkt lässt sich dieses Spiel aber erst bewerten, wenn sich die Bayern in den kommenden Spielen weiter steigern.

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coachalex74 01.12.2018
1. Bremer
Der SVW ist in dieser Form kein Ernst zu nehmender Gegner und damit auch kein Gradmesser für Bayern .Spielerisch haben die Bayern enttäuscht- noch enttäuschender ist jedoch der uninspirierte Auftritt der Bremer zu beurteilen , die immer weiter Richtung Tabellenkeller abrutschen. Hoffe das Gerede um Europa ist bis Weihnachten endlich verstummt und jedem in der Führungsriege der Bremer wird klar , dass auch diese. Saison realistisch nur Abstiegskampf lauten kann
answercancer 01.12.2018
2. Kovac wird das Klinsmann Syndrom einholen
Welcher als trainer beim fcb ebenfalls hohe Siege in der Champions League hatte und die Gruppe und das Achtelfinale souverän überstand ,aber schlechten nicht taktisch ausgereiften Fussball spielen ließ und dann auch gefeuert wurde.
pdqbach2005 01.12.2018
3. Ich hatte mir von Bremen mehr erhofft
Jetzt kommen noch Nürnberg und Hannover, das sind zwei Vereine, die Bayern München unbedingt locker schlagen sollte, Dortmund hat noch Schalke, Bremen und Düsseldorf, könnte auch klappen. Die Münchner haben dann am 22. das Spiel gegen Eintracht Frankfurt, da bin ich ja mal sehr gespannt.
kanoba 01.12.2018
4.
Der Autor misst fälschlicherweise die Entwicklung der Bayern an der Form von Werder Bremen. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass der FC Bayern kein Problem hat gut zu spielen (siehe die Spiele gegen Dortmund und Düsseldorf), sondern vielmehr ein Problem hat "zu gewinnen" sprich ihr gutes Spiel auch über die Zeit zu bringen. Diese Moral, wie ich es nennen würde hat Bayern in den letzten beiden Spielen wieder an den Tag gelegt, obwohl die Defensivleistung unbestritten besser sein könnte. Insgesamt würde ich dem Autor daher in seiner These widersprechen und behaupten, dass die Bayern jetzt durchaus wieder Meisterambitionen anmelden werden, wobei auch Dortmund in den letzten Spielen nicht mehr so fit scheint woe noch vor ein paar Wochen.
colinchapman 02.12.2018
5. welche hohen Siege?
Zitat von answercancerWelcher als trainer beim fcb ebenfalls hohe Siege in der Champions League hatte und die Gruppe und das Achtelfinale souverän überstand ,aber schlechten nicht taktisch ausgereiften Fussball spielen ließ und dann auch gefeuert wurde.
Jürgen Klinsmanns höchster Sieg in der CL als Trainer der Bayern war ein 3:0 gegen den AC Florenz und dito gegen Steau Bukarest. als hohe Siege würde ich das nicht bezeichnen.
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