Bayerns Sieg in Freiburg Getauschte Rollen

Der FC Bayern gewinnt in Freiburg. Das ist nicht ungewöhnlich, das Zustandekommen schon - der SC war über weite Strecken das bessere Team. Wollen die Münchner Meister werden, müssen sie viele Details verbessern.
Bayerns Thiago (l.) fällt im Zweikampf mit Freiburgs Lucas Höler

Bayerns Thiago (l.) fällt im Zweikampf mit Freiburgs Lucas Höler

Foto: Patrick Seeger/ DPA

Solche Aussagen hat man nach Spielen des FC Bayern München schon häufig gehört. "Ein großes Kompliment an meine Mannschaft, dass sie sich so dagegengestemmt hat", sagte der Trainer, der insgesamt fand, man habe den Druck des Gegners "gut überstanden". Von einem "Sieg des Willens" sprach der Torwart.

Es waren Sätze, die ausgesprochen werden, wenn sich weniger talentierte Mannschaften wacker gegen die Bayern schlagen, die dann natürlich trotzdem gewonnen haben. Am Mittwoch war alles anders. Ganz anders. Denn es waren mit Hans-Dieter Flick und Manuel Neuer zwei Angestellte des FC Bayern, die den glücklichen 3:1-Sieg beim SC Freiburg so kommentierten, als hätte da ein krasser Außenseiter einen Erfolg bei einer Übermannschaft erzwungen.

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Bayern-Sieg in Freiburg: Merken Sie sich dieses Gesicht!

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Die Münchner werden sich fragen müssen, wie es zu einer solchen zweiten Hälfte kommen konnte: Freiburg war überlegen, kam zu vielen guten Torchancen und war nach dem Ausgleich durch Vincenzo Grifo (59. Minute) dem Sieg viel näher als die Bayern. Dann kam die fünfminütige Nachspielzeit mit den Toren von Youngster Joshua Zirkzee und Serge Gnabry, der Meister feierte den neunten Saisonsieg, und viele Beobachter sprachen von der Rückkehr des Bayern-Dusels.

Individuell trennen beide Mannschaften Welten

Dass der nötig werden sollte, war nach den ersten 30 Minuten eigentlich nicht vorstellbar. Alles sprach für einen lockeren Bayern-Sieg. Freiburgs Trainer Christian Streich hatte den Eindruck, "dass sie uns heute aus dem Stadion knallen". Sie, die Bayern, hatten zur Halbzeit über 300 Pässe geschlagen, deren Fluss die wackeren Freiburger so gut wie nie unterbrechen konnten. Es stand nur 0:1 aus Freiburger Sicht, was - nicht zum ersten Mal in den vergangenen Wochen - vor allem an der schlechten Chancenverwertung der Bayern lag. Für den so gut in die Saison gestarteten SC schien sich trotzdem ein Desaster anzubahnen.

Es sollte anders kommen. Wenn eine Mannschaft wie der SC, bei der jeder Spieler so lange läuft, bis er mit akuter Atemnot ausgewechselt werden müsste, sich in der zweiten Hälfte dermaßen in einen Rausch spielen kann, dann muss ein Dauer-Champions-League-Teilnehmer ein paar Fehler gemacht haben. Denn individuell, das sah man natürlich auch am Mittwoch, trennen beide Mannschaften Welten.

Und, ja, diese Fehler gab es zuhauf. Mal waren es Schlampereien, wie die von Gnabry oder Joshua Kimmich, die sich von ihren Gegenspielern den Ball abluchsen ließen und nicht nachsetzten. Es gab Versäumnisse in der gesamten Verteidigungslinie der Bayern, die den Freiburger Sturm und Drang gewähren ließ. Vor allem aber gab es keine Anpassungen an den veränderten Spielablauf. Die Außenverteidiger Kimmich und Alphonso Davies standen sehr hoch, und so ließen die Bayern einen Schlagabtausch zu, den es mit mehr Ruhe am Ball und einer angepassten Formation so nicht gegeben hätte.

Flick schiebt es auf die englischen Wochen

Flick schob es allerdings eher auf äußere Umstände, wie das Fehlen einiger Stammspieler: "Man merkt, dass die Körner allmählich ausgehen. Es sind jetzt viele Spiele, die wir in den Beinen haben." Insgesamt sei der Sieg deshalb "ein wenig glücklich" gewesen, sagte der Trainer, der sich im Anschluss noch lange mit Streich unterhielt. Beide kennen und schätzen sich, seit sie Anfang der Achtzigerjahre als Spieler des Freiburger FC und des SV Sandhausen in der Oberliga Baden-Württemberg gegeneinander gespielt hatten.

Als Flick danach zum Mannschaftsbus ging, sangen ein paar Meter rechts von ihm ein paar SC-Fans einen Refrain ("Ihr wart besser als der FCB"), den sie fast immer singen, wenn es gegen die Bayern geht. Meist ist das reines Wunschdenken, weil die Bayern dann eben doch verdient gewonnen haben. Aber diesmal war der SC tatsächlich 55 Minuten lang die bessere Mannschaft. Ab der 35. Minute. Und bis zur 90., bis zur Nachspielzeit.

In den kommenden Monaten sollten es die Bayern vermeiden, zwei so unterschiedliche Halbzeiten zu spielen - wenn sie noch Meister werden wollen. Dass das trotz der derzeit vier Punkte Rückstand auf Leipzig klappen könnte, haben sie auch in Freiburg gezeigt. Mit 35 Minuten Traumfußball. Und mit fünf Minuten Nachspielzeit, in der sie zwei Tore erzielten. Doch auf diese Art Dusel sollten sie sich nicht dauerhaft verlassen.

SC Freiburg - Bayern München 1:3 (0:1)
0:1 Lewandowski (16.)
1:1 Grifo (59.)
1:2 Zirkzee (90.+2)
1:3 Gnabry (90.+5)
Freiburg: Flekken - Gulde, Koch, Heintz - Frantz (54. Kwon), Haberer, Höfler, Günter - Höler (90.+3 Schlotterbeck), Grifo (75. Borrello) - Petersen
München: Neuer - Kimmich, Pavard, Alaba, Davies - Thiago - Gnabry, Thomas Müller (63. Martinez), Coutinho (90. Zirkzee), Perisic - Lewandowski
Zuschauer: 24.000 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Stegemann
Gelbe Karten: - / Thomas Müller, Lewandowski, Thiago