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Bayern-Zugang Tasci: Der Aushilfsboss

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Bayern-Zugang Tasci Der Aushilfsboss

Serdar Tasci soll beim FC Bayern die Abwehrnot lindern. Für den Transfer werden die Münchner belächelt. Das Taktikprofil zeigt: Der Verteidiger ist besser als sein Ruf - und er passt zum Stil von Guardiola.

Seine Worte holten ihn schnell ein. Es gebe "keine guten Spieler" auf dem Markt, hatte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge am vergangenen Sonntag gesagt. Kurz darauf verpflichtete er Serdar Tasci.

Das lag zwar daran, dass sich in der Zeit zwischen Rummenigges Aussage und Tascis Verpflichtung mit Javi Martínez der dritte Verteidiger der Münchner verletzt hatte. Dem 28-jährigen Tasci, von Spartak Moskau vorerst ausgeliehen, haftet nun aber das Image des Notkaufs an. Es ist der Eindruck entstanden, dass der Verteidiger eigentlich nicht gut genug für den FC Bayern ist.

Ist er das wirklich nicht?

Oktober 2015, Tasci tritt mit Spartak bei Mordowia Saransk an, er spielt als zentraler Verteidiger in einer Dreierkette. Auf dem Feld rudert er ständig mit den Armen, Tasci verschiebt seine Mitspieler mal zur Seite, mal nach vorne, dann wieder zurück. Er verhält sich wie ein Abwehrchef, gibt Kommandos. Dahinter steckt sein Spielverständnis, Tasci liest das Spiel. Die Bundesliga erinnert sich an Tasci als Top-Talent, das in Stuttgart 2007 als 20-Jähriger Deutscher Meister wurde.

Nun ist aus Tasci ein Anführer geworden

Die Partie in Saransk verläuft zäh, nach einem frühen Tor für Spartak plätschert die erste Hälfte vor sich hin. Tasci ist oft am Ball, der Gegner verteidigt tief. Einmal steht Tasci im Mittelkreis, neben ihm seine beiden Abwehrkollegen, vor ihm das ganze Spiel. Er wartet, sucht im statischen Geschehen eine Lücke für den Vorwärtspass. Plötzlich entdeckt er sie: Einer von Spartaks Mittelfeldspielern hat mit einem Laufweg seinen Bewacher auf die Seite gelockt, woraufhin ein Spartak-Stürmer in den freigewordenen Raum läuft. Tasci verbleibt der Bruchteil einer Sekunde, um ihn anzuspielen. Er zögert. Sofort hat der Stürmer einen Abwehrspieler im Rücken, ein Zuspiel wäre nun riskant. Tasci bricht den Angriff ab.

Die Szene verrät viel über den ehemaligen Nationalspieler: Dass er Verantwortung übernimmt in der Spieleröffnung; dass er nicht nur an die eigene Aktion denkt, sondern auch die Chancen des Passempfängers kalkuliert. Sie deutet aber auch ein Problem an. Er benötigt manchmal einen Tick zu lange für seine Entscheidungsfindung.

Grundsätzlich beherrscht Tasci auch anspruchsvollste Pässe zwischen die gegnerischen Linien. Schon beim VfB galt er als spielstarker Innenverteidiger, in Russland gehörten scharfe Bälle gegen die Verschieberichtung des gegnerischen Mittelfeldblocks zu seiner Spezialität. In dieser Saison kamen 87,5 Prozent seiner Pässe an, das ist der sechstbeste Wert aller Spieler in der Premjer-Liga.

Offen ist jedoch, wie schnell Tasci sich wieder an den höheren Rhythmus der Bundesliga gewöhnen wird. Anders als in der russischen Liga wird hier viel Druck auf die Aufbauspieler ausgeübt. Dies bleibt das einzige Rätsel rund um Tascis Verpflichtung.

Sonst gilt: Tasci und Bayern, das passt

  • Aus Moskau kennt Tasci das Spiel sowohl in der Dreier- als auch der Viererkette, an den variablen Stil der Münchner dürfte er sich schnell gewöhnen.
  • Mit seiner durchdachten Art und dem intuitiven Drang, sich nach einem Pass direkt wieder anspielbar zu machen, passt er ebenfalls bestens zu Bayern-Trainer Josep Guardiola.
  • Tasci will Bälle nicht einfach nur klären, er verfolgt einen konstruktiven Ansatz. Landet eine Flanke in seiner Nähe, drischt er sie nicht allein aus dem Strafraum; sein Ziel ist es, die Gefahr zu bereinigen und den Ball zum Mitspieler zu bringen. Der Befreiungsschlag wird zum Spielaufbau. Jedoch bringt Tasci gerade jene schwierigen Bälle nicht konsequent zum Teamkollegen. Der Gedanke ist löblich, an der Ausführung hapert es aber manchmal.

Auch in anderen Bereichen ist Tasci ein sehr guter, aber kein Spitzenverteidiger. Allerdings schafft er es, jene Bereiche nur geringfügig ins Gewicht fallen zu lassen. Da ist sein Kopfball. Als Tasci (1,86 Meter) mit Spartak im Spiel gegen Anschi Machatschkala auf den mittlerweile für Hannover stürmenden Hugo Almeida (1,91 Meter) traf, ging er Kopfballduellen konsequent aus dem Weg. Das fiel kaum ins Gewicht, Tasci schickte seinen Abwehrpartner vor und zog sich selbst einige Meter zurück, um zweite Bälle vor dem Gegner zu erreichen.

An Boateng reicht Tasci nicht heran

Oder sein Tempo. Tasci ist zwar schnell auf den ersten Metern, an die Geschwindigkeit eines Jérôme Boateng reicht er jedoch nicht heran. Mögliche Defizite gegen besonders flinke Spieler fängt er aber auf, indem er sich während dynamischer Läufe oft hin zum Angreifer bewegt, dann wieder zurückweicht, um sich hinterher wieder anzunähern. Das sieht aus, als würde Tasci schlingern. Tatsächlich verzögert er so den Vorstoß.

Tasci zu holen, war aus Sicht des FC Bayern ein Kompromiss. Aber ein guter. Zunächst setzt ihn zwar eine Gehirnerschütterung außer Gefecht, die er sich am Mittwoch im Training zugezogen hat. Ein Einsatz am Samstag gegen Bayer Leverkusen (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kommt zu früh. Doch sobald er fit ist, ist Tasci auf Anhieb der neben Holger Badstuber beste gesunde gelernte Verteidiger der Münchner und dürfte in der Bundesliga den Ansprüchen locker genügen. In den seltenen Spitzenspielen, in denen die Qualität der Verteidiger über Sieg oder Niederlage der Bayern bestimmt, wird er Boateng nicht vollwertig ersetzen können. Doch wer kann das schon?


Zusammengefasst: Serdar Tasci gilt als nicht gut genug für den FC Bayern. Doch das stimmt nicht; der Verteidiger passt mit seiner Spielweise gut zu Trainer Josep Guardiola. In der Bundesliga wird er die Münchner Abwehr verstärken - wenn er sich schnell genug an den hohen Rhythmus der Liga gewöhnt.

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