Kaderplanung bei Bayern München FC Retro

Wie sieht beim FC Bayern der Kader der Zukunft aus? Größtenteils wie der jetzige. Die Münchner setzen auf altbewährte Spieler. Das hat mit Trainer Hansi Flick zu tun, aber wohl auch mit der Coronakrise.
Von Christoph Leischwitz, München
Thomas Müller (vorn) hat seinen Vertrag beim FC Bayern schon verlängert. Manuel Neuer (hinten) soll folgen

Thomas Müller (vorn) hat seinen Vertrag beim FC Bayern schon verlängert. Manuel Neuer (hinten) soll folgen

Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

Es gab ein paar "special guests" im Cyber-Training des FC Bayern in den vergangenen Wochen. Bastian Schweinsteiger etwa oder Arjen Robben. Die Helden vergangener Tage haben einer virtuellen Trainingseinheit der aktuellen Bayern-Profis im Homeoffice beigewohnt. "Das bringt so ein bisschen Auflockerung rein", sagte Thomas Müller.

Die Zeit der durch die Covid-19-Pandemie erzwungenen Heimarbeit ist nun vorbei. Seit Montag können Müller und seine Kollegen wieder auf dem Rasen trainieren, wenn auch nur in Kleingruppen und mit Abstand. Und man wird den Eindruck nicht los, dass sich weiterhin vieles um alte Helden dreht in München.

Es sind vor allem Altbewährte, die die Mannschaft in Zukunft zu Erfolgen führen sollen. Der FC Bayern treibt in der spielfreien Zeit seine Kaderplanung voran, setzt dabei vorrangig auf das eigene Inventar und wird so zum FC Retro.

Flick-Verlängerung hatte Signalwirkung

Müller etwa hat seinen Vertrag unter der Woche  bis ins Jahr 2023 verlängert. Der 30-Jährige sei doch für München so wichtig wie das Oktoberfest, sagte Bayern-Präsident Herbert Hainer.

Dass Müller bleibt, lag zu einem großen Teil an der Vertragsverlängerung von Trainer Hansi Flick . Der 55-Jährige hat eine im Herbst noch dysfunktionale Mannschaft repariert und Spieler wie Müller zu alter Stärke zurückgeführt. Seit Flick das Team von Niko Kovac übernommen hat, erzielte Müller, der bei Kovac oft Ersatzmann war, in 15 Bundesligaspielen sechs Treffer und bereitete zwölf weitere vor. "Ich habe nicht nur mehr Einsatzzeit bekommen, ich habe dem Spiel auch wieder den Thomas-Müller-Stempel aufdrücken können", sagte Müller dazu.

Flick hat nicht nur eine beachtlich lange Laufzeit als Vertrauensvorschuss erhalten. Er hat sogar ein ausdrückliches "Mitspracherecht" in der Kaderplanung bekommen. "Das ist doch klar", sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. So klar war das in der Vergangenheit allerdings selten beim FC Bayern. Nun hat Flick weitgehend freie Hand, mit einer Einschränkung: Die Coronakrise lässt auch den Rekordmeister ein wenig vorsichtiger agieren.   

So gestaltet sich auch die Verlängerung von Manuel Neuer etwas komplizierter. So wie viele andere Verträge läuft der des Torhüters 2021 aus. Dem Vernehmen nach soll Neuer eine Verlängerung bis 2025 anstreben. Dann wäre Neuer 39 Jahre alt. Das allerdings könnte für Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic dann doch etwas zu retro sein. Zumal mit dem 23 Jahre alten Alexander Nübel ab der kommenden Saison bereits ein potenzieller Neuer-Nachfolger  ins Team aufgenommen wird. Dass die Bayern Neuer halten wollen, gilt allerdings als sicher. Flick sagte über ihn: "Alle würde sich freuen, wenn er verlängert."

Thiago soll bleiben

Flick ist ein Trainer, der Spielern viel Vertrauen schenkt. Und was den Kader der Zukunft angeht, setzt er offenbar auf vertrautes Personal. Neuer oder Alaba seien doch zuletzt auch Leistungsträger gewesen, also hoffe er, "dass das in die richtige Richtung geht" in den weiteren Verhandlungen. Da schloss Flick sogar Jérôme Boateng ein, dessen Entfremdung vom Klub schon vor der Kovac-Zeit begonnen hat.

Dann wäre da auch noch Thiago. Laut "Kicker" steht der Spanier kurz vor einer Vertragsverlängerung. Thiago war 2013 vom FC Barcelona nach München gewechselt und beim FC Bayern nicht immer unumstritten. Seine Kunst, so lautete zumeist die Kritik, sei in großen Spielen zu oft unsichtbar. Doch nun wird wohl auch der 28 Jahre alte Ballverteiler bleiben. Ein Kontrakt bis 2023 sei so gut wie ausgehandelt, heißt es.

Ein Bleiberecht bekommt zudem offenbar Ivan Perisic. Der kroatische Stürmer, der bis Saisonende von Inter Mailand ausgeliehen ist, soll fest verpflichtet werden.

Sieben Verträge laufen nur noch bis 2021

Und Alaba? Flick hat auch hier zu einer Wertsteigerung beigetragen, als er den Österreicher von der Position des Linksverteidigers ins Abwehrzentrum beorderte. Das hatte zwar zunächst pragmatische Gründe, weil in der Innenverteidigung nach den Ausfällen von Niklas Süle und Lucas Hernández Bedarf bestand. Alaba spielte zuletzt aber derart gut auf, dass es nun Interesse von internationalen Großklubs wie Real Madrid an ihm geben soll. Der Poker um ihn wird längst öffentlich geführt.

Alabas Vertrag läuft ebenfalls 2021 aus. Mit Müller waren es insgesamt acht Spieler, bei denen die Arbeitspapiere nur noch ein Jahr Gültigkeit besitzen. Es steht also eigentlich ein enormer Umbruch an, und das in Zeiten der Ungewissheit, wie sich angesichts der Coronakrise der Transfermarkt entwickeln wird.

Dabei bedingt es sich alles gegenseitig: Dass Flick so viel Vertrauen geschenkt wird. Dass er bewährten Spielern vertraut. Dass die Bayern gar nicht ihr Festgeldkonto plündern müssen, um schlagkräftig zu bleiben. "On hold" seien die Transferaktivitäten, hat Rummenigge kürzlich gesagt.

Der Transfermarkt scheint sich gerade zu verändern : Spieler könnten zwar an Wert verlieren, aber Klubs verfügen auch über weniger Mittel. Oder sie halten ihr Geld zusammen, solange die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nicht vollends absehbar sind. Deshalb müssen womöglich auch heimische Spieler wie Neuer, die auf eine lukrative Verlängerung drängen, Kompromisse eingehen.

Zumal es jetzt auch an einem Wechsel interessierten Spielern als vorteilhaft erscheinen könnte, bei einem krisenfesteren Klub wie dem FC Bayern zu arbeiten. "Gerade in der jetzigen Situation weiß man zu schätzen, dass man Arbeitnehmer beim FC Bayern ist. Es ist wichtig, dass man da eine gewisse Sicherheit hat", sagte Flick.

Die einzige große Neuerwerbung, die sich abzeichnet, ist Leroy Sané. Der deutsche Nationalspieler wäre für die Bayern ein wichtiger Transfer, denn aktuell droht ihnen gerade in der Offensive zu viel Altersweisheit. Müller, Perisic und Robert Lewandowski sind über 30. Und dann ist es ja immer die Frage, ob nicht auch eine große Gefahr darin besteht, sich zu sehr auf Altbewährte zu verlassen.

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