Unruhe beim FC Bayern So wertvoll wie ein Weißbierfoto

4:0 gegen Mainz. Alles wieder gut beim FC Bayern? Nein, der Redebedarf in München wird nicht abnehmen. Es sei denn, der Klub entscheidet sich endlich, ob er Familienbetrieb sein will - oder Weltkonzern.

Mats Hummels (l), Thomas Müller
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Mats Hummels (l), Thomas Müller

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Der FC Bayern bringt es einfach nicht mehr zusammen. Sportlich natürlich schon, das hat auch das lockere 4:0 gegen Mainz gezeigt. Selbst die ungewöhnlich frühe erste Saisonniederlage in Hoffenheim hat wenig daran geändert, dass die Münchner auch in diesem Jahr als großer Favorit auf den Meistertitel gelten. Es wäre der sechste in Folge, national ist man allen Konkurrenten mehrere Schritte voraus.

Nein, sie bringen es einfach argumentativ nicht mehr zusammen. Der FC Bayern jagt dem Anspruch hinterher, gleichzeitig regionale wie auch globale Fußball-Marke sein zu wollen. Familiäre Geborgenheit hier, millionenschwerer Weltkonzern dort - diese beiden Leitbilder lassen sich immer schwerer miteinander vereinbaren. Und aus genau diesem Zielkonflikt erklären sich auch die vielen Verrenkungen der jüngeren Vergangenheit. Weil teils sehr widersprüchliche Logiken zusammengebracht werden müssen, wird in München so viel geredet. Bis es eben irgendwie passt.

Sehr deutlich wurde diese Kluft schon im November 2016 auf der Jahreshauptversammlung. Damals sauste der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen durch die beeindruckenden Finanzkennzahlen des FCB-Konzerns, er mahnte aber auch die "Grenzen des Heimatmarkts" an. Unmittelbar darauf trat damals Uli Hoeneß ans Rednerpult, es war der große Tag seiner Wiedereinsetzung, pardon, seiner Wiederwahl ins Präsidentenamt.

Zuneigung, Liebe und Freundschaft

Was Hoeneß erzählte, klang im direkten Kontrast mit Dreesens Zahlenschau dann wie ein Vortrag aus einer anderen Welt oder zumindest einer anderen Zeit. Er sprach "von der Zuneigung, von der Liebe, von der Freundschaft", die er bei den Bayern erfahren durfte, genauer, bei der "Familie des FC Bayern", nur deshalb sei er ja überhaupt noch einmal zurückgekommen "nach der Steuersache". Vom EBITDA zu den ganz großen menschlichen Gefühlen - in wenigen Minuten. Das ist der FC Bayern München, oder besser: Er ist alles dazwischen.

Dieser Spagat ist natürlich auch allen Akteuren bewusst. Auch deshalb steht ja Uli Hoeneß wieder an der Spitze des Klubs, einer muss sich schließlich um das kümmern, was man Identitätspolitik nennt. Niemand kauft ein Trikot, weil sich der Umsatz so prächtig entwickelt hat.

Wenn ein aufgeräumter Robert Lewandowski im SPIEGEL-Interview beklagt, man möge den Fußball nicht mit romantischen Vorstellungen überfrachten, "Erfolg und Geld" seien die einzigen relevanten Variablen, beschädigt er damit im wahrsten Wortsinne das Image des Klubs. Der gibt sich gern fest in der bayerischen Lebensart verwurzelt, hat aber eben auch Büros in New York und Shanghai und tritt ganz selbstverständlich in der Sommerpause im chinesischen Shenzhen in einem Testspiel gegen Milan an. Der bodenständige Fußballverein mit Herz und Tradition eben, der unverschuldet in all diese kapitalistischen Rädchen geraten ist.

Kaum einer beherrscht das Spiel mit dem Feind-Freund-Schema so gut wie Hoeneß. Das wir ist immer der FC Bayern - die anderen sind grundsätzlich alle, die den Interessen des Vereins entgegenstehen. Das schweißt die Gruppe zusammen. Nur aus diesem Selbstverständnis heraus ist es dann auch möglich, Corentin Tolisso für 41,5 Millionen Euro zu verpflichten, gleichzeitig aber die vermeintlich irrsinnigen Summen zu kritisieren, die andere Klubs für Spieler zahlen. 41,5 Millionen, was wir machen, das ist okay - alles darüber nicht mehr. Klotzen müssen, aber kleckern sagen.

Thomas Müller ist wie ein Weißbierfoto

Lewandowski hat recht, aber das darf halt niemand zugeben. Denn: "Loyalität ist Bayern-DNA und wichtig für unsere Fans", konterte Karl-Heinz Rummenigge und drohte Lewandowski wegen seiner öffentlichen Kritik. Rummenigge weiß genau, wie gefährlich es ist, wenn jemand das Deckmäntelchen aus Folklore und Emotion durchlöchert. Umso wichtiger sind PR-Termine wie am vergangenen Mittwoch, als sich die Spieler in Trachten und mit Weißbiergläsern ablichten ließen. Etwas zum Wohlfühlen für den Heimatmarkt - und den Asiaten gefällt's auch.

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Bayerns Foto-Shooting: Bitte alle recht freundlich

Ein weiterer Problemfall ist Thomas Müller: Carlo Ancelotti braucht ihn aktuell auf dem Platz deutlich weniger, als ihn der FC Bayern als Imageträger benötigt - nach dem Karriereende von Philipp Lahm wahrscheinlich mehr denn je. Für den Klub ist es ein gewaltiges Problem: Müller muss spielen, Müller muss treffen, nichts und niemand transportiert das wertvolle FCB-Gefühl so gut wie ein lachender Oberbayer. Müller ist für den Verein wertvoll wie ein Weißbierfoto - er funktioniert in allen Zielgruppen, er bedient Basis und Beijing. Deshalb ist das Müller-Thema so präsent, deshalb war sein erster Saisontreffer gegen Mainz so wichtig. Ob Kingsley Coman nun spielt oder nicht, interessiert im Grunde niemanden.

Es gibt allerdings kaum Alternativen

Ein Klub zwischen Laptop und Lederhose, zwischen Moderne und Tradition: Jede Personalie ist damit in München immer auch ein Statement, in welche Richtung die Marke FCB gerade geschoben wird. Mit Co-Trainer Willy Sagnol und Sportdirektor Hasan Salihamidzic wurden nicht zufällig zwei beliebte Mitglieder der großen Bayern-Familie installiert. Max Eberl und Lahm hatten abgelehnt - vielleicht auch, weil sie ahnten, dass sie gefangen in diesem Doppelspiel unter den beiden mächtigen alten Männern wenig Raum gehabt hätten.

Das Fatale an der Situation des FC Bayern ist, dass es wenige Alternativen zur Internationalisierung gibt. Lewandowski hat es korrekt beschrieben: Wer nicht "mit dem Markt" wächst, für den werden die Abstände zur Konkurrenz eben größer. Im globalen Wettbewerb müssen die Münchner mit Real Madrid und Paris Saint-Germain um Sendezeiten und Trikotverkäufe bestehen - zumindest wenn sie den Champions-League-Pokal noch einmal auf dem Marienplatz präsentieren möchten. Oder geht es nur darum, schon jetzt eine Rechtfertigung zu konstruieren, warum es auch in diesem Jahr nichts wird mit dem nächsten europäischen Titel?

Mutig und konsequent wäre es stattdessen, ganz offensiv zu betonen, dass man längst nicht mehr vor der "Bretterbude an der Säbener Straße" trainiert, sondern einer der größten und reichsten Fußballklubs des Planeten ist. Darauf zu vertrauen, dass auch die traditionsbewusstesten Anhänger einen Stürmer bejubeln werden, der sie zum Triple schießt, auch wenn er nicht genau weiß, was ein Obazda ist. Dass es eben auch ohne die beschriebenen Verrenkungen funktionieren kann. Aber dafür bräuchte es dann wohl auch andere Personen als Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß.

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
argonaut-10 19.09.2017
1. wirklich nett
dieser Artikel und stimmig. Aber auch die anderen Top Clubs brauchen nationale Identifikation... selbst in Madrid.
dachristoph 19.09.2017
2. Ich
finde den Artikel stimmig. Doch das Fazit kann nur lauten wir bekommen immer wieder die selbe Suppe vorgesetzt. Real, Barca, Juve, Bayern und in Zukunft vllt. PSG?. Es sind quasi immer die gleichen, die um die europäische Krone spielen. Die nationalen Ligen werden im vorbei gehen dominiert. Da darf man auch mal verlieren am dritten Spieltag. Macht nix. Obwohl sich die Medien danach aufführen als wäre ein kleines Wunder geschehen.. Das ist so ätzend langweilig, dass ich mir Fußballspiele nur noch bei Großveranstaltungen wie EM oder WM angucke. Das aktuelle System wird auch nichts daran ändern.
larryunderwood 19.09.2017
3. Ist halt die Frage...
Ob Bayern das überhaupt kann in einem Maße wie zum Beispiel psg oder Manchester city.... Da habe ich ernste Zweifel... Denn Bayern muss sein Geld verdienen und bekommt es nicht per scheichlichem Dekret ins rektum gesteckt
Stoew 19.09.2017
4. Die Mitglieder entscheiden
"Es sei denn, der Klub entscheidet sich endlich, ob er Familienbetrieb sein will - oder Weltkonzern. " Zum Glück entscheiden das nicht solche süsslichen Knallbonbons wie die Redakteure im Spiegel, für die Geldverdienen und Koofmich alles ist, sondern die Mitglieder. Die einen Sportverein -eine geselliges Vereinsleben- erleben möchten. Und nicht diese Profitmaschinen wie in den USA.
merkel123 19.09.2017
5. Thomas Mueller
ist in der Tat ein Sympathietraeger - aber kann, soll und muss er die laufende Entwicklung zur vollkommenen Kommerzialisierung und Globalisierung auf und neben dem Platz aufhalten? Die Siebziger Jahre, als bei Bayern fast nur Bayern und bei Schalke nur Jungs aus dem Ruhrpott spielten, sind unwiderruflich vorbei. Wer diese regionale Verbundenheit haben will, wird sicher eher in unteren Ligen fuendig. Mir faellt vor allem auf, dass der Leistungsknick bei Mueller mit dem Amtsantritt von Ancelotti zusammenfaellt. Auch der beste Manager greift mal ins Klo - und die Ancelotti-Verpflichtung war so ein Griff. Das ist die aktuelle und zugleich entscheidende Bayern-Baustelle.
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