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RB gegen Bayern Das Wunder von Leipzig

Der FC Bayern war über weite Strecken des Spiels seinem Gegner RB Leipzig hoch überlegen, aber am Ende trennten sich beide Teams dann doch unentschieden. Wie um Himmels willen konnte das denn passieren?

Szene des Spiels: Die allerletzte der gesamten Partie. Joshua Kimmich schlenzte einen Freistoß in der 92. Minute in den Leipziger Strafraum, Niklas Süle erwischte die Hereingabe mit dem Kopf, irgendwie bekam RB-Torwart Peter Gulacsi noch die Hand an den Ball, der streifte den Pfosten und trudelte ins Toraus. Mehr Symbolik für das Leipziger Glück und die Bayern-Ausbeute an diesem Abend konnte nicht geliefert werden.

Ergebnis des Spiels: 1:1. So stand es auch schon zur Pause nach Treffern von Robert Lewandowski (3. Minute) und Emil Forsberg (Foulelfmeter, 45.+3). Besonders wie dieses Resultat in den ersten 45 Minuten zustande kommen konnte, wird die Wissenschaft noch jahrelang beschäftigen. Der Spielverlauf kann hier nachgelesen werden.

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Fußball-Bundesliga: Das Remis im Spitzenspiel in Bildern

Foto: Hendrik Schmidt/DPA

Die erste Halbzeit: Nach 70 Sekunden schickte Thomas Müller (ja, der stand in der Startelf) Lewandowski auf die Reise, und der tat, was er kann. Er machte ganz cool das 1:0. Was dann folgte, war die totale Dominanz, 45 Minuten lang wahrscheinlich der beste Fußball, den es unter Niko Kovac beim FC Bayern gab. Ein Klassenunterschied, und das ist nicht übertrieben. Aber als es kurz vor der Pause immer noch nur 1:0 stand und den Bayern ein gepfiffener Elfmeter (zu Recht) vom Videoschiedsrichter wieder weggenommen wurde, wuchs eine leise Ahnung. Die sich in der 45. Minute bestätigte: RB bekam den Foulelfmeter zugesprochen, Forsberg verwandelte, Halbzeitpfiff. Das Wunder von Leipzig.

Die zweite Halbzeit: Plötzlich war in diesem seltsamen Spiel RB aktiv beteiligt, hatte diverse Torgelegenheiten, durch Timo Werner eine Minute vor Schluss sogar die Siegchance. Dann hätte sich diese Partie in die Serie der merkwürdigsten Bayern-Niederlagen irgendwo hinter das Finale Dahoam und das 99er-Champions League-Finale eingereiht.

Robert Lewandowski, Schiedsrichter Sascha Stegemann

Robert Lewandowski, Schiedsrichter Sascha Stegemann

Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX

Handbewegung des Spiels: Die ging so: Man nimmt die Hände nach oben, schlägt sie über dem Kopf zusammen oder vergräbt das Gesicht in ihnen. War an diesem Abend sehr häufig bei Offensivspielern der Gäste zu beobachten, wenn mal wieder eine Angriffsaktion nicht da landete, wo sie eigentlich beendet werden sollte. Chancenverwertung ist jetzt ein Bayern-Thema.

Armbewegung des Spiels: Ellbogen ausfahren und damit den Gegenspieler erwischen. Gehört bekanntlich zu den unschönsten Dingen im Fußball und war an diesem Abend gleich mehrfach zu sehen. Von Lewandowski ebenso wie durch RB-Spieler Konrad Laimer. Beide durften der Gnade von Schiedsrichter Sascha Stegemann vertrauen. Da beide Vereine bei denen, die sie nicht lieben, den Ruf haben, Ellenbogenmentalität zu verkörpern, war das auch alles nur recht und billig.

Duell des Spiels: FC Bayern gegen die Erwartungshaltung. Beim übertragenden TV-Sender Sky hatten sie ihre Agenda schon vor dem Anpfiff festgelegt. Würde Bayern verlieren, hätte man schon fünf Punkte Rückstand auf RB - und das nach vier Spieltagen. Endlich wieder Bayern-Krise. Daraus wurde dann nichts, aber hey: Zwei Punkte hinter Leipzig. Jetzt schon. Daraus lässt sich doch auch etwas machen.

Was trägst du denn da, Julian?

Was trägst du denn da, Julian?

Foto: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX

Fallhöhe des Spiels: RB-Coach Julian Nagelsmann ist in den vergangenen Tagen in der Öffentlichkeit derartig mit Lorbeeren bedacht worden, dass man glauben musste, bei RB sei vor ihm nur Graswurzelarbeit geleistet worden, und erst jetzt ziehe die moderne Fußballweisheit ins RB-Reich ein. Sicherlich ist es auch ein taktischer Geniestreich, trotz vollständiger Unterlegenheit mit einem Remis in die Pause zu gehen. Seine Umstellung auf die Viererkette in der Halbzeit hat dann in jedem Fall etwas gebracht. Nur über eines kann es keine zwei Meinungen geben: Das Karohemd geht gar nicht. Das hat dann auch nichts mehr mit Taktik zu tun.

Zitat des Spiels: "Leipzig wehrt sich gegen Meisterschaftsambitionen, das ist vernünftig nach nur drei Spieltagen. Bei den Bayern gilt jetzt bereits: Meisterschaft oder nix." Sky-Moderator Wolf Fuss fasst zusammen, wie Berichterstattung funktioniert.

Erkenntnis des Spiels: Gerechtigkeit hat mit dem Fußball und einem Endergebnis nichts zu tun. Das ist eine so alte Weisheit, aber man kann es ja mal wieder erwähnen.

RB Leipzig - FC Bayern München 1:1 (1:1)
0:1 Lewandowski (3.)
1:1 Forsberg (45.+3, Elfmeter)
München: Neuer - Pavard, Süle, Boateng, Hernández - Kimmich, Thiago (88. Coutinho) - Coman, Müller (63. Tolisso), Gnabry (62. Davies) - Lewandowski
Leipzig: Gulácsi - Mukiele, Konaté, Orban - Klostermann (46. Demme), Laimer, Forsberg (69. Nkunku), Halstenberg - Sabitzer, Poulsen (81. Cunha), Werner
Gelbe Karten: Halstenberg, Nkunku, Laimer / Lewandowski, Boateng
Schiedsrichter: Stegemann
Zuschauer: 41.939 (ausverkauft)

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