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01. November 2016, 16:42 Uhr

Bayern-Star in der Krise

Wo ist nur das Müller-Momentum geblieben?

Aus Eindhoven berichtet Florian Kinast

Thomas Müller erlebt seine wohl schwerste Zeit, seit er Profi beim FC Bayern ist. Der Offensivstar ist auf der Suche: nach seiner Lässigkeit und der richtigen Position unter Carlo Ancelotti.

Zumindest am Münchner Flughafen wirkte Thomas Müller am Montagvormittag recht entspannt. Zusammen mit der Mannschaft des FC Bayern war Müller gerade in Richtung Flugzeug nach Eindhoven unterwegs, zum Auswärtsspiel in der Champions League (20.45 Uhr, TV: Sky; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), als ein Fan im Grundschulalter des Wegs kam und ihn um ein gemeinsames Selfie bat. Müller hielt inne, er beugte die Knie, um auf Augenhöhe mit dem kleinen Buben zu sein, dann setzte er für das Foto sein gewohntes, schelmisch breites Grinsen auf. Einer der wenigen Momente, in denen es zuletzt Gelegenheit gab, den 27 Jahre alten Weltmeister lachen zu sehen.

Es ist bislang eine schwere Saison für Müller, womöglich die schwerste in seinen gut sieben Profijahren beim FC Bayern. Im Moment ist Müller noch auf der Suche. Nach seiner Form. Nach seiner Unbekümmertheit. Nach seiner Position auf dem Spielfeld.

Vor genau einem Jahr war er neben Robert Lewandowski der überragende Spieler bei den Münchnern, in den ersten neun Bundesligaspielen der Saison erzielte er neun Tore. In dieser Saison ist das anders. Nach dem neunten Spieltag traf Müller in der Liga noch kein einziges Mal. Einen guten Lauf haben zur Zeit andere beim FC Bayern, Lewandowski und Arjen Robben etwa, die in Augsburg gemeinsam brillierten, und natürlich auch Joshua Kimmich, der bislang schon auf sieben Pflichtspieltreffer kam und teilweise genau jene Abstaubertore erzielt, die sonst Müllers Spezialität waren.

Kimmich steht zurzeit meist richtig, Müller nicht

Thomas Müller scheint sich selbst ein Rätsel zu sein, dahin ist die für ihn so typische unkonventionelle Lässigkeit. Am vergangenen Samstag spielte Müller beim 3:1 in Augsburg überhaupt nicht, die kompletten 90 Minuten plus Nachspielzeit saß er auf der Bank, Trainer Carlo Ancelotti wollte ihn nach eigenen Angaben schonen für das Spiel in Eindhoven. Später verließ Müller eingemummt in eine warme Jacke das Stadion, von den Reportern verabschiedete er sich mit einem knappen "Servus". Er hatte nicht mehr viel zu sagen, der sonst so eloquente Müller, bei dem es immer ein gutes Zeichen ist, wenn er viel spricht. Je mehr er nach einem Spiel redet, desto besser war seine Leistung, in den vergangenen Jahren hat Müller meist sehr viel geredet.

Natürlich ist Müller kein schlechterer Fußballer geworden, manchmal fehlte zuletzt einfach das Glück. Wie beim 1:1 gegen Köln, als FC-Torwart Timo Horn Müllers Gewaltschuss gegen Innenpfosten und Unterlatte lenkte. Das Hauptproblem scheint vielmehr, dass Müller noch nicht so recht weiß, wo er im Spielsystem von Ancelotti eingeplant ist. Als Mittelstürmer? Als hängende Spitze? Als Rechtsaußen?

Elfmetermisere als Sinnbild

Auf all diesen Positionen hat Müller schon gespielt in den vergangenen Wochen, in denen immerhin klar wurde, dass ihm die Rolle als Flügelstürmer am wenigsten behagt. Zu langsam im Antritt, zu schwach seine Dribblings, zu schlecht die Quote im direkten Duell mit dem Außenverteidiger. Das zeigte sich gerade im Spiel gegen Köln, als er zur Halbzeit für Robben kam und die rechte Seite besetzte, es war eine Fehlbesetzung. Wohler fühlt sich Müller vorne in der Mitte, aber selbst da kann er gerade die Freiräume nicht nutzen. Dass er vergangenen Mittwoch im DFB-Pokal gegen Augsburg den nächsten Elfmeter vergab - es war der fünfte verschossene Strafstoß bei den letzten zehn Versuchen -, war Sinnbild für die verschwundene Leichtigkeit.

Auf die Frage, wo er Thomas Müller denn langfristig in seinem Spielsystem sehe, gab Ancelotti auch vor dem Abschlusstraining keine klare Antwort. "Er hat gut gespielt bisher", erklärte Ancelotti ausweichend, "er ist einer der intelligentesten Spieler, die ich habe, er hat der Mannschaft zuletzt sehr geholfen."

Unbestritten. Wichtig nur, dass er sich auch bald selbst wieder hilft. So wie im Hinspiel gegen Eindhoven, beim 4:1 vor zwei Wochen. Da hatte Müller Robben erst augenzwinkernd zur schnellen Ausführung eines Eckballs animiert und dann zur Überraschung der erstaunten PSV-Abwehr ein Tor geschossen. Da war er wieder, der lustige Trickser, der unberechenbare Gaudibursch. Ein echtes Müller-Momentum. Ein Momentum mit Seltenheitswert in dieser Saison.

Genau solche Erlebnisse braucht er wieder, damit sich die derzeitige Verkrampfung nicht weiter manifestiert. Er braucht sie ganz bald. Dann wird Thomas Müller nach den Spielen auch wieder reden, sehr viel reden.

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