Überraschendes Bayern-Remis in Nürnberg Chance vertan

Was war denn das? Statt die BVB-Pleite gegen Schalke auszunutzen, tat sich der FC Bayern bei Außenseiter Nürnberg unerwartet schwer. Nun könnte der Titelkampf bis zum letzten Spieltag andauern.
Bayerns Kingsley Coman im Duell mit Nürnbergs Robert Bauer

Bayerns Kingsley Coman im Duell mit Nürnbergs Robert Bauer

Foto: Sebastian Widmann / Getty Images

Es gibt Sätze, die hört man nicht oft aus dem Mund eines Profis des FC Bayern München. Dieser hier, gesprochen von Mats Hummels, war so einer: "Ich glaube, jeder in der Mannschaft hat mal einen freien Ball ins Aus oder dem Gegner in den Fuß gespielt."

1:1 spielten die Bayern beim 1. FC Nürnberg, dem Vorletzten der Bundesliga. Beide Mannschaften trennen in der Tabelle 52 Punkte, aber auf dem Rasen war der Unterschied ein viel kleinerer gewesen. "Wir haben einfach nicht gut gespielt, hatten kein Tempo", sagte Abwehrspieler Hummels noch. Falsch lag er damit nicht.

Tatsächlich wirkten die Bayern wie gelähmt angesichts der Chance, die Meisterschaft nach dem Dortmunder Ausrutscher gegen Schalke fast schon entscheiden zu können. Ein Sieg gegen eine Nürnberger Mannschaft, die bislang nur drei von 30 Spielen gewonnen hatte, hätte ein Vier-Punkte-Polster auf den BVB bedeutet. Bei noch drei ausbleibenden Spielen wäre der Titel wohl so gut wie sicher gewesen.

Doch die Bayern blieben nahezu kollektiv unter ihren Möglichkeiten. Thomas Müller? Schwach. Robert Lewandowski? Harmlos. Joshua Kimmich? Engagiert, aber fahrig. Symptomatisch war die Phase zwischen der 56. und der 59. Minute.

Nur eine Torchance in Hälfte eins

Zuerst löffelte Javi Martínez unbedrängt eine Flanke in die Arme von Nürnbergs Torwart Christian Mathenia. Kurz darauf diskutierte Kimmich ellenlang mit Gegenspieler Tim Leibold darüber, ob dieser beim Freistoß den korrekt Abstand halte, nur um dann unplatziert in die Mitte zu schießen. Und schließlich Kingsley Coman, ansonsten einer der Besten, dem auf dem linken Flügel der Ball dermaßen versprang, dass er vor der eigenen Fankurve landete.

Es waren drei Szenen, die man bei Bayern-Spielen selten sieht - und schon gar nicht innerhalb von vier Minuten. Genau so rar war der Umstand, dass die Münchener im ersten Durchgang nur eine einzige Torchance hatten, einen Freistoß von David Alaba, den Nürnbergs Mathenia spektakulär an die Latte lenkte. Zwar hatten sie Mitte der zweiten Hälfte auch gute Momente, in denen klare Chancen heraussprangen. Letztlich aber war der Punkt beim Vorletzten fast schon glücklich, weil der Club in der Nachspielzeit einen Elfmeter an den Pfosten setzte und beim einzigen Bayern-Tor nachhalf, indem Nürnbergs Robert Bauer Torschütze Serge Gnabry den Ball ans Bein schoss.

Dass man den Dortmunder Ausrutscher nicht besser ausgenutzt hatte, dem ging Bayern-Trainer Niko Kovac nach. "Wir hätten uns heute den ein oder anderen Matchball erarbeiten können", sagte er. Das galt speziell auch für Coman. Der 22-Jährige hatte unmittelbar vor dem Abpfiff die große Gelegenheit, die Bayern zum Sieg zu schießen, als er frei aufs Nürnberger Tor zulief. Doch Coman versagten die Nerven, sein Abschluss kam zu ungenau und wurde von Mathenia abgewehrt. Chance vertan - das war die Überschrift über diesen Auftritt der Münchner.

"Das Pokalspiel hat Körner gekostet"

Das Pokalspiel am Mittwoch, als Bayern Bremen 3:2 niederrang, habe "Körner gekostet", sagte Trainer Kovac. Das habe auch ein anderes Resultat gezeigt: das der Bremer nämlich, die am Samstag 1:4 in Düsseldorf verloren hatten. Zudem seien gegen Nürnberg zu viele Angriffe über die eigene linke Seite gelaufen. Müller, der den rechten Flügel beleben sollte, habe er zur Halbzeit ausgewechselt, weil von dort zu wenige Impulse gekommen seien: "Wenn der Gegner tief steht, ist das nicht seine ideale Position."

Dass der zuletzt so starke Gnabry zunächst auf der Bank war, hatte einige Beobachter irritiert, doch auch dafür gab Kovac eine Erklärung. Gnabry habe ihm vor dem Spiel gesagt, dass bei ihm die Kraft nicht für 90 Minuten ausreiche. Für 45 genügte sie. Und für das Münchener Tor des Tages.

Und dann hatte Kovac noch einen anderen Grund für das Remis parat: nämlich, dass der Club richtig gut gewesen sei. Allmählich formt Trainer Boris Schommers die willige, aber heillos überforderte Mannschaft in ein Ensemble, das zunehmend wettbewerbsfähig wird und genau die Balance auf den Rasen bringt, die unter Vorgänger Michael Köllner gefehlt hatte.

Nur: Wenn eine Leistung wie die der limitierten Nürnberger in den kommenden Wochen genügen sollte, um den Bayern Probleme zu bereiten, dürfte es schwer werden mit dem angepeilten Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg. Denn der BVB mag zwar Nerven zeigen. Pokalfinal-Gegner Leipzig aber ist in Topform.

1. FC Nürnberg - Bayern München 1:1 (0:0)
1:0 Pereira (48.)
1:1 Gnabry (75.)
Nürnberg: Mathenia - Bauer (88. Ilicevic), Ewerton, Mühl, Leibold - Behrens, Erras - Pereira, Löwen (82. Margreitter), Kerk - Ishak (72. Tillman). - Trainer: Schommers
München: Ulreich - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago, Martinez (56. James Rodríguez, 72. Davies) - Thomas Müller (46. Gnabry), Goretzka, Coman - Lewandowski. - Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Stieler (Hamburg)
Zuschauer: 50.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Ewerton (2) - Davies, Süle (3)
Besonderes Vorkommnis: Leibold schießt einen Foulelfmeter an den Pfosten (90.+1)

In einer früheren Textversion hieß es, Joshua Kimmich habe bei einem Freistoß mit Eduard Löwen diskutiert. Tatsächlich handelte es sich bei dem Nürnberger Profi um Tim Leibold.

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