Der FC Bayern und das Emirat Katar Problematische Partnerschaft

Der FC Bayern spielt das Finale der Klub-WM in Katar. Mit dem Emirat ist der Verein trotz Menschenrechtsverletzungen geschäftlich eng verbunden. Fans protestieren, aber der Klub verweist auf Reformen im Land.
Von Florian Kinast, München
2011 reiste der FC Bayern erstmals ins Trainingslager nach Katar

2011 reiste der FC Bayern erstmals ins Trainingslager nach Katar

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Peter Kneffel / picture alliance/dpa

Den FC Bayern erwarten beste Bedingungen. Die Wetterprognose zum Anpfiff des Endspiels bei der Klub-WM am Abend (19 Uhr/Dazn) lautet: 18 Grad. Dazu ein perfekt getrimmter Rasen im Education City Stadium von Doha, eine der WM-Spielstätten von 2022. Ideale Voraussetzungen für den Champions-League-Sieger, sich im Nachgang des historischen Erfolgsjahrs 2020 mit einem Finalsieg über die mexikanischen Außenseiter von UANL Tigres den sechsten und letzten Titel zu sichern.

Außerhalb des Fußballplatzes aber bewegt sich der FC Bayern in Katar auch diesmal wieder auf äußerst heiklem Terrain. Denn die Kritik an den Geschäftsbeziehungen der Münchner mit dem Emirat am Persischen Golf reißt nicht ab. Es ist eine Geschichte, die von Fanprotesten und einem andauernden Gerichtsprozess handelt, von Einwänden von Menschenrechtsorganisationen, aber auch davon, was der FC Bayern zu all dem sagt und was er wirklich tut.

2011 reiste der Klub in der Winterpause erstmals nach Katar. Es war der Anfang einer problematischen Partnerschaft mit einem Land, das als seit 2010 feststehender Gastgeber der WM 2022 schon damals wegen der Missachtung von Menschenrechten in der Kritik stand. Im Januar 2016 wurde der Hamad International Airport von Doha Platinpartner des FC Bayern, ab Sommer 2017 dann auch Ärmelsponsor auf den Spielertrikots. Für großes Aufsehen sorgte der Deal 2018, als der Klub die 16 Jahre währende Partnerschaft mit der Lufthansa beendete und stattdessen auf Qatar Airways umstieg. Die staatliche Fluggesellschaft zahlte jährlich deutlich mehr. Qatar Airways löste auch den Flughafen von Doha als Ärmelsponsor ab.

Der FC Bayern lässt sich seither also von einem Staat mitfinanzieren, der sich gern entwicklungswillig gibt, über den aber die Katar-Expertin Regina Spöttl von Amnesty International dem SPIEGEL heute sagt: »Die generelle Lage der Menschenrechte in Katar lässt weiterhin viel zu wünschen übrig. Die Behörden verschärften in letzter Zeit erneut die Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Frauen waren vor dem Gesetz und im täglichen Leben weiterhin benachteiligt, vor allem im Familienrecht. Außerdem werden Arbeitsmigrant*innen, die in privaten Haushalten arbeiten, immer noch ausgebeutet, schikaniert und belästigt. Nach einer 20-jährigen Pause fanden wieder Hinrichtungen statt.«

Als Dreh- und Angelpunkt der Menschenrechtsverletzungen in Katar kritisiert Amnesty International vor allem das »Kafala«-System, die zu große Macht von Arbeitgebern über untergebene Arbeitnehmer. Die Folge: Willkür, Repressalien, Unterdrückung.

»Blutgeld aus Katar«

Deutliche Kritik erfährt der FC Bayern von seinen eigenen Fans. Als die Arena im Münchner Norden in Prä-Covid-Zeiten noch voll war, hingen regelmäßig Plakate zum Thema in der Südkurve. Bisweilen war vom »hässlichen Gesicht des FC Bayern« und vom »Blutgeld aus Katar« die Rede. Und der Protest hört nicht auf: Auch vor einer Woche hing im Außenbereich der Arena ein Plakat, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Herbert Hainer eingespannt vor dem Karren eines Scheichs. In einer schriftlichen Stellungnahme kritisierte die Vereinigung aller Bayern-Fanklubs, der »Club Nr. 12« , am Montag die Verbindungen zwischen dem FC Bayern und dem Wüstenstaat und forderte den Verein zum Dialog auf.

Der SPIEGEL sprach am Telefon lange mit einem kritischen Fan, der sich nach eigenen Worten seit Jahren daran stört, dass sich der Klub einerseits für Vielfalt und Toleranz, für ein buntes Miteinander und gegen Rassismus positioniert, andererseits aber Geschäfte mit einem Staat macht, in dem Freiheitsrechte nicht viel gelten würden. Öffentlich mit Namensnennung in Erscheinung treten möchte der Fan nicht.

Wintertrainingslager in Katar

Wintertrainingslager in Katar

Foto: Peter Kneffel / picture alliance/dpa

Denn da ist der Fall eines anderen Anhängers, der gegen den FC Bayern vor Gericht zog, wegen eines lebenslänglichen Hausverbots, das der Klub gegen ihn verhängte. Im Februar 2020 hatte der Fan beim Drittligaspiel zwischen Bayern II und dem Halleschen FC ein Transparent gehalten. Darauf stand: »Bayern-Amateure gegen Montagsspiele«. Wenig später erhielt er Post vom FC Bayern mit dem Inhalt, dass gegen ihn »wegen des unerlaubten Einbringens und Einsatzes« des Banners Hausverbot verhängt würde. Begründet wurde dies mit einem Verstoß gegen die Brandschutzordnung und da das Plakat im Vorfeld von Klubseite nicht genehmigt worden sei.

Was dies mit dem Thema Katar zu tun hat?

Der Fan hatte wenige Wochen zuvor, im Januar 2020, eine Podiumsdiskussion mit dem Titel mitorganisiert: »Katar, Menschenrechte & der FC Bayern: Hand auf, Mund zu?« Teilnehmer waren unter anderem zwei nepalesische Gastarbeiter, sie sprachen von Ausbeutung und menschenunwürdigen Bedingungen in Katar. Zudem hatte der Fan bei der Mitgliederversammlung 2019 eine Erweiterung der Vereinssatzung beantragt, um darin die Einhaltung der Menschenrechte gemäß den Leitlinien der Vereinten Nationen zu verankern. Gehör fand er in der Klubspitze damals nicht.

Sollte ein kritischer Fan mundtot gemacht werden?

Der Anhänger wie auch sein Anwalt, Andreas Hüttl, vermuten, dass das vergleichsweise harmlose Anti-Montagsspiel-Banner ein Vorwand gewesen sei, um einen unliebsamen Kritiker zu verbannen. »Das Plakat hatten an jenem Tag 25 Leute gehalten und mein Mandant wurde als Einziger herausgepickt«, sagt Hüttl dem SPIEGEL, »das nährt die Vermutung, dass es mit seiner Kritik an den Beziehungen des Klubs mit Katar zu tun hat.« Der Klub erklärt auf SPIEGEL-Nachfrage, dazu »kann sich der FC Bayern derzeit noch nicht äußern, da das Verfahren nicht abgeschlossen ist«. Eine Fortführung der Verhandlung vor dem Münchner Amtsgericht steht im April an.

Der Kritik von Fans und Menschenrechtsorganisationen entgegnete der FC Bayern oft, dass sich die Verhältnisse in Katar ändern würden. »Seit Bayern München Partner von Katar ist, hat es nachweislich eine Entwicklung in Sachen Menschen- und Arbeitsrechte zum Positiven gegeben«, behauptete Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge 2019 auf der Jahreshauptversammlung des Klubs. Allerdings hat sich Katar auch dem Fußball-Weltverband Fifa verpflichtet, Reformen durchzuführen.

Auch Katar-Expertin Regina Spöttl von Amnesty International sieht Ansätze für Veränderungen. Das »Kafala«-System sollte durch neue, 2020 eingeführte Arbeitsschutzgesetze abgeschafft werden: Das bezog sich auf Arbeitsbedingungen beim Hauspersonal, einen neuen Mindestlohn und ein System zur Kontrolle von Gehaltszahlungen. »Diese Reformen wecken Hoffnung, müssen aber streng überwacht und eingehalten werden«, sagt Spöttl. Der Sport könne hier eine Rolle spielen.

Bereits im November 2020 erklärte sie, dass die internationale Aufmerksamkeit durch die WM 2022 die Situation der Arbeiter vor Ort zumindest in Ansätzen verbessert habe. »Sport ist ein Brückenbauer und kann vieles bewirken«, sagt Spöttl. »Es wäre schön, wenn sich möglichst viele einflussreiche Akteure zugunsten der Menschenrechte einsetzen könnten.«

Satzungsänderung in Planung

Was sagt der FC Bayern heute zu der Kritik? Auf Nachfrage erklärt der Klub: »Der FC Bayern hat zu seinem Engagement in Doha von Beginn an gesagt, dass er einen Dialog auch über Themen wie gesellschaftliche Werte mit seinen Partnern führen möchte. Solche Gespräche finden nicht auf der öffentlichen Bühne statt, sondern in vertraulicher Atmosphäre, in der es um Offenheit und – auch bei unterschiedlichen Meinungen – um gegenseitigen Respekt geht.« Dass man daran festhalte, dass nur in der Begegnung eine »Chance auf Veränderung« bestünde, so der Klub weiter. Und bezogen auf die Podiumsveranstaltung im Januar 2020, zu der kein Klubvertreter erschienen war: »Wenn es lediglich darum geht, publikumswirksam Standpunkte durch gewählte Diskussionspartner gegen andere Positionen abzugrenzen, wird sich der FC Bayern daran nicht beteiligen.«

Bayern-Trainer Hansi Flick in Doha

Bayern-Trainer Hansi Flick in Doha

Foto: Peter Kneffel / picture alliance/dpa

Darüber hinaus verweist der Klub auf einen Austausch mit der deutschen Botschaft in Doha und Amnesty International. Auch Gespräche mit dem Büroleiter der International Labour Organisation (ILO), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, die sich in Doha für verbesserte Rechte der Arbeiter einsetzt, soll es regelmäßig geben. Die ILO soll allerdings auch von Katar mitfinanziert  werden. Zu den Inhalten oder Ergebnissen dieser Gespräche ist allerdings nichts Näheres bekannt. Die Frauen des FC Bayern, die 2018 erstmals ins Trainingslager nach Katar reisten, setzten ein selbst von kritischen Fans gewürdigtes symbolisches Zeichen, als sie sich mit dem vom »Qatar Women’s Sport Commitee« organisierten »Equality Program« für die Gleichstellung von Frauen im katarischen Sport wie auch in der Gesellschaft einsetzten.

Das Verhältnis zwischen dem FC Bayern und Katar ist auch in der Münchner Lokalpolitik präsent. Am Mittwoch beantwortete Oberbürgermeister Dieter Reiter eine gesammelte Anfrage von zehn Stadträten zur Partnerschaft mit dem Emirat. Reiter, der auch im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München e.V. sitzt, erklärte zum Thema Menschenrechte: »Es ist selbstverständlich, dass sich der Klub diesen Rechten verpflichtet fühlt.« Gegenwärtig sitze eine Kommission an einer Überarbeitung der Satzung des FC Bayern München e.V., sagte Reiter. Es könnte also eintreten, was der ausgeschlossene Fan schon vor einem Jahr gefordert hatte.

Bis 2023 läuft der Vertrag mit Qatar Airways noch, der FC Bayern wird so lange wohl weiter ins winterliche Trainingslager nach Doha reisen. Proteste wird es wohl weiterhin geben. Es bleibt ein heikles Terrain.

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