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FC Bayern in der Krise Der Offenbarungseid

Das 1:5-Debakel in Frankfurt ist ein Beleg für die Misere des FC Bayern im Herbst 2019. Der angezählte Trainer Niko Kovac trägt dabei nicht allein die Schuld - die Probleme sind viel grundlegender.

Mitte der zweiten Hälfte richtete sich eine TV-Kamera auf Niko Kovac. Der Trainer des FC Bayern stand an der Seitenlinie, er schob den linken Ärmel seiner dunklen Jacke nach oben - und blickte auf seine Armbanduhr. Als Foto ist solch ein Motiv ein Klassiker, in der Bildunterschrift steht dann gern die Frage, ob die Zeit des Trainers bald abgelaufen sei.

Ob Kovac im Laufe des Wochenendes oder der nächsten Tage entlassen wird, ob die Bayern-Bosse noch die Spiele gegen Piräus in der Champions League am Mittwoch und in der Liga gegen Dortmund am Samstag abwarten, bevor wieder eine Länderspielpause ansteht, um dann in Ruhe nach einem geeigneten Nachfolger zu suchen, das alles war am späten Samstagabend noch völlig offen.

Doch ganz unabhängig davon, wie lange Kovac die Bayern noch trainieren, wie viele Rückschläge er sich noch erlauben darf: Dieses desaströse 1:5 in Frankfurt reichte schon, um die grundlegenden Probleme des FC Bayern im Herbst 2019 zu offenbaren.

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Die Bilder zum 1:5 der Bayern in Frankfurt: Zum Verzweifeln

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Die demütigende Niederlage zeigte nicht nur, dass schon seit einiger Zeit die Beziehung zwischen dem Trainer und der Mannschaft zerrüttet ist, dass Kovac auch aufgrund seiner mitunter sonderbaren Aussagen seine Spieler ganz einfach nicht mehr erreicht. Das Debakel war nach den schon erdrückenden Indizien der vergangenen Wochen nun ein letzter Beleg für die seit Monaten seltsam planlose Langzeitstrategie beim Deutschen Meister.

So gern Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge immer von der so besonderen und einzigartigen Klub-Philosophie spricht, die den FC Bayern auszeichne - eine solche Philosophie, eine klare Handschrift ist seitens der Vereinsführung momentan nicht zu erkennen.

Fehlende Bereitschaft zur Selbstkritik

Sollte Kovac sein Trainerbüro in der Geschäftsstelle nun räumen müssen, ist er also nicht der Alleinschuldige an der Misere des Rekordmeisters. Ein Teilschuldiger aber allemal. Dabei hatte er seine Herbstkrise vor genau einem Jahr, als er seinen Posten gerade noch retten konnte, souverän gemeistert. Hatte gerade in der Rückrunde - abgesehen von der Pleite gegen Liverpool in der Champions League - an Format gewonnen, an Autorität, man hatte den Eindruck: Da wächst einer heran. Da wächst was zusammen. Es war wohl ein falsches Gefühl.

Denn gerade die Souveränität kam Kovac nun komplett abhanden.

Thomas Müller als Notnagel abzustempeln oder seinen Spielern vergangene Woche öffentlich die Qualität abzusprechen, mit dem Tempofußball des FC Liverpool mithalten zu können ("Man kann nicht versuchen, 200 km/h auf der Autobahn zu fahren, wenn man nur 100 schafft") - Aussagen, die in der Mannschaft ebenso schlecht ankamen wie die fehlende Bereitschaft zur Selbstkritik. Bei Kovac waren zuletzt nur die Spieler schuld, er selbst nahm sich aus der Verantwortung konsequent heraus und schob alles ab. Dass es ja die Spieler seien, die seine Vorgaben nicht umsetzen würden, klagte er. Eigene Fehler? Kommen im Kovac-Kosmos derzeit nicht vor.

Gewarnt und gemahnt haben zuletzt nur die Spieler, die Klubbosse dagegen wiegelten ab

Gewarnt und gemahnt haben zuletzt nur die Spieler, die Klubbosse dagegen wiegelten ab

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Dass Kovac dem FC Bayern womöglich doch nicht gewachsen ist, ist das eine Problem. Das viel größere ist die fehlende Richtung der Klubführung. Gern werden Ziele vorgegeben, man träumt etwa von einem erneuten Triumph in der Champions League. Wie das jedoch gelingen soll, die Mittel und Wege, ein klarer Masterplan, all das ist nicht erkennbar. Alles, wie Manuel Neuer kürzlich zur Spielweise sagte, derzeit "nicht bayern-like".

Bezeichnend dafür allein schon die Transferpolitik im Sommer, das wochenlange Buhlen um Leroy Sané bis zu dessen Kreuzbandriss kurz vor Saisonbeginn. Kaum hatte sich die Verpflichtung damit zerschlagen, wurden die Bosse in Barcelona vorstellig und liehen sich Philippe Coutinho aus. Kein Flügelflitzer, dafür ein Spielgestalter? Was soll's, nimmt man statt einer 7 eben eine 10. Und für links außen holt man eben Ivan Perisic.

Es sind ja alles keine schlechten Spieler, im Gegenteil, auch die Defensiv-Zugänge Benjamin Pavard und Lucas Hernández nicht, zwei Weltmeister aus Frankreich, Chapeau! Aber das alles geht bislang noch nicht zusammen. Es passt nicht, es fehlt an Spielverständnis, am Miteinander und ja, an Harmonie. Vieles wirkt zufällig. Sicher, irgendwann landet schon ein Ball bei Robert Lewandowski, der nun in jedem der ersten zehn Ligaspiele traf, so auch in Frankfurt. Doch inzwischen reicht nicht einmal mehr das.

Eigenlob verliert

Lange, zu lange, hat sich die Führungsetage die Lage schöngeredet und sich selbst gelobt. Etwa auch, was für einen tollen Job Hasan Salihamidzic mache. Dabei hatte doch er als Sportdirektor die Hauptverantwortung für die Zusammenstellung des Kaders. Auch hier liegt es einerseits an Kovac, dem es nicht gelingt, aus vielen guten Spielern eine Mannschaft zu formen. Aber auch an den Planern und Machern, die schon vor Einkäufen ein Gefühl haben sollten, wer mit wem kann - und welche Spielertypen man tatsächlich braucht.

Auch das lustige 7:2 bei Tottenham in der Champions League wurde viel zu hoch bewertet. Ohne die Glanztaten von Manuel Neuer in der ersten halben Stunde hätten die Spurs nach einer halben Stunde wohl deutlich vorne gelegen. Gewarnt und gemahnt haben zuletzt nur die Spieler, die Klubbosse dagegen wiegelten ab.

Auch Uli Hoeneß, am Mittwoch nach dem Basketball-Spiel des FC Bayern gegen Real Madrid, als er noch selbstbewusst Sätze wie diesen sagte: "Wir jammern auf hohem Niveau." Oder bezogen auf den spannenden Kampf um die Tabellenspitze hinzufügte: "Die Langeweile kommt noch früh genug." Sollte heißen: Bald sind die Bayern eh wieder allein weit vorn.

Sind sie nicht. Und werden sie auch wohl länger nicht sein.