Bayerns Pokal-Pleite gegen Dortmund Titel? Weggeflutscht!

Was für eine Pleite! 70 Minuten lang dominierte der FC Bayern die Borussia aus Dortmund - und verlor doch. Das Aus im Elfmeterschießen beendet die Triple-Träume der Münchner, Erinnerungen an ein Horror-Finale werden wach.

Von Sebastian Winter, München


Weit nach Mitternacht verließ die Familie Guardiola das Münchner Stadion. Die jüngere Tochter Valentina an der Hand ihrer Mama Cristina, Josep Guardiola ein paar Meter dahinter mit der älteren Tochter Maria. Sie sahen schick aus, aber sie wirkten traurig, mitgenommen von der Niederlage.

Eine halbe Stunde zuvor hatte Guardiola, der Bayern-Trainer, noch neben Borussia Dortmunds Coach Jürgen Klopp auf dem Pressepodium gesessen. Der Spanier kratzte sich am Kopf, er kratzte sich am Kinn, er verschränkte zwischendurch die Arme. Und immer wieder fasste er sich an die Nase.

Wenn Guardiola so ungeduldig ist, wenn er sich kaum auf dem Stuhl halten kann, dann muss etwas gewaltig schief gelaufen sein im Spiel zuvor. Der 44-Jährige sagte dann: "Das war unser bestes Spiel gegen den BVB, seit ich in Deutschland bin. Ich bin stolz auf meine Mannschaft." Nur: Dieses "beste Spiel" gegen die Borussia führte in die bitterste Niederlage, die Guardiola auf nationaler Ebene mit dem FC Bayern bislang erlebt hat - nach dem internationalen 0:4-Debakel in der Champions League gegen Real Madrid im Vorjahr.

Die Bayern haben am Dienstagabend ihr DFB-Pokal-Halbfinale gegen Dortmund 1:3 nach Elfmeterschießen nicht nur verloren. Sie haben es nach starken 70 Minuten leichtfertig aus der Hand gegeben, und am Ende, ihrem Ende, haben sie den 75.000 Zuschauern direkt vor der Südkurve noch eine unfreiwillige Slapstick-Nummer gezeigt, an die man sich noch lange erinnern wird: Vier Elfmeter, kein Treffer.

Fotostrecke

20  Bilder
BVB-Triumph in München: Keine Blumen, aber Elfmetergeschenke für Klopp
Philipp Lahm und Xabi Alonso, wie sie auf dem regennassen Rasen wegrutschen, den Ball in den Nachthimmel schießen und auf den Hosenboden plumpsen. Mario Götze, wie er am Keeper seines Ex-Klubs scheitert. Und Manuel Neuer, wie er gegen seinen Torwart-Kollegen Mitch Langerak nur die Latte trifft. Ausgerechnet Neuer, der sonst so sichere Schütze.

"Man kann sich sicher bessere Momente aussuchen, um auszurutschen", sagte Bayern-Kapitän Lahm später, er müsse das alles jetzt erst einmal verdauen. "Die Spieler hatten keine Badelatschen an, sondern Stollenschuhe", stellte Lahms Nationalmannschaftskollege Thomas Müller erstaunt fest. Dass die Münchner nun, obwohl sie über weite Strecken das Spiel dominiert hatten, mit leeren Händen dastehen und den Traum vom Triple beerdigen müssen, "kotzt mich an", sagte Müller.

Der Abend bot noch viel mehr Drama aus Bayern-Sicht und weitere tragische Figuren. Robert Lewandowski zum Beispiel, der gegen seinen früheren Verein zum 1:0 traf (30.), den Ball in der zweiten Halbzeit an die Latte knallte und später nach einem Zusammenprall mit Langerak mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus musste. Arjen Robben, der nur 16 Minuten nach seiner umjubelten Einwechslung mit Verdacht auf einen Muskelfaserriss in der Wade wieder vom Feld musste. Oder Schiedsrichter Peter Gagelmann, der ein klares Handspiel von Dortmunds Marcel Schmelzer im Strafraum des BVB übersah - und seinen Fehler später zerknirscht zugab.

Letztlich aber waren die Bayern selbst schuld an ihrem unnötigen Halbfinal-K.o.. Sie haben Dortmund nach der Einwechslung von BVB-Mittelfeldspieler Henrich Mchitarjan (70.) das Feld überlassen, ihre eigenen Chancen, von denen sie auch in der Verlängerung einige hatten, nutzten sie nicht.

"Wenn man nicht die hundertprozentigen Chancen reinmacht, dann verliert man so ein Spiel", sagte FCB-Innenverteidiger Jérôme Boateng trocken. Es half auch nicht, dass Guardiola seine Mannschaft nach 90 Minuten und auch nach der Verlängerung in einem Kreis motivierte, er fuchtelte dabei mit seinen Händen herum wie ein Magier, dem das Rezept für den Zaubertrank abhanden gekommen ist.

Fotostrecke

14  Bilder
FC Bayern in der Einzelkritik: Die Ausrutscher
Auch wenn die Tragweite nicht ganz so schlimm erscheint: Die Szenerie ähnelte schon sehr dem verlorenen Finale dahoam im Jahr 2012, als die Bayern im Champions-League-Endspiel gegen Chelsea auch führten, spät das 1:1 kassierten - und Bastian Schweinsteiger den letzten Elfmeter der Münchner an den Pfosten setzte. Gegen Dortmund wäre Schweinsteiger fünfter Schütze gewesen, doch dazu kam es nicht mehr. Er musste von der Mittellinie aus zusehen, wie dieser Titeltraum den Bayern einfach so wegflutschte.

insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
baron-l 29.04.2015
1. Bayerndusel
Bei so viel Dusel für die Bayern und vorauseilendem Gehorsam vieler Schiedsrichter ausreichende Gerechtigkeit.
Abel Frühstück 29.04.2015
2.
War ein sehr schönes Spiel. Mit der wohltuenden Erkenntnis, dass Fußball eben nicht komplett analysierbar und berechenbar ist, auch wenn Guardiola davon träumt.
ambergris 29.04.2015
3.
Ich fands komisch, dass nach dem Gegentor die Bayern ihren Faden verloren haben. Auf einmal war die Ballzirkulation Guardiolas verschwunden und ist dann auch in der Verlängerung nicht wieder aufgetaucht. Die Bayern schienen danach angeknockt zu sein, aber ich denke, es lag auch an der fehlenden Frische und dem alternden Kader. Die Formkurve von Lahm und Schweinsteiger ist im Sinkflug. Alonso war als Noteinkauf eine gute Idee, aber auch er ist jenseits der 30. Da reicht es nicht mehr für die Verlängerung. Bei Robben kommt die Verletzungsanfälligkeit zurück und Ribery ist auch ewig verletzt. Müller ist halt manchmal großartig, und manchmal unsichtbar, man weiß nie wie er spielt, was auch ein Vorteil sein kann. Hätten die Bayern das 2:0 gemacht, wäre alles anders geworden. Aber nach dem 1:1 konnten die Bayern nicht noch eine Schippe drauflegen. Das macht für die zwei Spiele gegen Barcelona Sorgen. Ich bin mal auf die Winterpause gespannt, im Grunde brauchen die Bayern 3-4 Hochkaräter, und es deutet sich ein Umbruch an, aber für Guardiola wird es attraktiver sein, diesen Umbruch noch ein Jahr zu verschieben, so dass Guardiola diesen nicht mehr selbst durchführen muss.
Thorkh@n 29.04.2015
4. Da in München ...
... Titel sowieso nicht richtig gefeiert werden, kommt eine andere Mannschaft in den Genuss, den Bayernfans hierin Nachhilfe zu geben. Dass in Dortmund die Hölle los wäre beim Pokalgewinn, braucht nicht der Erwähnung, aber auf Bielefelds Feierbiester wäre ich auch gespannt. Nur Wolfsburg traue ich da eher FCB-Mentalität zu ... Werksverein eben, Feiern nach Stechuhr. ;)
keinereiner 29.04.2015
5.
Die Bayern hätten den Elfmeter wegen Schmelzers Handspiel doch sowieso nicht rein gemacht :D Abgesehen davon hätte Weiser für ne Schwalbe im Strafraum schon Gelb bekommen müssen. Alonso Gelb-Rot noch in der regulären Spielzeit. Zu der Szene wischen Langerek und Lewa hätte es nicht kommen dürfen, weil Abseits, abgesehen davon aber auch kein Foul, weil gegen den Torwart nie gepfiffen wird sofern er den Ball spiel. Kannst dir ja auch mal WM-Finale ansehen, da springt Neuer mit dem Knie gegen den Kopf von Higuaín und keiner hat sich aufgeregt ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.