Hertha-Remis und Coutinho-Transfer Bayerns Doppelschlag

Innerhalb weniger Minuten verkündeten die Bayern-Bosse nach dem Spiel gegen Hertha zwei Neuzugänge: Philippe Coutinho und Michaël Cuisance. Das Remis zeigte deutlich, wie nötig sie sind.

Von Florian Kinast, München


Ratlos stand Thomas Müller da, ziemlich ernüchtert, mächtig genervt. "Vom Gefühl her ist das eine riesige Enttäuschung", sagte Müller eine gute halbe Stunde nach Abpfiff. "Wenn du so spielst, gewinnst du normalerweise neun von zehn Spielen gegen die Hertha. Es fühlt sich komisch an." Es war in der Tat ein seltsamer Abend, und das nicht nur wegen des eigenartigen Spiels, in dem die Bayern trotz drückender Überlegenheit nur mit einem mageren 2:2 in die neue Bundesligasaison gestartet waren.

Seltsam und fast skurril wurde der Abend vor allem wegen der Ereignisse nach Spielende in der Interviewzone, als Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic innerhalb nur weniger Minuten vor einem dichten Pulk an Mikrofonen zwei Neuzugänge verkündeten: Philippe Coutinho und Michaël Cuisance.

Drei Monate lang hatten die Bayern - mit Ausnahme der Ausleihe von Ivan Perisic vergangene Woche - nichts zu vermelden gehabt. Drei Monate seit Saisonende hakte es in den Transferbemühungen, wurden Niko Kovac und seine Spieler von Woche zu Woche unruhiger. Drei Monate Geraune über den dünnen Kader. Und dann, unmittelbar nach dem ersten Bundesligaspiel, plötzlich der Doppelschlag in etwas mehr als einer Viertelstunde.

Bühne frei

Erst hatte Karl-Heinz Rummenigge seinen Auftritt, als er die Verpflichtung von Philippe Coutinho vermeldete. "Wir waren diese Woche in Barcelona", sagte der Vorstandsboss, "und haben uns auf einen Transfer auf Leihbasis geeinigt, auf ein Jahr mit Kaufoption." Er ergänzte: "Ich muss keinem erzählen, was er für Qualitäten hat, er kann von links kommen, auf der Zehn spielen, er hat eine überragende Copa América gespielt. Ich bin sehr glücklich, dass er nach München kommt." Sprach's und ließ gerne noch mit einfließen, dass vor allem ihm selbst der Coup zu verdanken gewesen sei. "Ich habe ein sehr freundschaftliches Verhältnis zum Präsidenten von Barcelona (Josep Maria Bartomeu, Anm. d. Red.), ich glaube, das hat am Ende des Tages auch geholfen."

Als Rummenigge dann noch nach den Gerüchten um Gladbachs Michaël Cuisance gefragt wurde, sagte er: "Fragen Sie denn Hasan, der soll es Ihnen bestätigen. Warten wir mal ab die nächsten Tage." Der Hasan, also Sportdirektor Salihamidzic, wartete aber keine Tage mehr, sondern nur 20 Minuten - als wollte er auch noch seinen großen Auftritt in diesem munteren Münchner Freitagabend-Unterhaltungsprogramm haben.

"Das kann ich bestätigen", sagte Salihamidzic auf Cuisance angesprochen und wirkte dabei erleichtert, die Journalisten nicht wie so oft die letzten Wochen mit nichtssagenden Durchhalteparolen zu vertrösten. Endlich durfte er auch mal mit einer konkreten Neuigkeit rausrücken.

"Er ist ein Spieler, den wir schon sehr lange beobachten, ein großes Talent mit großem Potenzial und Riesenstärken. Er hat Mentalität und eine hervorragende Technik, ein Spieler, der sich hier entwickeln wird und an dem wir viel Freude haben werden." Ob das dann auch nur auf Leihbasis sei? "Nein, das wird der Spieler des FC Bayern." Offen ließ Salihamidzic nur die Länge des Vertrags. "Da fehlen nur noch Details."

Höchste Zeit für Verstärkungen

So ungewöhnlich der Zeitpunkt der Verkündung der beiden Neuverpflichtungen erscheinen mochte: Letztlich gab es gar keinen passenderen Moment, nach einem Spiel, das die große Baustelle beim FC Bayern schonungslos offenbarte: Die fehlenden Alternativen.

Als Robert Lewandowski nach genau einer Stunde per Foulelfmeter zum 2:2 traf, rannten die Bayern vehement, aber glücklos auf das Berliner Tor. Oft hilft in diesen Situationen ein Einwechselspieler, den man so in der 70. Minute bringt. Ein Joker für die Schlussphase, mit neuem Elan, frischem Wind und viel Druck.

Doch der erste Einwechselspieler, den Niko Kovac brachte, war Renato Sanches. Nach 85 Minuten für Thomas Müller. Eine Minute später schickte er Alphonso Davies für Serge Gnabry aufs Feld. Das war's dann auch schon. Sonst saßen auf der Bank: Paul Will und Kwasi Wriedt, Lukas Mai und Sarpreet Singh. Da sollen Philippe Coutinho und Michael Cuisance nun gerade recht kommen, als offensive Kreativkräfte, um den Kader qualitativ und quantitativ zu verstärken.

Symbolische Aufnahme: Renato Sanches will München lieber früher als später den Rücken kehren
Getty Images/Lars Baron

Symbolische Aufnahme: Renato Sanches will München lieber früher als später den Rücken kehren

Coutinho kommt, Sanches murrt

Dumm nur, dass die Euphorie über die zwei Neuverpflichtungen am Freitagabend doch noch getrübt wurde, und zwar von einem eigenen Spieler: Renato Sanches, der schon nach dem ersten Spieltag nahtlos an seine Aussagen der Vorsaison anknüpfte, über sein Dasein als Reservist murrte und erneut ankündigte, die Bayern verlassen zu wollen: "Die Situation ist nicht gut für mich", grummelte der Portugiese, "ich habe den Klub erneut gebeten, zu einem anderen Verein wechseln zu dürfen. Doch sie haben mich nicht gehen lassen. Fünf Minuten wie heute, das ist nicht genug für mich."

Aussagen, die bei Rummenigge wiederum gar nicht gut ankamen. "Renato hatte ein klärendes Gespräch mit Niko Kovac", konterte der Vorstand, "Niko hat ihm dabei mehr oder weniger garantiert, dass er viel mehr Einsatzzeiten bekommt. Ich finde es daher nicht angebracht, dass man gleich nach dem ersten Spiel so erbost davonläuft."

So endete also dieser Saisoneröffnungsabend. Zwei Spieler, die kommen werden, einer, der gehen will. Und ganz nebenbei vier Tore in einem wilden Spiel. Geht es so weiter, dürfte es eine spannende Saison werden. Und eine sehr unterhaltsame. Auf dem Platz und auch daneben.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
peter-11 17.08.2019
1. merkwürdig
dass sich die Bayern, trotz hoher Überlegenheit kaum echte Torchancen erarbeiten können. Es liegt wohl auch daran, dass die gegnerische Abwehr sich sehr einfach auf das System einstellen können. Zu Hause nur einen Punkt gegen die Hertha... wird leider direkt schon wieder schwierig für Herrn Kovac.
Kurt Vile 17.08.2019
2. Mehr Spielzeit?
Wie kann man Renato Manches mehr Spielzeit versprechen? Sicher nicht im Mittelfeld. Er weiß nie wo er hinlaufen soll und spielt völlig inspirierte Pässe. Bei Freiburg würde er auch nicht spielen, zumindest nicht auf dieser Position. Vielleicht ist er als Aussenverteidiger oder reiner Zerstörer besser. Wenn ich Brazzo wäre, würde ich ihn sofort verkaufen.
iudicare 17.08.2019
3.
Ein guter Transfer, fehlen nur noch drei Topspieler :)
!!!Fovea!!! 17.08.2019
4. warum
gratuliert man nicht der Herta, dass sie eine gute Abwehr haben?! die ganze Buli scheint ja nur für die Bayern da zu sein. ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Bayern diese Saison kein Meister werden.
grandma_moses 17.08.2019
5. 'Er hat Mentalität...'
Meine Damen und Herren, sehen Sie hier einen millionenschweren Manager einer ausgegliederten, börsennotierten Profifussballsparte zu einer Zeit, in der ausgebildete Gymnasiallehrer nur noch Zehnmonatsverträge erhalten und einen Monat stempeln gehen dürfen.
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