Mittelfeldstar Thiago Bayerns neuer Boss

Bei niemandem im Bayern-Kader liegen Genie und Wahnsinn so dicht beieinander wie bei Thiago Alcántara. Im System von Trainer Ancelotti ist er wichtiger denn je - wenn er auf der richtigen Position spielt.

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Es gibt Momente, in denen es so aussieht, als habe Thiago Alcántara vergessen, dass nicht jeder Fußballer so talentiert ist wie er, selbst beim FC Bayern nicht. Momente, in denen er den Ball auch dann noch zum Mitspieler passt, als diesem der gegnerische Verteidiger beinahe schon auf den Füßen steht.

Im April wird Thiago 26, dem Talentalter ist er längst entwachsen. Doch seinem Spiel merkt man das nicht immer an. Kaum jemand im Profikader des FC Bayern versucht so beständig das Verrückte.

Wahnsinnig und wichtig

Das Spiel gegen Ingolstadt am Samstag steht sinnbildlich für den FC Bayern in dieser Saisonphase. Die Münchner kommen selten durch die Abwehr des Abstiegskandidaten, in der zweiten Hälfte versuchen sie 20 Minuten lang keinen Torschuss. Natürlich gewinnen sie am Ende trotzdem.

Es läuft die Nachspielzeit, Rafinha hat sich an der rechten Seitenlinie festgerannt, nach vorne geht nichts, es bleibt nur der Rückpass in die eigene Hälfte auf Thiago. Zwischen ihm und Bayerns Stürmern stehen, eng gestaffelt, vier Ingolstädter. Es gibt nicht viele Profis, die trotzdem den Pass nach vorne wagen, und noch weniger, die ihn auch beherrschen. Dass die Wahrscheinlichkeit eines Ballverlusts höher ist als die Chance, den Teamkollegen zu erreichen, scheint Thiago nicht zu kümmern. Er spielt den Ball zwischen acht Verteidigerbeinen hindurch, mit Erfolg. Sekunden später entscheidet Arjen Robben mit seinem Tor die Partie.

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Bis zum vergangenen Sommer hatte Thiago im Profifußball nie einen anderen Trainer gehabt als Pep Guardiola, seinen großen Förderer. Ausgerechnet jetzt, wo dieser weg ist, ist Thiago wichtiger denn je.

Bayern hat geniale Momente derzeit nötig wie selten. Unter Trainer Carlo Ancelotti stehen während Angriffsphasen oftmals weniger Spieler vor dem Ball als dahinter, die Offensive ist also der gegnerischen Abwehr unterlegen, weshalb die individuelle Klasse der Protagonisten umso wichtiger geworden ist. Beim Jahresauftakt gegen Freiburg brauchte es eine Weltklasseaktion von Robert Lewandowski für den Sieg, beim 2:1 in Bremen die Schusstechnik von Arjen Robben und David Alaba.

In der vergangenen Saison waren die Bayern selten auf Geniestreiche angewiesen. Das System produzierte die Tore. Damals wurden Münchens Gegner, Pass für Pass, bis in den eigenen Fünfmeterraum gedrängt, jeder gegnerische Konterversuch wurde erstickt, bis irgendwann der Ball im Tor landete. Das wirkte manchmal mechanisch und wurde von Kritikern als langweilig gescholten, war aber effektiv.

Heute passen sich die Bayern den Ball ähnlich oft zu wie im vergangenen Jahr, sie haben auch fast gleich viel Ballbesitz, nur haben sie ihn nicht mehr so nahe am gegnerischen Tor. Auf dem Weg von Abwehr zum Angriff verirrt sich das Team. Vergangene Saison wirkte es, als spielte der FC Bayern mit einem Mann mehr als der Gegner. Dieses Gefühl hatte man lange nicht mehr.

Taktiktafel: Thiago, der Mittelsmann

Hinweis: Kreissymbole zeigen die durchschnittliche Position eines Spielers bei Ballkontakt, die Kreisgröße die Anzahl der Ballaktionen. Die Pfeile verdeutlichen wichtige Passbeziehungen zwischen zwei Spielern. Die erste Grafik zeigt, wie zentral Thiago für das Bayern-Spiel ist, wenn er im offensiven Mittelfeld aufläuft. Bei der zweiten Grafik ist dort, wo Thiago fehlt, ein Loch. (Wie die Taktiktafeln im Detail entstehen, können Sie hier nachlesen.)

Die Lösung des Problems könnte Thiago heißen. Dass er nur so strotzt vor technischer Brillanz, Dribbelstärke und der Fähigkeit zum tödlichen Pass, ist offensichtlich. Wie intelligent sich der Spanier zugleich auf dem Feld bewegt, übersieht man dafür leicht. Es gibt kaum einen Bayern-Profi, der häufiger per Schulterblick seine Umgebung prüft.

So verschafft sich Thiago Zeit am Ball, vor allem reagiert er dadurch auf mögliche Schwachstellen in der Struktur des Spiels. Wo braucht mich meine Mannschaft am dringendsten? Und wo ist der Gegner anfällig? Auf der Suche nach Antworten justiert er permanent die eigene Position, er hilft dem System der Bayern, indem er für Verbindungen sorgt, die unter Ancelotti häufig fehlen.

In solchen Momenten wirkt dieser Kicker mit Hang zur Verantwortungslosigkeit plötzlich sehr reif. Das muss er auch sein. Kein anderer Münchner vermag die Struktur auf dem Platz so entscheidend zu beeinflussen wie Thiago. Vorausgesetzt, er wird von Ancelotti entsprechend eingesetzt: im offensiven Mittelfeld, wo er sein Spielverständnis dafür einsetzen kann, Abwehr und Angriff zu verbinden, indem er sich zwischen den Verteidigungslinien des Gegners anspielbar macht.

Wenn die Münchner am Abend in der Champions League auf den FC Arsenal (20.45 Uhr; TV: ZDF und Sky; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) treffen, bekommen sie es erstmals seit dem Bundesligagipfel im Dezember gegen Leipzig mit einem richtig schweren Brocken zu tun. Damals lief Thiago zum ersten Mal unter Carlo Ancelotti als echter Zehner auf. Er wurde zum Mann des Spiels.

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