Bayerns Zukunft Frust-Shopping nach dem Drama

Nach der Pleite kommt das Aufräumen: Uli Hoeneß kündigt nach zwei titellosen Jahren etliche Zugänge an und verweist dabei auf das immens gefüllte Festgeldkonto. Damit setzt er seinen bislang glücklosen Manager Christian Nerlinger gewaltig unter Druck.
Bayern-Präsident Hoeneß: "Kader gnadenlos qualitativ vergrößern"

Bayern-Präsident Hoeneß: "Kader gnadenlos qualitativ vergrößern"

Foto: dapd

An der Gesichtsfarbe von Uli Hoeneß lässt sich zumeist genau ablesen, wie es um seinen Gemütszustand steht. Ein weißer Teint bedeutet entspannt, eine rötliche Färbung zeigt den Aggressionsmodus an und violett ist vergleichbar mit dem internationalen Warnzeichen für Kernschmelzen. Am späten Samstagabend lief der Bayern-Präsident zeitweise dunkel-violett an.

Man kann nur erahnen, wie es den Architekten des FC Bayern getroffen haben muss, seinen Verein im eigenen Stadion gegen die Engländer verlieren zu sehen. Es sei "schwierig in Worte zu fassen. Ich habe keine Erklärung, warum wir das Spiel hier verloren haben", sagte Hoeneß anschließend dem TV-Sender Sky. Doch wo andere Menschen wochenlang Trauer tragen und versuchen, das Erlebte zu verarbeiten, geht der 60-Jährige stets als einer der ersten voran. Und trifft wegweisende Entscheidungen.

So ist es nicht ungewöhnlich, dass Hoeneß bereits unter der Woche davon sprach, "unsere Mannschaft so lange zu verstärken, bis wir wieder alleine sind." Dies war gemünzt auf die neuerliche Konkurrenz aus Dortmund, darf aber nicht nur als Kampfansage an die Borussia verstanden werden. Für Hoeneß geht es um mehr. Er will endlich auch die Champions League gewinnen.

Noch keine hochkarätigen Zugänge für die kommende Saison

"Man muss den Kader vielleicht gnadenlos qualitativ vergrößern - und ich denke, dass der Vorstand das auch tun wird", sagte Hoeneß. Und merkte zudem noch an: "Wir haben das Geld dazu." Doch wo Geld ist, da ist bei weitem noch nicht automatisch Erfolg. Roman Abramowitsch, Chelseas laufendes Festgeldkonto, benötigte eine Milliarde Euro, um die Königsklasse mit reichlich Dusel für sich entscheiden zu können. So viel Geld hat selbst der FC Bayern nicht zur Verfügung.

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Deshalb investieren die Münchner auch anders als die Londoner: Derzeit stehen für die Bayern an Zugängen lediglich Xherdan Shaqiri vom FC Basel sowie der Gladbacher Innenverteidiger Dante und Ersatztorwart Tom Starke fest. Die Münchner baggern zudem an Olivier Giroud vom HSC Montpellier. Das alles sind durchweg Spieler, die den Kader in der Breite verbessern. Einen direkten Sprung in die Stammformation, also eine unweigerliche Qualitätserhöhung der Mannschaft, wird keinem davon zugetraut.

Hoeneß' Wunsch setzt Nerlinger unter Druck

Dadurch wird der Hoeneß'sche Wunsch nach echten Verstärkungen gleichzeitig zu einer Last für Manager Christian Nerlinger. Der 39-Jährige, seit 2009 zurück beim FC Bayern und seit der Saison 2010/2011 in verantwortlicher Position für Transfers zuständig, hatte bislang kaum Glück mit seinen Einkäufen. Unter Nerlinger ist der deutsche Rekordmeister erstmals seit 16 Jahren in zwei Saisons hintereinander ohne Titel geblieben. Dabei war es bislang keineswegs so, dass der gebürtige Dortmunder sich bei Transferausgaben zurückgehalten hätte. In seinen ersten beiden Saisons verpflichtete er mit Luiz Gustavo, Jerome Boateng, Manuel Neuer und Rafinha Spieler im Wert von über 50 Millionen Euro. Erfolge feierten allerdings durchweg die anderen.

Es wirkt, als fehle Nerlinger die Kreativität und das Durchsetzungsvermögen, um die ganz großen Coups landen zu können. Vielleicht hängt dies nach wie vor mit seiner starken Abhängigkeit von Hoeneß zusammen, der manchmal wie ein Vormund des Managers wirkt. Möglicherweise hat Nerlinger aber auch erkannt, dass die Riesentransfers heute nicht mehr das Allheilmittel für Erfolge darstellen.

Triumphe lassen sich nämlich bei weitem nicht mehr so einfach zusammenkaufen, wie noch in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren. Große Mannschaften wie der FC Barcelona oder Manchester United nehmen es derzeit vielmehr hin, auch für ein oder zwei Jahre erfolglose Saisons zu spielen. Dafür lassen sie ihre Teams homogen und ruhig wachsen, verstärken sie ausschließlich mit absoluten Topstars wie Cesc Fabregas oder David Villa (Barcelona) beziehungsweise David de Gea (Manchester). Auch der BVB hat sein Team in den vergangenen sechs Jahren mit einer solchen Nachhaltigkeit aufwerten können.

Vielleicht ist dies die Chance für Nerlinger, neue Wege für den FC Bayern zu erfinden, statt alte, ausgelatschte Pfade seines Vorgängers immer weiter erfolglos abzulaufen.