Spitzenclub unter Schock Bayerns Suche nach dem Alltag

Der erste Versuch, zur Normalität zurückzukehren, ist misslungen. Auf der Bayern-Pressekonferenz vor dem Leverkusen-Spiel war der Gegner Nebensache. Der Club steht unter Schock - zu eng war die Bindung zwischen Uli Hoeneß und den Münchner Profis.

DPA

Aus München berichtet Christoph Leischwitz


Pep Guardiola blickt weit voraus. Fast hört es sich so an, als werde er ganz sicher in dreieinhalb Jahren noch Trainer des FC Bayern sein. Bei der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Spiel gegen Bayer Leverkusen (Samstag, 18.30 Uhr; Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) sagte der Spanier: "Ich hoffe, er kann dann zurückkommen und uns helfen." Die Rede war natürlich von Uli Hoeneß, dem zurückgetretenen Präsidenten, der wohl schon recht bald seine Haftstrafe antreten wird. Guardiola, der Hoeneß vergleichsweise kurz kennt, schien ihn am Freitagnachmittag bereits zu vermissen.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Ereignisse der vergangenen Tage sogar ein Samstagabend-Top-Spiel unwichtig erscheinen lassen, zumindest aus Sicht der Münchner. Doch auf der Pressekonferenz wurde deutlich, wie tief der Schock an der Säbener Straße tatsächlich sitzt. Guardiola selbst wollte zunächst ein persönliches Statement loswerden, er sagte: "Uli ist mein Freund, und er wird mein Freund bleiben." Er habe nach nur neun Monaten im Verein gemerkt, "wie viele Leute ihn lieben". Jeder im Club habe ihm etwas zu verdanken, habe wichtige Dinge von ihm gelernt. Wie sehr sein Abgang sie mitgenommen hat, konnte man ohnehin unschwer aus den Gesichtern der Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle ablesen.

Zunächst hatte der Club bei der Pressekonferenz noch versucht, es bei Guardiolas kurzer Note zu belassen. "Lassen Sie uns danach über Leverkusen sprechen", hatte Mediendirektor Markus Hörwick gesagt, der zur Eröffnung von einem "ganz besonderen Tag für den FC Bayern" sprach. Doch dann wurde schnell deutlich, dass sich der Bundesliga-Alltag überhaupt nicht trennen lässt von Hoeneß.

Fotostrecke

10  Bilder
FC Bayern München: Aufsichtsrat ohne Hoeneß
Es gebe ja Spieler mit einem besonderem Verhältnis zum Präsidenten, für viele sei er eine Vaterfigur gewesen. Liefe nicht manch Profi Gefahr, Konzentrationsprobleme zu bekommen im morgigen Spiel? Der FC Bayern ließ die Frage zu, das war beachtlich. Denn damit wurde das vorher festgelegte Protokoll verlassen. Als die Steueraffäre um Hoeneß im vergangenen Jahr - mitten in der spannenden Phase der Champions League - bekannt wurde, hatte man sich stets auf das Sportliche konzentriert. Niemand hatte damals gefragt, wie zum Beispiel die Stimmung im Kader sei.

Diesmal kam die Frage. Dass sie zugelassen wurde, zeigt, dass der FC Bayern das Bedürfnis hat, darüber zu sprechen. Guardiola sagte: "Wir müssen für Uli ganz normal weitermachen." Die Spieler, nach denen er gefragt wurde, zählte er sogar noch einmal selbst auf, "Franck (Ribéry), Basti (Schweinsteiger), Phillip (Lahm), Thomas Müller", sie hätten "viel Zeit mit Uli verbracht". Kurz setzte er an, die Frage nach möglichen mentalen Problemen zu beantworten: "Wenn ich merke...", sagte Guardiola, beließ es aber dann bei dem Verweis darauf, dass das letzte Training am Abend erst noch anstehe.

Guardiola wurde gefragt, ob er schon Herbert Hainer kenne, den Nachfolger Hoeneß' als Aufsichtsratsvorsitzender - ja, er kenne ihn, man habe schon zusammen gegessen. Er wurde weiterhin gefragt, ob ein möglicher Champions-League-Erfolg jetzt noch mehr wert sei, sozusagen erkämpft für den Ex-Präsidenten? "Nein. Wir haben nicht mehr Druck wegen dieser Situation."

Kurz wurde auch noch über Leverkusen gesprochen. Eine gute Mannschaft, findet Guardiola. Und zudem die letzte, die den FC Bayern in der Bundesliga schlagen konnte, vor über 16 Monaten. "Früher oder später werden wir wieder einmal verlieren", sagte Guardiola dazu. Nun wird er versuchen, sich tatsächlich auf das Sportliche zu konzentrieren. Darauf, dass an diesem Wochenende die Serie von 49 ungeschlagenen Spielen fortgeführt wird. Der Trainer weiß: Sollten die Bayern gegen Leverkusen verlieren, wäre Uli Hoeneß sehr enttäuscht von der Mannschaft. Und viele andere würden glauben, nicht nur der Präsident, sondern mit ihm auch das "Mia san Mia"-Gefühl habe den Verein verlassen.

insgesamt 86 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hubie 14.03.2014
1. Hört doch auf, unter Schock
SCHOCK, ein Krimineller wurde verurteilt, was schon bei 3,5 Millionen fast sicher war... gut zugegeben, diese Explosion der Geldmenge war überraschend, aber man konnte sich jetzt seit über einem Jahr damit abfinden, dass der Präsident kriminell ist. Und sportlich hat es ja offensichtlich keine Rolle gespielt.
gemib 14.03.2014
2. fc-bayern-wahn
und Wirklichkeit der kommerzialisierten Sportwelt - ach, liebe Fans, alle sein kleine und (all zu) grosse Sünderleins. Und der PEP, der hat's schon gegessen, claro.
nkelm 14.03.2014
3. Natürlich
Wie zu erwarten könen die Hater es nicht abwarten. Aber warum? Es wird nicht geschrieben, dass Hoeneß zu unrecht verknackt wurde. Es gehr nur darum , dass er im Verein beliebt war. Und keiner , der nicht im Verein ist, kann das Gegenteil behaupten. Ende der Diskussion
pr8kerl 14.03.2014
4. Schock? Unsinn!
Als Hoeneß Steuerhinterziehung und die drohende Verurteilung im Jahr 2013 bekannt wurden hat der FC Bayern ganz nebenbei Juventus Turin, den FC Barcelona und dann Borussia Dortmund besiegt. Große Sprüche kamen seither keine mehr von Hoeneß, das hat dann Sammer übernommen. Warum sollten die Fußballprofis während des Spiels über Hoeneß nachdenken? Die wollen einen wichtigen Konkurrenten um die Meisterschaft endgültig abhängen. Hoeneß werden sie sowieso wiedersehen. Nach ein paar Monaten ist er tagsüber Freigänger und schläft nur nachts in der JVA Landsberg. ----- Und ein Wort zu euch ewigen FC Bayern-Schmähern: Es sind Profis wie Neuer, Lahm, Boateng, Schweinsteiger und Kroos, die derzeit so wunderbar spielen. Jetzt bewerft ihr sie mit Dreck und bei der WM wechselt ihr eure Meinung und jubelt über sie.
blauervogel 14.03.2014
5. Bedauerliches Rechtsverständnis
Es ist doch erstaunlich, dass so viele erwachsene Männer scheinbar davon ausgegangen sind, dass Hr. Hoeneß nicht bestraft wird. Dass Fußballspieler, die nicht notwendigerweise intelligent oder gebildet sein müssen um erfolgreich zu sein, solche Erwartungen an den Rechtsstaat haben können, besonders wenn es um ihre sportliche Vaterfigur geht, vermag ich noch zu verstehen, von den meisten FCB Fans ganz zu schweigen. Dass aber Wirtschaftsführer von Weltkonzernen diese Erwartung teilten, läst mich doch an deren Befähigung für langfristige strategische Entscheidungen und insbesondere für die Ausbildung und Weiterentwicklungen einer innerbetrieblichen Ethik zweifeln. Corporate Governance scheint für diese Herren ein Fremdwort zu sein. Die Vorbildwirkung die Hr. Hoeneß Steuermoral auf die Vereinsjungen ausübt, will ich lieber nicht kommentieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.