Bayerns Pokalerfolg in Leipzig Mit zwayerlei Maß

Zwei Tore, ein Platzverweis, Elfmeterschießen: Bayerns Sieg in Leipzig bot tollen Fußball. Doch es ging auch um Schiri Felix Zwayer, der den Linienrichterbeweis einführte. Und um Ralf Rangnick, der mit Smartphone aufs Spielfeld stürmte.

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Der Anti-Held: In diesen Tagen wird im deutschen Fußball viel über die zerstrittene Schiedsrichterszene geschrieben. Was das mit dem Top-Spiel der zweiten Pokalrunde zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern zu tun hat? Im Duell des Vizemeisters mit dem Rekordmeister übernahm der Unparteiische Felix Zwayer eine Hauptrolle, was für ein Fußballspiel selten ein Gütesiegel ist. Es handelt sich um jenen Zwayer, der einst in den Hoyzer-Skandal verwickelt war und von Kollege Manuel Gräfe als Beispiel für von Hellmut Krug und Herbert Fandel bevorzugte Schiedsrichter genannt wird.

Das Ergebnis: Der FC Bayern steht im Achtelfinale, nach einem 5:4 im Elfmeterschießen.

Erste Hälfte: Es fehlten die ganz großen Torchancen, die beste vergab RB-Stürmer Jean-Kévin Augustin, als er den Ball frei vor Torwart Sven Ulreich nicht richtig traf (28. Minute). Ansonsten hatte Bayern mehr Ballbesitz, Leipzig mehr Torschüsse (5:2) und die Gäste foulten für ihre Verhältnisse sehr oft. In der Bundesliga begehen die Münchner in 90 Minuten durchschnittlich knapp zehn Fouls, in Leipzig waren es im ersten Durchgang zwölf. Einen großen Aufreger gab es dann aber doch noch.

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DFB-Pokal: Bayern sicher im Elfmeterschießen

"Mein lieber Scholli": Die ARD-Sportschau experimentierte auf ihrem YouTube-Kanal mit vier jungen Gaming-Reportern, die normalerweise Fifa-Spiele kommentieren. Im Ringen um die junge Zielgruppe gab es Sätze wie "Die Pille läuft bei Leipzig" oder "Mein lieber Scholli, du" zu hören. Richtig gut vorbereitet war der Nachwuchs in der 34. Minute jedenfalls nicht: "Gibt's den Videobeweis im Pokal?" Antwort: "Ich weiß es nicht."

Linienrichterbeweis: Was war passiert? Emil Forsberg lief mit viel Tempo auf das Bayern-Tor zu, wurde von Arturo Vidal vor dem Strafraum gezogen, der Zeitpunkt der anschließenden Grätsche war selbst in der Zeitlupe nur schwer auszumachen. Schiedsrichter Zwayer entschied auf Elfmeter - und wollte die strittige Entscheidung dann aber, wie in der Bundesliga mittlerweile üblich, nicht alleine treffen. Also schritt Zwayer zu seinem 50 Meter entfernten Linienrichter Arno Blos. Nach intensiver Beratung nahm er den Strafstoß zurück, was auf Leipziger Seite viel Ärger verursachte.

Rangnickbeweis: Besonders erbost war Sportdirektor Ralf Rangnick. Rechtzeitig zum Halbzeitpfiff stand der 59-Jährige im Innenraum und wollte dem Schiedsrichtergespann per Smartphone die umstrittene Szene als Video zeigen, um Einfluss auf den weiteren Spielverlauf zu nehmen. Wer sich fragte, mit welcher Intention Leipzigs Boss aufs Spielfeld stürmte, bekam nach der Pause seine Antwort. Bei den Bayern kam der Rangnickbeweis nicht gut an, es kam zu einer Rudelbildung mit Mats Hummels im Mittelpunkt.

Die Rudelbildung mit Hummels (M.) und Leipzigs Sportdirektor Rangnick
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Die Rudelbildung mit Hummels (M.) und Leipzigs Sportdirektor Rangnick

Zweite Hälfte: Wieder stand Zwayer im Mittelpunkt, sogar gleich zweimal. In der 54. Minute gab er Naby Keïta nach einem taktischen Foul Gelb-Rot, eine vertretbare Entscheidung. Allerdings war Keïtas erste Verwarnung (45.) umstritten, vor allem weil der Schiedsrichter bei der Bewertung ähnlicher Fouls keine konsequente Linie verfolgt hatte. In Unterzahl ging Leipzig dann aber in Führung, weil Zwayer nach einer dezenten Berührung von Jérôme Boateng gegen Yussuf Poulsen einen unberechtigten Elfmeter gab. Forsberg verwandelte (68.), Rangnick freute sich auf der Tribüne. Die Bayern spielten in der Folge ihre Überzahl besser aus, glichen durch Thiagos Kopfball aus (73.) und hatten weitere gute Torchancen zum Sieg.

Verlängerung: Es wurde zum Duell zwischen Leipzigs Torhüter Péter Gulácsi und Bayerns Torjäger Robert Lewandowski - mit dem Sieger Gulácsi. Der Ungar vereitelte eine Doppelchance des Polen und Joshua Kimmich (100.), lenkte einen Lewandowski-Schuss aus kurzer Distanz über die Latte (105.) und hatte Glück, als der Münchner aus einem Meter über das Tor köpfte (106.). Weil der eingewechselte Kwasi Okyere Wriedt auch noch an die Latte köpfte (104.), war das Chancenplus der Bayern gewaltig, trotzdem ging es ins Elfmeterschießen.

Elfmeterschießen: Alle fünf Bayern-Schützen verwandelten sicher. Münchens Torhüter Ulreich warf sich in die Ecken, obwohl die Leipziger eher zentral zielten. Seine Strategie ging trotzdem auf, denn beim letzten Elfmeter von Timo Werner war Ulreich im richtigen Eck und brachte seinen Klub ins Achtelfinale.

RB Leipzig - FC Bayern München 5:6 n.E. (1:1, 1:1)
1:0 Forsberg (68./Foulelfmeter)
1:1 Thiago (73.)
Elfmeterschießen: 0:1 Lewandowski, 1:1 Bernardo, 1:2 Alaba, 2:2 Kampl, 2:3 Hummels, 3:3 Halstenberg, 3:4 Rudy, 4:4 Orban, 4:5 Robben, Werner verschießt.
Leipzig: Gulácsi - Bernardo, Upamecano, Orban, Halstenberg - Kampl, Keïta - Sabitzer (101. Laimer), Forsberg (109. Klostermann) - Poulsen (81. Werner), Augustin (57. Demme).
FC Bayern: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Alaba - Tolisso (88. Rafinha), Vidal (57. Rudy) - Robben, Thiago (101. Wriedt), Coman (60. Martínez) - Lewandowski.
Schiedsrichter: Zwayer
Gelbe Karten: - / Boateng, Kimmich, Thiago, Vidal
Gelb-Rote Karte: Keita (54.)
Zuschauer: 42.588



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Seite 1
clauswillypeter 26.10.2017
1. Schlimm
Es war Betrug an Leipzig. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
t.bird 26.10.2017
2. Bitte keine Legendenbildung...
Leipzig hat in der ersten Hälfte ohne Zweifel toll gespielt. Der nicht gegebene Elfmeter (34.min.) war zumindest diskussionswürdig, da das Foul von Vidal sichtbar vor der Strafraumgrenze begann - so sonnenklar wie die Leipziger dies nun behaupten, war es zweifellos nicht. Gelb-Rot für Keita war hingegen eine Spur zu hart, das Trikotziehen vor der zweiten gelben Karte war ein taktisches Allerweltsfoul, wie es in jedem Spiel zig-mal vorkommt. Dafür war der dann gegebene Elfer zum 1:0 eine reine Konzessionsentscheidung. Fazit: die Leipziger sollten nicht zu sehr Klage führen, daß sie vom Schiri verschaukelt worden seien - am Ende waren die Münchner schon sehr überlegen und hätten es auch vor dem Elfmeter-Schießen richten können. Immerhin schön zu sehen, daß neben Dortmund mit Leipzig noch ein weiterer echter Rivale erwachsen ist und die noch vor wenigen Monaten zu lesenden Elogen, wonach Bayern auf Jahre hinaus einsam + allein den Profi-Fußball in D dominieren würden, ad absurdum geführt werden.
nn280 26.10.2017
3. Ich möchte mich vor Superlativen hüten,
aber das heutige Spiel war wohl die erbärmlichste Schiri-Leistung seit einem Jahrzehnt in Deutschland. Nicht nur der "Linienrichterbeweis" bei der Elfmeterentscheidung und die Hinausstellung eines Leipziger Spielers waren bemerkenswert, sondern die fehlende Souveränität des Felix Zwayer bei allen Entscheidungen. Die ungestrafte Art und Weise der Münchener Rudel-Spielerproteste und das fehlende Fingerspitzengefühl waren befremdend. Wenn eine Mannschaft in Unterzahl spielt, sollten alle taktischen Fouls der vollzähligen Mannschaft mit gelben Karten bestraft werden. Heute ist Leipzig über alle Maßen benachteiligt worden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Abgerundet wurde das Fernseherlebnis durch einen Herrn Tom Barthels. Er sollte als Erstes lernen. Namen von Bayern-Spielern erst dann laut hinaus zu brüllen, wenn deren Aktion zu Ende gespielt ist und erst hinsehen und dann schreien. Interessant an diesem Mann ist auch, was der aus seiner "Reporter"position alles sieht und uns verkündet. Widerlich ist auch der sich in allen Spielen wiederholende Singsang von immer gleichen Geräuschbändern, die untergemischt werden. Ich empfinde diese Art von Reportagen als Form von Verblödung der erwachsenen Zuschauer.
Orthoklas 26.10.2017
4. Auf den Punkt!
Sehr guter Artikel! Damit ist das Wichtigste absolut getroffen.
ich-geb-auf 26.10.2017
5. ausgleichende Gerechtigkeit
1. Elfer war einer. kein tor 2. Elfer war niemals einer, ein Tor Summe: 1:0 für Leipzig.
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