Sieg gegen Stuttgart Die Super-Dusel-Bayern

Bayern feiert seinen Sieg über den VfB Stuttgart, doch souverän wirkte der Tabellenführer nicht. Trainer Guardiola experimentierte wie ein Getriebener mit seiner etwas erfolgsträgen Mannschaft. Nur mit Thomas Müller gingen am Ende die Hormone durch.

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Von Sebastian Winter, Stuttgart


SPIEGEL ONLINE Fußball
Die Bayern-Spieler feierten mit ihren Fans, sie freuten sich "wie die kleinen Kinder", gab Stürmer Thomas Müller später zu Protokoll. Klar, ein 2:1-Sieg im Nachholspiel beim VfB Stuttgart ist etwas Schönes. Rund 40 Meter entfernt lag ein tieftrauriger Mann auf dem Rasen, minutenlang. VfB-Torwart Sven Ulreich konnte ihn nicht trösten, auch Stuttgarts Maskottchen vermochte es nicht. Konstantin Rausch wollte im feuchten, kalten Gras liegen bleiben, am liebsten für immer.

Irgendwann stand er doch auf, Stuttgarts Stadionsprecher zerrte den Mann mit dem roten Rauschebart vor sein Mikrofon, und der Defensivmann sagte: "Mir fehlen gerade ein bisschen die Worte." Was sollte der arme Rausch auch sagen nach einem Spiel, in dem Stuttgart bis zur 76. Spielminute 1:0 geführt hatte, und das nach einem großartigen Seitfallzieher des starken Thiago in der Nachspielzeit 2:1 für die Bayern geendet hatte. Rausch sagte dann noch: "Es ist wie verhext."

13 Punkte Vorsprung haben die Bayern nach ihrem erfolgreichen Nachholspiel nun auf den Tabellenzweiten (Leverkusen), gar 17 auf die nächsten Verfolger Dortmund und Gladbach. Die Frage, wer Meister wird, hat sich wohl spätestens mit diesem Tag erübrigt. Nun geht es nur noch darum, wann es so weit ist. Und wie lange die Serie von mittlerweile 43 Spielen ohne Niederlage noch halten soll.

"Manchmal brauchen wir eine Warnung"

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Stuttgart vs. Bayern: Nackenschlag in der Nachspielzeit
Das Beängstigende für die Konkurrenz - auch die internationale - ist, dass der deutsche Meister offenkundig längst noch nicht zu seiner Bestform gefunden hat. Die Abwehr um die Innenverteidiger Dante und Jérôme Boateng wirkte beim Gegentreffer fahrig, Stuttgart hätte außerdem einen Handelfmeter bekommen müssen. Im Sturm ging Pep Guardiolas Plan, mit Mario Götze und Xherdan Shaqiri als Ribéry-Robben-Ersatz für Druck zu sorgen, überhaupt nicht auf. Die Bayern wirkten in der ersten Halbzeit so ideenlos, als wollten sie direkt an den Katastrophentest gegen Salzburg (0:3) anknüpfen.

Bevor Guardiola mit einem exquisiten Herno-Mantel unter dem Arm in den Mannschaftsbus stieg, versuchte er zu erklären, in welchem Dilemma seine Spieler sind: "Es ist schwierig, wenn alle sagen, die Meisterschaft ist schon vorbei. Manchmal brauchen wir eine Warnung, so wie in Salzburg, so wie heute in der ersten Halbzeit, um zu reagieren."

Guardiola wirkt einerseits etwas ratlos, weil er weiter auf der Suche nach der optimalen Formation ist. Er experimentiert wie ein Getriebener, und dass er erstmals dieselbe Startelf in zwei Spielen in Serie aufbot, bedeutete nichts. Denn die Wegbereiter des Erfolges waren zwei Spieler, die bislang eher durch Verletzungen (Thiago) und Bankeinsätze (Claudio Pizarro) aufgefallen waren. Gegen Stuttgart aber waren sie so hungrig wie keiner ihrer Kollegen, was ihren Trainer andererseits freuen dürfte - denn so stellt er sich gesunden Konkurrenzkampf vor.

"Seriöse Kampf- und Laufleistung"

Immer wieder wirbelte das Duo Stuttgarts Abwehr durcheinander, zuerst traf Pizarro per Kopf nach Flanke von Thiago, dann der Spanier selbst mit seinem Tor des Monats. Er glänzte außerdem mit den meisten Ballkontakten, 90 Prozent seiner Pässe kamen an, ein erstaunlich starker Wert für einen Offensivspieler. Langsam wird klar, warum Guardiola im Gardasee-Trainingslager vergangenen Sommer so vehement gefordert hatte: "Thiago oder nix."

Die Spiele in Salzburg, in Gladbach und Stuttgart dürften den etwas erfolgsträge gewordenen Bayern nun eine Lehre sein und viel Anschauungsunterricht bieten, wie sie es nicht machen sollten. Nach dem Stuttgart-Spiel kritisierten mehrere Bayern-Spieler, dass ihr Spiel zu wenig zwingend war, dass sie kaum Lücken fanden, um die VfB-Abwehr zu überlisten. Das ist ein starkes Indiz für zu wenig Bewegung. Um es mit Thomas Müller zu sagen: "Wir müssen schauen, dass wir jedes Spiel mit seriöser Kampf- und Laufleistung angehen."

Müller war ansonsten sehr aufgeräumt nach dem Spiel, die Haare geföhnt, die Punkte im Gepäck. Irgendwie wirkte er sogar glücklich über diesen "dreckigen" Sieg. Glücklich darüber, mal wieder geackert zu haben: "Ein 2:1 in der letzten Minute kannst du nicht mit 4:0 vergleichen", sagte Müller, "von den Hormonen her ist das auf jeden Fall ein anderes Erlebnis."

VfB Stuttgart - Bayern München 1:2 (1:0)
1:0 Ibisevic (29.)
1:1 Pizarro (76.)
1:2 Thiago (90.+3)
Stuttgart: Ulreich - Sakai (65. Boka), Schwaab, Rüdiger, Rausch - Khedira, Leitner - Harnik, Werner (86. Traore) - Ibisevic, Abdellaoue (90.+2 Sararer)
München: Neuer - Rafinha, Boateng, Dante, Alaba - Lahm - Müller, Thiago, Kroos (60. Pizarro), Shaqiri (59. Mandzukic) - Götze (88. Contento)
Schiedsrichter: Manuel Gräfe
Zuschauer: 60.449 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Leitner (3), Rüdiger (2), Sakai (3), Boka (4), Harnik (3) - Kroos (3), Dante (2), Boateng (6)

insgesamt 344 Beiträge
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Seite 1
Traffical 30.01.2014
1.
so so - ein Handelfer, ok, und das zwei Stuttgarter aber sowas von im Abseits standen - egal. Und wo war denn da Dusel? Drei Minuten Nachspielzeit - ist ja üppig.
roppel 30.01.2014
2. Thiago...
wurde nicht eingewechselt, er begann in der Startformation. Den Handelfmeter musste man eben nicht geben und das Stuttgarter Tor war abseits.
rokker3333 30.01.2014
3. Toller Artikel ....
da standen zwei Mannschaften auf dem Platz! Hat der Autor vielleicht nicht bemerkt. Außerdem war die zweite Mannschaft (VfB) sehr gut. Vielleicht lag das knappe Ergebnisse auch daran? Nichtsdestotrotz, ohne Robbery sind Bayern schwach wie eine Flasche leer.
Vincent Jones 30.01.2014
4. Handelfmeter?
Ich dachte das kit dem Dusel würde sich darauf beziehen. Letzte Woche in Gladbach bekamen die Bayern in der gleichen Situation einen zugesprochen. Es gibt halt doch den Bayernbonus.
ozi 30.01.2014
5.
Es ist so unfassbar unerträglich. Mich widert dieser Verein so derartig an. Soll es immer so weiter gehen? Eine ganz tolle, spannende Liga haben wir, Bravo!
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