FC Bayern Überfordert, fertig, kaputt

Haben die Bayern verlernt, Fußball zu spielen? Trainer Hitzfeld sucht hektisch nach Lösungen fürs Prestigeduell gegen Real Madrid. Doch seine Spieler schwächeln - jeder aus gutem Grund. Einzige Hoffnung: Den Spaniern geht es nicht besser. Dort sorgten heute Gerüchte um den Coach für Chaos.
Von Jörg Schallenberg

Felix Magath soll, so meldet die "Bild"-Zeitung heute, schlecht geworden sein, als er am Samstag das 0:1 des FC Bayern in Aachen gesehen hat. Das wundert wohl niemanden. Grund, so sagte Magath später, war ein "Virus". Unklar blieb allerdings, wen das Virus erwischt hatte - den Ende Januar entlassenen Bayern-Trainer oder seine ehemalige Mannschaft.

Via "Kicker" schickte Magath den Münchnern Genesungswünsche und stellte auch gleich klar, warum der bayerische Patient schon beim anstehenden Champions-League-Match bei Real Madrid (Dienstag, 20.45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) wieder auf die Beine kommen wird: Der Club habe "mit dem Trainerwechsel Ottmar Hitzfeld für Felix Magath etwas unternommen, während bei Real alles beim Alten geblieben ist; nach wie vor herrscht große Unsicherheit bei den Spaniern".

Man sollte diese Zeilen zweimal lesen, man sollte sich Magath dabei als einen gelegentlich sehr süffisanten Menschen vorstellen, man sollte sich noch einmal die Spiele des FC Bayern nach seinem Rauswurf ins Gedächtnis rufen – dann bekommt man in etwa eine Ahnung, wo der Rekordmeister nicht nur nach Magaths Meinung gerade angekommen ist. Im tiefen Tal der Planlosigkeit.

Weil eine verfehlte Einkaufspolitik betrieben worden ist, weil nicht nur die "Süddeutsche Zeitung" zu Recht bemängelt, dass dem FC Bayern eine Idee fehlt, macht Hitzfeld offenbar genau da weiter, wo Magath aufgehört hat: Er experimentiert mit einer Ansammlung hochtalentierter, aber chronisch formschwacher Spieler herum, ohne die verknotete Spielanlage aufdröseln zu können.

Magath bot in seiner letzten Partie, einem grausigen 0:0 gegen Bochum, Andreas Ottl als rechten Verteidiger, Hasan Salihamidzic im defensiven Mittelfeld und Mark van Bommel als Regisseur auf. Stürmer Claudio Pizarro ersetzte er schon zur Pause durch Lukas Podolski.

Hitzfeld dagegen testete als kreativen Kopf Ali Karimi, dann Mehmet Scholl und schließlich Bastian Schweinsteiger. Salihamidzic setzte er zuletzt als rechten Verteidiger ein, ließ Willy Sagnol im Mittelfeld spielen und versuchte sein Glück mit dem seit Jahren glücklosen Roque Santa Cruz als Sturmpartner von Roy Makaay. Es nützte nichts. Gegen Madrid soll nun Podolski seine internationale Klasse unter Beweis stellen.

Jeder hat einen anderen Grund für sein Schwächeln

Dass Oliver Kahn dem neuen alten Trainer bescheinigt, "eine klare Ordnung und ein klares System" in die Mannschaft gebracht zu haben, ist angesichts dieser Würfelei bislang wohl nur für den Torwart erkennbar. Hitzfeld muss auskommen mit einem Haufen mutloser Gestalten, die nichts mehr von jener Furcht einflößenden Präsenz haben, die sie früher auszeichnete. Auch Kahns wütende Attacken gegen Mit- und Gegenspieler wirkten eher hilflos als stimulierend.

Das Fatale ist: Jeder Kicker hat einen anderen Grund für sein Schwächeln. Technisch brillante Ausnahmespieler wie Philipp Lahm oder Schweinsteiger laufen seit der WM ihrer Form hinterher (und werden das wohl bis zur Sommerpause fortsetzen). Podolski ist noch nicht, Karimi nie in München angekommen, van Buyten liefert Woche für Woche Beweise dafür, dass er beim Hamburger SV bereits überschätzt wurde und sehr von seinem einstigen Nebenmann Khalid Boulahrouz (jetzt bei Chelsea) profitierte. Spieler wie Salihamidzic haben ihren Zenith lang überschritten, Santa Cruz hat seinen nie erreicht. Altgediente Welt- und Europameister wie Sagnol oder Lucío wirken unwillig, sich in Spielen gegen Aachen, Bochum oder Bielefeld zu konzentrieren. Spielerische Alternativen sind nach Sebastian Deislers Rücktritt und den Verletzungen von Owen Hargreaves, Andreas Görlitz, Valérien Ismael und (immer mal wieder) Mehmet Scholl Fehlanzeige. Überfordert, fertig und kaputt – das ist der FC Bayern im Februar 2007.

Gerüchte um den Real-Coach

Sollte den Bayern gegen Real Madrid eine Wiederauferstehung gelingen, kann es dafür nur einen Grund geben: Der Gegner kriselt ebenfalls vor sich hin. Vorläufer Höhepunkt: Der spanische Radiosender Cadena Cope berichtete heute, Real-Trainer Fabio Capello habe seinen Rücktritt erklärt. Der Club dementierte umgehend die Meldung, "uns ist davon nichts bekannt", erklärte Reals Vorstandssprecher Miguel Ángel Arroyo. Er wollte allerdings nicht bestätigen, dass der Trainer im Lokalderby bei Atlético Madrid am kommenden Wochenende noch auf der Bank sitzt.

Treueschwüre pro Capello hört man nicht in Madrid, was vor allem daran liegt, dass Real trotz einer bemerkenswerten Ansammlung prominenter Namen auch unter dem neuen Trainer (Capello ist seit Saisonbeginn im Amt) eine Idee fehlt. Bayern gegen Real, das waren in den Jahren zwischen 1999 und 2004 die größten Duelle der Champions League. Heute ist Bayern gegen Real nur das Spiel zweier großer Namen von gestern.

Selbst ein Sieg über Madrid kann daher nicht als Befreiungsschlag bejubeln werden. Denn für die kommende Saison kann der Verein weder einen Trainer noch das Konzept einer neu gestalteten Mannschaft präsentieren. Im März soll der Trainer laut Manager Uli Hoeneß vorgestellt werden. Einzig bislang bekanntes Kriterium: Er soll Deutsch sprechen.

Das allein wird dem FC Bayern allerdings nicht weiterhelfen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen

Real Madrid: Casillas - Sergio Ramos (Salgado), Helguera, Cannavaro, Torres - Beckham, Higuain, Gago, Guti - van Nistelrooy, Raul
Bayern München: Kahn - Salihamidzic, Lucio, van Buyten, Lahm - Sagnol, Hargreaves, van Bommel, Schweinsteiger - Makaay, Podolski

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