Vermeintliche Corona-Hilfen Solidaritätsaktion oder Taschenspielertrick?

Vier Großklubs um den FC Bayern standen als Gönner da, als sie 20 Millionen Euro für bedürftige Klubs in der Coronakrise in Aussicht stellten. Doch nun gibt es innerhalb des deutschen Profi-Fußballs Streit darüber.
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei der virtuellen Pressekonferenz: "Ich glaube wirklich, dass die Liga sehr, sehr eng zusammensteht"

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bei der virtuellen Pressekonferenz: "Ich glaube wirklich, dass die Liga sehr, sehr eng zusammensteht"

Foto:

Arne Dedert/ dpa

2016 ging es dem deutschen Fußball noch blendend. Der neue Fernsehgeld-Vertrag war gerade abgeschlossen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte darin einen Zuwachs von über 80 Prozent bei den TV-Erlösen für die 36 Erst- und Zweitligaklubs ausgehandelt (von 2,51 auf 4,64 Milliarden Euro für vier Jahre). Nichts deutete damals auf eine Krise hin. Und trotzdem beschloss die DFL, eine Rücklage zu bilden - für strategische Entscheidungen, aber auch für Sondersituationen.

Es war eine beachtliche Summe: fast 50 Millionen Euro.

Heute, vier Jahre später, ist durch die Corona-Pandemie tatsächlich eine außerordentliche Situation eingetreten. Und nach SPIEGEL-Informationen ist um diese Summe eine Kontroverse innerhalb des deutschen Profi-Fußballs entbrannt.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht eine 20-Millionen-Euro-Hilfsaktion der vier Großklubs – Bayern, Dortmund, Leverkusen und Leipzig – sowie die Frage, woher das Geld stammt und wer darauf Anspruch hat. "Wir haben heute kurz über die Maßnahme gesprochen", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Dienstag bei der Pressekonferenz nach der Mitgliederversammlung der 36 Profiklubs, die erstmals komplett als Videokonferenz durchgeführt wurde. "Wir haben uns als Präsidium noch nicht weiter damit befasst, wie damit umgegangen wird. Dies werden wir in der nächsten Sitzung des Präsidiums tun", so Seifert weiter.

Dass Seifert nicht konkreter wurde, hat einen Grund: Denn bisher ist nicht geklärt, wie sich die 20 Millionen Euro überhaupt zusammensetzen, die die Bayern, Dortmunder und Co. als Hilfsgelder an bedürftige Klubs weiterreichen wollen. In einer am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Presseerklärung auf der DFL-Homepage hieß es dazu: "Die vier Champions-League-Teilnehmer der aktuellen Saison verzichten zunächst auf ihren Anteil an noch nicht verteilten nationalen Medienerlösen der DFL in der kommenden Spielzeit. Dieser Betrag, der bei Anwendung des derzeitigen Verteiler-Schlüssels rund 12,5 Millionen Euro ausmachen würde, wird seitens der vier Clubs noch einmal um rund 7,5 Millionen Euro aus eigenen Mitteln aufgestockt."

Welche noch nicht verteilten nationalen Medienerlöse das sein sollen, wurde nicht genannt. Am Ende standen nur die 20 Millionen Euro als Rettungspaket – und die Großklubs als Gönner da. "Diese Aktion unterstreicht, dass Solidarität in der Bundesliga und 2. Bundesliga kein Lippenbekenntnis ist", erklärte Seifert in der Mitteilung. Bundesweit gab es viel Aufmerksamkeit dafür. Auch der SPIEGEL beschrieb die Aktion als "solidarische Geste".

Eine DFL-Rücklage über 45 Millionen Euro

Doch unter den Profiklubs gibt es jetzt Unmut darüber. Immer noch wurden die Vereine nicht über die genaue Herkunft der 12,5 Millionen Euro unterrichtet. Einige Klubvertreter vermuten, dass jenes Geld aus der DFL-Rücklage für Krisenzeiten von 2016 herangezogen werden soll. Und dass die vier Champions-League-Starter den bestehenden TV-Geld-Schlüssel angewendet haben, um ihren Anteil daran zu errechnen. Sollte es so sein, wäre das Solidarpaket der großen Vier zu einem Teil eine Mogelpackung, weil die Klubs derzeit noch gar keinen Anspruch auf das Geld haben.

Steffen Schneekloth, Präsident des Zweitligisten Holstein Kiel und DFL-Präsidiumsmitglied, fragte nach SPIEGEL-Informationen bei der Vollversammlung am Dienstag nach: Wie würden sich die 20 Millionen Euro eigentlich zusammensetzen? Und er verwies darauf, dass es einen Präsidiumsbeschluss bräuchte, um den Rücklagen-Topf zu verteilen.

Jan-Christian Dreesen, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender des FC Bayern und ebenfalls aktuelles DFL-Präsidiumsmitglied, soll gesagt haben, dass der Beschluss zur Rücklage von Geldern 2016 "im Geiste" der Verteilung des üblichen TV-Geldes erfolgt sein soll. Das bedeutet: Die Ausschüttung würde nach dem bestehenden TV-Geld-Schlüssel geschehen. Das allerdings ist nicht zulässig.

2016 beschloss die DFL, 50 Millionen Euro von den Fernsehgeldern seiner Mitglieder einzubehalten. Fünf Millionen Euro wurden vom Dachverband seither für strategische Projekte ausgegeben (u.a. Aufbau der Virtual Bundesliga). Dass 45 Millionen Euro an Rücklagen immer noch übrig sind, darüber informierte das DFL-Präsidium die Mitglieder bei der ersten Vollversammlung wegen der Pandemie am 16. März in Frankfurt. Die Auskehrung des Sondertopfs stehe für die Spielzeit 2020/2021 zur Verfügung, würde dann über die Saison verteilt werden, hieß es in der Präsentation. Und dann stand da noch ein entscheidender Satz für die aktuelle Debatte: "Dieser Sondertopf von 45 Millionen Euro könnte durch Beschluss des Präsidiums nach neuen Kriterien verteilt werden."

Diskussion in der Mitgliederversammlung

Diesen Beschluss hat es nach SPIEGEL-Informationen bisher noch nicht gegeben. Und somit ist auch noch nicht geklärt, unter welchen Kriterien die Verteilung des Geldes an die Klubs berechnet werden soll. Dass die vier Großklubs schon mal vorweggenommen haben, welches Geld ihnen aus dem Sondertopf zusteht, um es dann als Solidaraktion zur Verfügung zu stellen, wäre demnach nicht zulässig.

"Ich glaube wirklich, dass die Liga sehr, sehr eng zusammensteht", sagte Seifert am Dienstagnachmittag. In dieser Frage des Sondertopfs und der 20 Millionen Euro aber gibt es akuten Redebedarf. Am Mittwoch kommt das DFL-Präsidium zu einer weiteren Videokonferenz zusammen.

Fakt ist, dass es die 45 Millionen Euro Rücklagen der DFL immer noch gibt. Und sie könnten zur Bewältigung eines Teils der Pandemie-Folgen für die deutschen Profiklubs verwendet werden – vor allem dann, wenn die Saison vor Beendigung der letzten neun Spieltage abgebrochen werden muss. Entweder wird das Geld (unter welchem Schlüssel auch immer) an die 36 Profiklubs verteilt. Oder es wird Teil eines größeren Deals mit den TV-Rechteinhabern zur Sicherung der noch ausstehenden TV-Geld-Tranche für diese Saison. Zwischen 330 und 380 Millionen Euro sollen das sein.

Die Frage ist dann aber, wie genau der Solidarbetrag des FC Bayern, von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig aussehen soll.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.