Rassismusfall beim FC Bayern "Da traut sich keiner, was zu sagen"

Vor dem Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona muss sich der FC Bayern mit den Rassismusvorwürfen gegen einen Jugendtrainer auseinandersetzen. Den Klubbossen waren die Anschuldigungen lange bekannt.
Von Florian Kinast, München
FC Bayern-Campus in München: Der Staatsschutz ermittelt gegen einen Jugendtrainer des Vereins

FC Bayern-Campus in München: Der Staatsschutz ermittelt gegen einen Jugendtrainer des Vereins

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

Am Donnerstag, am Tag vor dem großen Spiel, zog der FC Bayern um. Aus dem Trainingslager an der Algarve ging es in die Berge von Sintra. Man bezog ein abgelegenes Resort 25 Kilometer westlich der portugiesischen Hauptstadt, zum Training ging es ins Stadion der benachbarten Kleinstadt Mafra. Es lief alles nach Plan, bei den letzten Vorbereitungen für Freitag, für das Viertelfinal-Duell in der Champions League mit dem FC Barcelona (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky).

Die Neuigkeiten aus der Münchner Heimat aber sind erschütternd. Die Rassismusvorwürfe gegen einen Jugendtrainer vom Nachwuchs-Campus beschäftigen die Verantwortlichen auch in Portugal. Von einer "unappetitlichen Geschichte" spricht man im Klub, von einem "widerlichen Vorfall".

Anfang der Woche hatte das Magazin "Sport inside" des WDR erstmals über den Verdacht gegen den Jugendtrainer berichtet . Demnach hatte sich der Betreuer, der seit 2003 in der Nachwuchsabteilung arbeitet und 2016 zum Sportlichen Leiter der U9 bis U15-Mannschaften befördert wurde, abfällig über Spieler geäußert, sei es wegen ihrer Hautfarbe oder ihres Nachnamens. Überliefert sind unflätigste Begriffe. Begriffe, die auch in einem Twitteraccount unter seinem Namen gepostet wurden. Ein Account, der nicht von ihm angelegt worden sein soll, der aber Äußerungen wiedergegeben hat, die von ihm auch in einer WhatsApp-Gruppe wortgenau so gefallen sind. Der SPIEGEL konnte Screenshots dieser Chatverläufe einsehen. Ob diese echt sind, ist noch unklar.

Trainer soll durch sein Auftreten berüchtigt sein

Weitere Recherchen des SPIEGEL ergaben nun, dass die Äußerungen in das Bild passen, das der Betreuer am Campus mit seinem Auftreten, seinem Umgangston und seinen Methoden vermittelte. Er soll Spieler wegen ihrer Hautfarbe, Nationalität oder vermeintlicher Homosexualität diskriminiert haben und auch wegen ihrer Religionszugehörigkeit.

Doch ab wann wusste die Klubführung davon?

Nach bestätigten SPIEGEL-Informationen gingen bereits ab Herbst 2018 anonyme Schreiben in der Vorstandsetage der Bayern ein. Bei Klubboss Karl-Heinz Rummenigge, beim damaligen Präsidenten Uli Hoeneß, Sportdirektor Hasan Salihamidzic, auch bei den Campus-Leitern, dem Triumvirat aus Hermann Gerland, Jochen Sauer und Holger Seitz: Briefe, in denen Eltern die Vielzahl an rassistischen und homophoben Äußerungen und Schikanen des Trainers beklagten.

Umgehend habe man eine Befragung bei allen Beteiligten durchgeführt, bei den Eltern und den Kindern. Das Ergebnis jedoch: keine einzige kritische Stimme, durchweg positive Resonanz. Mehr noch: Auch bei den regelmäßigen Beurteilungen durch die Jugendspieler erhielt der Betreuer immer ein ansehnliches Zeugnis mit der Bewertung: "überdurchschnittlich gut" - weshalb in der Klubzentrale der Eindruck entstanden sein mag, es handele sich bei den Schmähungen in den anonymen Schreiben womöglich um üble Nachrede, um einen Racheakt, eine Privatfehde aus Kränkung, vielleicht weil der Trainer das eigene Kind regelmäßig auf die Ersatzbank setzt.

Starke Machtposition auf dem Campus

Warum aber diese Diskrepanz zwischen den anonym versandten Briefen und den positiven Beurteilungen?

Warum schwiegen Eltern und Kinder, als sie persönlich darauf angesprochen wurden? "Das ist nachvollziehbar", sagte ein Mitarbeiter aus dem Campus jetzt dem SPIEGEL, "wenn es dein Sohn zu den Bayern geschafft hat und endlich das Trikot stolz auf seinen Schultern trägt, dann riskierst du das nicht, öffentlich gegen einen Trainer Stellung zu beziehen, aus Angst, dass dein Kind deswegen wieder rausfliegt. Da traute sich einfach keiner, etwas zu sagen." Auch deswegen nicht, weil der Betreuer auf dem Campus allein durch seine Funktion eine Machtposition besessen haben soll.

Der FC Bayern, der mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren keine weiteren offiziellen Stellungnahmen abgeben möchte, begann nach SPIEGEL-Informationen unmittelbar nach den neuen Enthüllungen Anfang der Woche mit einer weiteren internen Untersuchung. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, so hörte man, sei der fristlose Rauswurf des Betreuers die einzig denkbare Konsequenz.

Doch selbst mit einer sofortigen Entlassung wäre die Sache noch nicht vom Tisch. Der Staatsschutz hat Ermittlungen gegen den Mitarbeiter des FC Bayern eingeleitet. Im Gegenzug hat der Beschuldigte selbst laut "Sportschau" eine Gegenanzeige gegen die bislang unbekannten Betreiber des Fake-Accounts gestellt.

Beim FC Bayern stellt sich die Frage: Wie hätte man damals mit mehr Nachdruck den Vorwürfen der anonymen Schreiben nachgehen können? Wer wusste was im Nachwuchsleistungszentrum? Und wie könnte man künftig einem Klima der Einschüchterung entgegentreten, damit Eltern und Kinder ohne Furcht den Mut aufbringen, sich bei ähnlichen Vorfällen auch öffentlich zu den Anschuldigungen zu bekennen und nicht nur anonym hinter vorgehaltener Hand? 

Das sind Fragen, die den FC Bayern noch beschäftigen werden.

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