Bayerns Niederlage gegen Hoffenheim Geblendet von sich selbst

Nur vier Tage nach der Gala bei Tottenham blamiert sich der FC Bayern gegen Hoffenheim. Niko Kovac spricht von einer Kopfsache. Vor dem Oktoberfestbesuch gibt es die ersten Störgeräusche.

Serge Gnabry ärgert sich über seine vergebene Chance in der Schlussphase
DPA

Serge Gnabry ärgert sich über seine vergebene Chance in der Schlussphase

Von Florian Kinast, München


"Das sind wir ja schon gewohnt", erwiderte Sportdirektor Hasan Salihamidzic auf die Frage, ob es um die Stimmung wohl nicht ganz so prima vor dem traditionellen Oktoberfestbesuch der Mannschaft am Sonntag bestellt sein wird.

Denn schon in den vergangenen Jahren war die Laune getrübt, 2017 prostete man sich am Tag nach einem 2:2 gegen Wolfsburg zu, im vergangenen Jahr galt es, den Frust über ein 0:3 daheim gegen Gladbach am Vortag runterzuspülen. Die bis zum Samstagnachmittag letzte Heimniederlage in der Bundesliga. Nun schreiten die Bayern am Sonntagmittag erneut bereits verkatert ins Bierzelt - nach diesem ernüchternden 1:2 zu Hause gegen Hoffenheim. Eine Pleite, die man nicht erwartet hatte, vier Tage nach dieser fulminanten Gala am Dienstag, als die Bayern wie berauscht von sich selbst die Spurs aus Tottenham mit 7:2 demütigten.

Im Bundesliga-Alltag sind die Bayern geblendet von sich selbst

Ein Erfolg, der vermutlich doch viel zu hoch ausfiel, der viel zu leicht zustande kam. Ein knapper, hart erkämpfter Sieg am Dienstag mit dem entscheidenden Treffer kurz vor Schluss, das hätte ihnen wohl besser getan. Denn wie sich am Samstag im grauen Bundesliga-Alltag zeigte, waren die Bayern noch zu sehr geblendet von sich selbst. Zu überzeugt waren sie, zu euphorisiert. Selbst der etatmäßige Chefmahner vom Dienst, Karl-Heinz Rummenigge, hatte sich am Dienstag hinreißen lassen, die Mannschaft in den höchsten Tönen zu loben und auf warnende Worte zu verzichten.

Von der Realität eingeholt zu werden, geht in diesem Geschäft dann doch ganz schnell. So schön es sein mag, ein Topteam um Harry Kane und Co. auswärts vorzuführen: Umso bitterer, wenn man sich kurz darauf zu Hause gegen bislang schwächelnde Hoffenheimer blamiert - und dabei von einem gewissen Sargis Adamyan zwei Tore eingeschenkt bekommt.

Sargis Adamyan schnürt gegen die Bayern sein Doppelpack und schießt die TSG zum Sieg
Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Sargis Adamyan schnürt gegen die Bayern sein Doppelpack und schießt die TSG zum Sieg

Als Manuel Neuer sprach, konnte man zwischen den Zeilen gut heraushören, dass man nach der Sieben-Tore-Nacht von London Hoffenheim eben doch unterschätzt hatte: "Es war ein Warnhinweis für uns, dass man nichts geschenkt bekommt." Niko Kovac sprach von einer "Kopfsache". Und vielsagend war auch die Aussage von Sportdirektor Salihamidzic nach Abpfiff: "Jetzt haben wir die Bundesliga doch wieder spannend gemacht." Als hätten sie sich nach der Eroberung der Tabellenspitze vor einer Woche auf dem Weg zur Meisterschaft schon unantastbar gesehen und uneinholbar.

Müller wird zum dauerhaften Reservisten und Martínez weint auf der Bank

Eher überraschend hatte Niko Kovac genau die Elf auf den Platz geschickt, die am Dienstag in Tottenham die zweite Halbzeit begann. Viel hatte dafür gesprochen, dass Thomas Müller von Beginn an ran durfte. Doch die Aussage von Niko Kovac vor Spielbeginn ließ tief blicken, als er am Sky-Mikrofon erklärte, dass Müller sicher ein wichtiger Spieler sei, dann aber sagte: "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen." Was nichts anderes heißt, als dass Müller damit zum dauerhaften Reservistendasein degradiert wird - sofern sich kein anderer Offensivspieler verletzt.

"Nothing to say", blieb Müllers einziges Statement nach dem Spiel. Denn ehrlich zu sagen, wie er sich wirklich fühlt, wäre vermutlich auch nicht gut angekommen bei der Klubführung.

Keine Stellungnahme gab es auch von Javi Martínez. Der Spanier saß vor Anpfiff traurig und sichtlich bewegt auf der Bank, Bilder zeigten, wie er sich durch die Augen wischte und von Co-Trainer Hansi Flick in den Arm genommen wurde - unklar blieb zunächst, warum.

Hasan Salihamidzic jedenfalls sagte auf die Frage, ob Martínez aus sportlichen Gründen wegen der Nichtberücksichtigung so traurig gewesen sei: "Ja, ich denke schon. Nicht, dass ich etwas anderes wüsste. Natürlich ist das auch ärgerlich für Javi. Aber wir haben viele Spiele, in denen Javi noch eine Chance bekommen wird."

Ein grummelnder Müller, ein trauriger Martínez. Ein kleiner Anflug von Reizklima, eine leicht angeraute Brise, die an diesem frischen Oktobernachmittag zu spüren war, weit weg noch freilich von den großen Herbststürmen, die in den vergangenen zwei Jahren den FC Bayern durcheinanderwirbelten: 2017, als Carlo Ancelotti rausgeworfen wurde. 2018, als Niko Kovac eine wochenlange Krise überstand und im letzten Moment seinen Job rettete.

Trotz Stimmungstief geht's erstmal auf die Wiesn

Viel tun kann Kovac nun erst einmal nicht. Das Stammpersonal ist in den nächsten eineinhalb Wochen bei den Länderspielen mit ihren Nationalmannschaften im Einsatz, zurück an der Säbener Straße bleibt eine Rumpftruppe. Darunter auch Thomas Müller und Javi Martínez.

Erst einmal aber ist Wiesn. Mag die gute Stimmung überschaubar sein, immerhin muss sich hier keiner der Profis benachteiligt fühlen. Im Bierzelt am Sonntag gibt es keine Vorzugsbehandlung. Im Bierzelt sitzen alle auf der Bank.



insgesamt 68 Beiträge
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-volver- 05.10.2019
1. naja
es gab auch viele Journalisten die im 7:2 viel mehr sahen als eigentlich da war. das bayernspiel kommt hauptsächlich durch klasse einzelaktionen zum erfolg... bleiben diese aus, wirds schwer... auch für Kovac. Eine Weiterentwicklung des bayernspiels im Vergleich zur letzten saison sehe ich nicht.
mbu66 05.10.2019
2.
Ich verstehe nicht, warum Kovac immer wieder Tollisso in der Startelf bringt, der noch meilenweit von der Leistung entfernt ist, die er bringen kann und die sichert auch erwartet wird. Und dann Thiago als einzigen defensiven Sechser... Martinez wäre die klar bessere Lösung als Doppelsechs gewesen.
lordofaiur 05.10.2019
3. Kovac
ist vermutlich der falsche Mann. Mit dem Kader muss man in der BuLi jedes Spiel gewinnen.
gigi76 05.10.2019
4. immer diese Gejammere..
...besonders bei Müller. Man hat den Eindruck es gäbe so etwas wie eine Einsatzgarantie. Aber so ist nun mal das Geschäft, es spielt die Mannschaft, die der Trainer aufstellt.
oloh 05.10.2019
5. Mit Martínez wäre das nicht passiert
Fehler Kovac: Er schickt die gleiche Truppe wie nach Abpfiff der 7:2-Orgie in Tottenham aufs Feld. Grober Feller! Wieso? Weil a) diese Elf schon vor dem Anpfiff gewonnen hatte und b) einigen die Energieleistung vom Dienstag gewiss noch in den Knochen steckte. Es hätte auf drei, vier Positionen frische und hungrige Kräfte gebraucht. Spieler, die sich beweisen wollen. Und die vor Kraft kaum laufen können... Beispiel Coutinho: Am Dienstag mit etlichen Fehlern, aber auch paar Geistesblitzen, war er heute nur mehr ein Schatten seiner selbst. Beispiel Coman: Nur zehn Minuten lang strahlte er Gefährlichkeit aus. Beispiel Tolisso: In Tottenham bereits mit Fehlern, heute kaum noch eine gelungene Aktion. Auch Kimmich war schwach, aber rechts hinten wohl alternativlos. Martínez statt Tolisso, Müller statt Coutinho (Begründung an den Brasileiro: "Du bist für die wichtigen Spiele!"), Davies statt Coman. Evtl. hätte man auch Müller statt Gnabry und Singh statt Coutinho aufbieten können. Eine ganz normale Rotation, wie sie einer englischen (im doppelten Wortsinn) Woche geschuldet ist. Jeder Trainer einer CL-Mannschaft, ganz gleich ob Valverde, Zidane, Conte, Tuchel, ten Hag oder noch viel mehr Pochettino praktiziert das so. Der Wechsel von CL zu Ligaalltag ist der willkommene Anlass für kleine Revirements. Ich denke, hier fehlt es Kovac an Erfahrung.
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