Bayerns Niederlage gegen Leverkusen Kläglich angestellt

Fehlendes Glück, schlechte Chancenverwertung? Das ist nur die halbe Wahrheit über Bayern Münchens erste Niederlage unter Interimscoach Hansi Flick.

LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX

Von Christoph Leischwitz, München


Vor dem Spiel gegen Leverkusen hatten sie noch Uli Hoeneß verabschiedet. Der gerade abgetretene Präsident des FC Bayern München bekam auf dem Rasen der Arena erneut den Applaus der Fans, vom Vorstand des Klubs gab es einen Blumenstrauß und einen Hut mit Gamsbart.

Zwei Stunden später wirkte es, als habe sich nach 49 Jahren, gemeinsam mit dem ehemaligen Spieler, Manager und Chef des Vereins auch gleich noch der berühmt-berüchtigte Bayern-Dusel mit verabschiedet.

Unter dem Münchner Interimstrainer Hansi Flick gab es 16:0 Tore in vier Spielen, es sah so aus, als wäre die Dominanz des Rekordmeisters zurückgekehrt; die Rückkehr an die Tabellenspitze nur noch eine Frage der Zeit. Aber dann kam Leverkusen nach München, und es wurde ein denkwürdiges Spiel mit etlichen vergebenen Chancen, da waren die Pfostentreffer von Serge Gnabry (7. Minute) und Leon Goretzka (77.), in der Nachspielzeit scheiterte auch noch einmal Robert Lewandowski an der Latte (90.+2), mehrfach tauchten die Münchner frei vor dem Tor auf - ohne Erfolg. Am Ende hieß es 1:2. Dieses Spiel glich einer Vollbremsung in der Bundesliga.

"Das ist es doch, was Bayern immer ausgemacht hat: Dass wir unsere Chancen nutzen", sagte Leon Goretzka auf dem Weg aus dem Stadion. Man habe sich vor dem Tor "teilweise kläglich angestellt". Auch Thomas Müller wirkte verärgert, obwohl er sogar seinen ersten Saisontreffer in der Bundesliga erzielt hatte (34. Minute). "So wie heute habe ich das noch nie erlebt." Auch der gegnerische Trainer Peter Bosz sagte später: "Wir hatten heute das Glück, das uns in den letzten Wochen gefehlt hat." In München müsse man dieses auch Glück haben, sonst könne man dort gar nicht gewinnen, fand Leverkusens Verteidiger Sven Bender.

Erstmals unter Flick wackelt die Defensive

Aber lag es am Ende nur an der Chancenverwertung, dass der FC Bayern bereits seine dritte Saisonniederlage erlitten hat und die erste unter Coach Flick?

Bayers Torwart Lukas Hradecky war an diesem Abend besonders gut gelaunt, er hatte mit zahlreichen Paraden den Leverkusener Sieg gesichert. Der finnische Keeper freute sich später auch mehr als die deutschen Nationalspieler über die Ergebnisse der EM-Auslosung (Hradecky trifft mit Finnland auf Belgien, Russland und Dänemark; mehr zur schweren deutschen Gruppe lesen Sie hier). Und erstmal in Redelaune sprach Hradecky auch über Schwächen der Bayern. "Wenn man das erste Pressing überspielt hat", sagte Hradecky, dann seien die Bayern in der Abwehr "nicht sehr schnell".

Zum ersten Mal seit der Trennung von Trainer Niko Kovac wirkte die Münchner Abwehr wieder anfällig; dabei hatte Hansi Flick immer betont, den Fokus auf die defensive Stabilität legen zu wollen. In ihrer Analyse sagten die Spieler, dass die Gäste "gnadenlos effizient" (Müller) gewesen seien. Was eigentlich nicht besonders fair gegenüber Manuel Neuer war - der Torwart hatte die Bayern mehrmals vor einem höheren Rückstand bewahrt. Als er gegen Moussa Diaby retten musste, der einfach nicht angegriffen wurde (25.), später dann auch noch gegen Kevin Volland (51.), der alleine vor ihm aufgetaucht war. Die Bayern waren plötzlich wieder konteranfällig.

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Bayerns Niederlage gegen Leverkusen: Pfosten, Latte, Hradecky

Neuer wurde auch immer wieder in heikle Situationen gedrängt, oft musste er weit vor sein Tor und einen Leverkusener Pass abfangen. Zum Schluss hatte Neuer 68 Ballkontakte und damit 21 mehr als Lewandowski. "Wir haben uns ein bisschen von dem Pressing beeindrucken lassen", sagte Hasan Salihamidzic.

Der Sportdirektor des FC Bayern sagte auch, dass es nun schwerer geworden ist, bald wieder an der Spitze zu stehen. Die Herbstmeisterschaft sei jetzt erst einmal "nicht das Wichtigste". Sollte Mönchengladbach sein Heimspiel am Nachmittag (15.30 Uhr) gegen Freiburg gewinnen, hätten die Bayern vier Punkte Rückstand auf den Tabellenführer. Aber den könnten die Münchner bereits am kommenden Samstag (15.30 Uhr; Liveticker SPIEGEL; TV: Sky) wieder verkürzen - dann muss das Team zum Topduell in Mönchengladbach antreten. Doch der Rückstand in der Bundesliga könnte auch noch größer werden - wenn die Chancenverwertung des FC Bayern in einer Woche erneut schlecht ist oder die Defensive wieder wackelt.

Bayern München - Bayer Leverkusen 1:2 (1:2)
0:1 Bailey (10.)
1:1 Müller (34.)
1:2 Bailey (35.)
München: Neuer - Pavard, Martinez (80. Thiago), Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka - Gnabry, Müller (69. Coutinho), Perisic (69. Coman) - Lewandowski
Leverkusen:
Hradecky - Lars Bender, Tah, Sven Bender, Wendell (65. Sinkgraven) - Aranguiz (80. Demirbay), Baumgartlinger - Bailey (63. Bellarabi), Amiri, Diaby - Volland
Schiedsrichter:
Winkmann
Gelbe Karten: Goretzka - Baumgartlinger, Bellarabi, Sven Bender
Rote Karte: Tah
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
tschephu 01.12.2019
1. zu langsam
Flick hätte erkennen müssen, dass Martinez für seinen Gegner zu langsam ist, der hat ja jedes Laufduell verloren. Da hätte man früh reagieren müssen. Auch Parvard mit einer katastrophalen Fehlpassquote hätte raus gemusst.
tafka2937981 01.12.2019
2.
hmmm, naja... B04 hat mit großer Leidenschaft gespielt und im Verbund gut gepresst, verteidigt und gelegentlich kombiniert. Die Leistungen von Hradecky und Benders Grätsche waren sensationell. Aber: die Tore für B04 fielen, weil die Abwehr nach leichtfertigen Ballverlusten, individuellen Fehlern unsortiert und schlecht gestellt war. Das waren m.E. situative Fehler, kein generelles Problem. Wenn (Achtung: Milchmädchenrechnung) alle Chancen auf beiden Seiten verwandelt werden, endet das Spiel ca. 8:3 für Bayern. B04 hat es super gemacht, aber dass es für sie zum Sieg reichte, lag wirklich in erster Linie an den vergebenen Chancen der Bayern.
ge1234 01.12.2019
3. Das kommt davon....
…. wenn man das zentrale Mittelfeld mit Müller, Goretzka und Kimmich aufstellt, dann klafft dort ein großes Loch. Ist die vorderste Pressingfront dann überwunden, geht es Ruckzuck Richtung Neuers Tor. M.E. wäre der defensiv stabilere Tolisso statt Goretzka die bessere Wahl gewesen. Statt Kimmich, der in meinen Augen einfach kein guter 6er ist, Martinez als Abräumer vor die Abwehr und dahinter Boateng in die Innenverteidigung. Und was hat jetzt eigentlich Alaba dauernd in der Innenverteidigung verloren? Er war damals unter Pep aus gutem Grund nur eine Notlösung auf dieser Position. Was macht stattdessen Lukas May? Ein Genuss jedoch, wenn Davies seine Gegenspieler trotz deren 5 Meter Vorsprung einfach abläuft. :-)
Nonvaio01 01.12.2019
4. Pech gehabt
"scheisse an den schuhen gehabt" haben wir frueher gesagt. Nach dem die letzten spiele alles reinging hatte man nun eben pech...kein grund zur sorge. Flick sollte etwas weniger die NM im kopf haben denke ich, es scheint fuer mich als wenn deutsche spieler erste wahl sind.....
baba01 01.12.2019
5. Danke
Leverkusen!
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