Bayern-Vorstandschef Kahn Der Vulkan speit kein Feuer mehr

Oliver Kahn hat nach einem guten halben Jahr als Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern eine erste Bilanz gezogen. Mit ihm ist ein anderer Stil im Verein eingekehrt.
Bayern-Boss Oliver Kahn

Bayern-Boss Oliver Kahn

Foto: Andreas Gebert / REUTERS

Der FC Bayern München hat zuletzt ein Bild in sozialen Medien verbreitet, das Oliver Kahn im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zeigt. Er habe die Gelegenheit genutzt, weil er die Argumente der Politik ein bisschen habe verstehen wollen, sagte Kahn in einer Medienrunde am Mittwoch.

Und der Politiker Lauterbach hat möglicherweise im Gegenzug die Gelegenheit genutzt, von Kahn die Kunst zu lernen, wie man sich äußern kann, ohne dass man am Ende als Zuhörer hätte zusammenfassen können, was er tatsächlich gesagt hat.

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Eigentlich ist das ein Mittel der Politik, mit Worten wenig zu sagen. Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat dies bis zur Perfektion beherrscht, der jetzige Bundeskanzler Olaf Scholz kann das auch. Kahn hat es darin schon nach einem halben Jahr als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern zu echter Meisterschaft gebracht. Und von Meisterschaften verstehen sie schließlich etwas beim FC Bayern.

Als Profi am Rand des Ausbruchs

Seit dem 1. Juli ist Kahn nun der Hauptverantwortliche an der Säbener Straße, Zeit für eine erste kleine Bilanz, die er am Mittwoch zog. Als Spieler war er ein Vulkan, ständig am Rand des Ausbruchs, oft darüber hinaus, heute sagt er: »Man kann die Rolle eines aktiven Spielers nicht mit der eines Vorstands vergleichen«, und er will sagen: Der frühere Oliver Kahn und der jetzige Oliver Kahn, sie sind nicht mehr dieselben Menschen.

Zu zahlreichen Themen wurde der 52-Jährige von den Journalistinnen und Journalisten befragt, von der Champions-League-Reform über die Pandemie bis hin zu den Preiserhöhungen beim Streaminganbieter DAZN, aber egal um was es ging: Kahn wägt seine Worte ab, er hat Verständnis für die eine genau wie für die andere Seite. Oliver Kahn ist Chefdiplomat geworden, wer hätte das einst gedacht?

Er könne verstehen, dass Fans Preiserhöhungen bei DAZN »nicht positiv aufnehmen«, aber er könne auch verstehen, dass die Rechteinhaber »irgendwo überleben müssen«. Natürlich habe man »sich an das Modell der heutigen Champions League über Jahrzehnte gewöhnt«, aber man müsse auch verstehen, dass »man sich Gedanken macht, wie man es besser machen kann«. Hauptsache: »Es muss immer spannend bleiben, am besten bis zum Schluss.«

»Gute Zusammenarbeit mit der Staatskanzlei«

Was er davon hält, dass Vereine wie Borussia Dortmund juristische Schritte gegen die restriktiven Zuschauereinschränkungen in den Stadien aufgrund der Pandemie erwägen? »Man muss schon verstehen, dass Gedanken aufkommen, dass man die gesamte Logik nicht mehr nachvollziehen kann.« Beim FC Bayern jedoch gehe man »einen anderen Weg«, sagt Kahn und betont, »die gute Zusammenarbeit mit den Ämtern und der Staatskanzlei«.

Bevor Kahn die Prokura in München erhielt, hat er sich anderthalb Jahre von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, den beiden, die den Verein so lange geprägt haben, vorbereiten lassen, »das war absolut richtig, diese Zeit zu nutzen, um danach in voller Kenntnis loslegen zu können«.

Kahn mag sich vieles abgeschaut haben von den beiden; die Fähigkeit zur Polemik, zur Schärfe, zu der das Duo jederzeit in der Lage war, gehört nicht dazu. Eher die Erkenntnis: So wie die zwei es getan haben, so will ich es nicht machen.

Kahn ist leise geworden, er agiert am liebsten im Hintergrund, so sieht er auch seine Position. »Man muss heutzutage schon jemanden finden, der sich noch permanent vor die Kamera stellen will«, sagt er. Das sei eine Frage, »wie man die eigene Rolle interpretiert«, schließlich gebe es in seinem neuen Job »viele Dinge, die sich nicht im Vordergrund erledigen lassen«.

Nur leichtes Bedauern über Süle

Der neue Boss beim Rekordmeister, er strahlt jederzeit das Gefühl aus, ein Verein müsse weniger geführt als gemanagt werden. Wenn Niklas Süle nach fünf Jahren seinen Abschied aus München nimmt, dann ist das für Kahn zwar bedauerlich – »wir haben ihm immer unsere Wertschätzung, die er verdient hat, entgegengebracht« –, aber man hört das Achselzucken fast mit, wenn er anfügt: »Wir haben ihm ein Angebot gemacht, das hat er nicht angenommen, so ist das nun mal im Leben, dass man auch mal nicht zusammenkommt.«

Es wird ein anderer Innenverteidiger nach München kommen. Da wird nicht groß hinterhergetrauert, abgehakt. So ist das Business.

Das Sentiment, das ist nicht sein Prinzip. Nicht mehr. Das Risiko, dass er mit dieser Art auch die Erwartungen derer enttäuscht, die glaubten, mit dem Torwart-Vulkan werde es beim FC Bayern auch künftig ordentlich zur Sache gehen, nimmt er damit im Kauf. Dass das nicht ungefährlich werden kann, hat die jetzt schon berühmt-berüchtigte Mitgliederversammlung im November bewiesen – als auch sein äußerst zurückhaltender Ton beim Katar-Thema viele anwesende Fans auf die Barrikaden brachte.

An einer Stelle am Mittwoch sprach Kahn über Bayern-Torwart Manuel Neuer. Kahn lobte, wie »gefräßig« der Keeper auf der Jagd nach immer neuen Rekorden und Bestmarken sei und dass er zu ihm schon gesagt habe: »Lass mir doch bitte noch die eine oder andere Bestmarke übrig.« Aber keine Chance. Es hörte sich so an, als rede er über den früheren Spieler Oliver Kahn.