München-Profi Alaba Bayerns neuer Fixpunkt

Spieleröffnung und Führungsstärke: Seit seiner Versetzung in die Innenverteidigung ist David Alaba zur prägenden Figur des FC Bayern aufgestiegen. Im Topspiel gegen Dortmund wird er besonders gefragt sein.
Von Florian Kinast, München
David Alaba ist neuerdings der starke Mann in Bayerns Innenverteidigung

David Alaba ist neuerdings der starke Mann in Bayerns Innenverteidigung

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Matthias Hangst/ Bongarts/Getty Images

Wenn man darüber nachdenkt, wer in diesen Tagen die prägenden Figuren im Team des FC Bayern sind, kommt man zum Beispiel auf den neu aufblühenden Thomas Müller, der mit 17 Torvorlagen gerade einen neuen Bundesligarekord aufgestellt hat. Oder man denkt an den ewig guten Robert Lewandowski, der in 25 Ligapartien 27 Tore erzielt hat.

Aber dann gibt es da auch noch einen anderen Fixpunkt bei den Münchnern - einen Spieler, der weniger auffällig agiert, aber mindestens einen ähnlich großen Einfluss auf das Spiel hat: David Alaba.

Als Trainer Hans-Dieter Flick im November den Trainerjob beim FC Bayern übernahm, versetzte er den 27-Jährigen von der Position des Linksverteidigers ins Abwehrzentrum. Dort habe er sich seither "hervorragend" entwickelt und sei "ein Maßstab" geworden, sagt Flick vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund am Abend (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de; TV: Sky). Dass die Münchner mit großer Zuversicht in jenes Duell Erster gegen Zweiter gehen, hat auch mit Alabas Entwicklung zum "Abwehrchef" zu tun. "Wie er die Abwehr zusammenhält, ist einfach große Klasse", sagt Flick.

Aber was genau macht David Alaba als Innenverteidiger so wertvoll für den FC Bayern?

"Er denkt nach vorne und offensiv"

Er habe "eine sehr gute Spieleröffnung", sagt Flick. Schaut man auf die Statistik, wird das verständlicher: Laut transfermarkt.de hat Alaba seit Flicks Amtsübernahme 292 Pässe ins Angriffsdrittel gespielt - mehr als jeder andere Spieler in den fünf europäischen Topligen. Überhaupt spielte Alaba die viertmeisten Pässe aller Spieler und hatte dabei eine Erfolgsquote von 92 Prozent , eine der besten Quoten in der Bundesliga. "Er spricht viel mit uns und schiebt die Kette hoch. Er ist extrem zweikampfstark und gibt uns eine gute Stabilität, weil er nach vorne und offensiv denkt", sagt Mittelfeldspieler Leon Goretzka über Alaba.

Auch Flick lobt, dass Alaba auf dem Platz zu einem Wortführer gereift ist: "Er führt die Mannschaft und gibt Kommandos, was man gerade jetzt in der Stille des Stadions noch mehr mitbekommt. Das sind Dinge, die ich auch von Spielern einfordere, dass sie sich unterstützen und pushen", so der Trainer.

Mit 27 Jahren hat sich David Alaba also zu einem zentralen Spieler beim FC Bayern entwickelt - indem er mehr ins Spielzentrum gerückt ist. Aber er bekleidet immer noch nicht die Position, von der er eigentlich geträumt hat.

Als 17-Jähriger in der Bundesliga

Vor gut zehn Jahren gab Alaba als 17-Jähriger sein Bundesligadebüt, als Einwechselspieler kam er beim 1:1 in Köln für Diego Contento aufs Feld, in den 17 Minuten seiner Ligapremiere spielte er als Linksverteidiger. Die Spieler in der Viererkette rechts daneben hießen Holger Badstuber, Daniel van Buyten, Philipp Lahm. Eine andere Zeit.

Lange ist es her: Der junge David Alaba bei einem Champions-League-Duell gegen Florenz im Jahr 2010

Lange ist es her: Der junge David Alaba bei einem Champions-League-Duell gegen Florenz im Jahr 2010

Foto: DPA

Die Namen der Mitstreiter änderten sich im Lauf der Jahre, was sich nicht änderte, war Alabas Position. Manchmal rückte er zwar ins defensive Mittelfeld oder auch in die zentrale Abwehr, aber eher als Aushilfe, wenn jemand verletzt war. Waren alle genesen, spielte Alaba wieder: links hinten.

Dort war Alaba oft stark, gerade im Zusammenspiel mit seinem Kumpel und ehemaligen Mitspieler Franck Ribéry. Und trotzdem: Uneingeschränkt glücklich war er nie mit seiner Position an der linken Seitenlinie.

Der Traum von Bayerns Mitte

Unverdrossen hoffte Alaba darauf, einmal einen festen Platz im zentralen Mittelfeld zu finden, dort, wo er schon seit Jahren in der österreichischen Nationalmannschaft agiert. Joshua Kimmich, der in dieser Saison endgültig von rechts hinten auf die Sechser-Position rückte, erklärte zuletzt immer wieder den größeren Gestaltungsraum, ein Spiel von dort effektiver aufziehen zu können als von einer defensiven Außenbahn.

Alaba ist das bisher nicht gelungen. Aber vielleicht agiert er aus der Abwehrzentrale heraus auch wie ein verkappter Sechser, wenn die Bayern den Ball haben. Und das gelingt ihm, ohne an defensiver Stabilität zu verlieren.

Besonders Alphonso Davies, 19 Jahre, sein Nachfolger als Linksverteidiger, profitiert von Alabas Entwicklung. Oft coacht er Davies im Spiel, gibt ihm Kommandos, wo er hinlaufen soll. "David kann auch korrigieren", sagt Flick, "natürlich muss gerade ein junger Spieler wie Davies taktisch noch dazulernen, aber da kann David ihn viel unterstützen und coachen."

Auch hier in der Mitte: Robert Lewandowski, Alaba und Alphonso Davies

Auch hier in der Mitte: Robert Lewandowski, Alaba und Alphonso Davies

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Adam Davy/ dpa

Auch der schon so oft abgeschriebene Jérôme Boateng blüht in der Abwehrzentrale wieder auf, was nicht nur am Zuspruch von Trainer Flick liegt, sondern auch am Verständnis mit Nebenmann Alaba. Boateng hatte gerade in der vergangenen Saison im Bayern-Vorstand für Befremden gesorgt. Er trainierte nicht gut, wirkte unfit, und er schien seine Zeit in München bereits als abgeschlossen anzusehen. Im Mai vor einem Jahr blieb er der Meisterfeier fern. Doch Boateng ist nun wieder in starker Verfassung. In Dortmund dürfte er zur Startelf gehören.

Für 80-Millionen-Einkauf bleibt kein Platz

So sehr sich Alaba und Boateng als neues Duo in der Innenverteidigung etabliert haben, so ungünstig ist damit die Perspektive für den teuersten Einkauf der Bundesligageschichte: Lucas Hernández.

Hernández kam zu Saisonbeginn für 80 Millionen Euro und war seither oft verletzt. Aber auch nach seinem Comeback Anfang Februar hat der französische Weltmeister seinen Platz bei den Bayern nicht gefunden. Das liegt auch daran, dass er wie Alaba Linksfuß ist, bevorzugen dürfte Flick aber eher eine Innenverteidigung aus einem Links- und einem Rechtsfuß.

An Alaba wird Hernández eher nicht vorbeikommen, vorausgesetzt, der Österreicher bleibt gesund. Niklas Süle, der nach dem überstandenen Kreuzbandriss noch etwas Zeit braucht, dürfte künftig mit Boateng um die Rolle neben Alaba konkurrieren. Flick deutete bereits an, dass er langfristig mit Alaba als Abwehrchef plane.

Das würde auch bedeuten, dass Alaba seinen Vertrag verlängert. Er ist noch bis Sommer 2021 an den Verein gebunden und wäre nach der jüngsten Serie an Verlängerungen (Thomas Müller, Alphonso Davies, Manuel Neuer) neben Thiago (ebenfalls bis 2021) als nächster Spieler an der Reihe. Bei Alaba schien es in den vergangenen Jahren immer offen, ob er nicht doch zu einem anderen Verein ins Ausland wechselt, in dem er sich noch mehr ins Spiel einbringen kann. Diese zentrale Rolle aber hat Alaba nun beim FC Bayern.

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