FC Bayern Zu groß für die Liga, zu klein für Europa

Den FC Bayern auszuspielen, war selten so leicht wie heute. Der Club verfügt zwar über brillante Einzelkönner, hat aber keinen Plan, wie er aus diesen ein großes Team machen soll. Besonders im Mittelfeld und in der Abwehr fehlen die passenden Unterstützer.

Von Jörg Schallenberg


Ob Michael Ballack gestern Abend gegen 20 Uhr wohl eine SMS an Owen Hargreaves geschrieben hat? Man kann sich nur allzu gut vorstellen, wie die beiden einstigen Bayern-Stars nach ihren Auftritten in der Champions League am gestrigen Donnerstag entspannt vor dem Fernseher gesessen und den Untergang ihres früheren Arbeitgebers verfolgt haben – um danach vielleicht ein paar Zeilen ins Handy zu tippen: "Da sind wir gerade noch mal davongekommen, was, Owen?". Und als Antwort aus Manchester: "Was haben wir Schwein gehabt, Michael! Wir sehen uns in Moskau. ;-)"

Wenn am 21. Mai in der russischen Hauptstadt das Finale der Champions League zwischen dem FC Chelsea und Manchester United steigt, werden Ballack und Hargreaves dabei sein. Dann sitzen die aktuellen Bayern-Stars vorm Fernseher, wie auch eine Woche zuvor, wenn das Uefa-Cup-Endspiel zwischen Zenit St. Petersburg und den Glasgow Rangers übertragen wird. Wie konnte das passieren?

Wer gestern das Spiel des FC Bayern in St. Petersburg gesehen hat, weiß, dass der Weggang von Ballack 2006 und Hargreaves 2007 einiges mit der desaströsen bis peinlichen Vorstellung der Münchner zu tun hat. Denn im Mittelfeld klaffte einmal mehr jenes Loch, das Offensive wie Defensive gleichermaßen verschlang. Zu beobachten, wie sich Bastian Schweinsteiger eifrig, aber hilflos abmühte, den Angriff anzukurbeln, tat ebenso weh wie die harmlosen Halbfeldflanken zu zählen, die zeitweise im 30-Sekunden-Takt in die Arme von Torwart Vjatscheslav Malafeev segelten. Oder der Blick auf die rätselhaften Laufwege eines Mark van Bommel, der nicht nur beim 0:3 völlig vergessen zu haben schien, dass es auch Gegenspieler gibt, die man im Auge behalten sollte.

Sicher kann man den völligen Einbruch der Bayern mit jener Saisonend-Müdigkeit erklären, die Manager Uli Hoeneß wortreich bemühte. Es mögen ja auch die fehlenden Kräfte gewesen sein, die verhinderten, dass die Mannschaft einmal mehr ihre eklatanten Schwächen überspielen konnten. Denn es ist ja keinesfalls so, dass die Bayern nach einem brillanten Durchmarsch im Uefa-Cup nun plötzlich von hinterlistig konternden Russen auf dem falschen Fuß erwischt worden wären.

Schon in den Spielen bei Roter Stern Belgrad, beim FC Aberdeen und beim FC Getafe stand das Team kurz vor dem Abschuss und wirkte vor allem defensiv erschreckend unsicher. Die Kantersiege im Rückspiel gegen Aberdeen, gegen Aris Saloniki und beim RSC Anderlecht erklärten sich dagegen vor allem aus der Qualität der Stürmer, die dank ihrer Strafraumqualitäten an guten Tagen auch aus einer halben Chance drei Tore machen können – zumindest gegen Gegner, die abgesehen von St. Petersburg nicht eben gehobenes europäisches Niveau darstellen.

Wie ganz oben in Europa gespielt wird, demonstrierten etwa am vergangenen Mittwoch der FC Chelsea und der FC Liverpool, obwohl beide nicht einmal ihre Bestform erreichten. Vergleicht man die Schnelligkeit, Ballfertigkeit, Kombinationssicherheit, aber auch die Aggressivität, mit der schon tief im Mittelfeld der Gegner attackiert wird, dann wirkte das Spiel der Bayern in St. Petersburg dagegen wie eine Partie aus den späten achtziger Jahren. Dabei müssten die Spieler von Chelsea und Liverpool eigentlich am Ende einer anstrengenden Saison auch mit den Kräften am Ende sein.

Bauerntricks statt Systemfußball

Weniger die fehlende Kondition ist der Grund fürs Scheitern der Bayern, sondern die Tatsache, dass sich die Mannschaft nach der Rückkehr von Trainer Ottmar Hitzfeld nicht entscheidend weiter entwickelt hat. Das zeigen schon die Resultate: Unter Trainer-Vorgänger Felix Magath schaffte man zweimal das Double und flog in der Champions League einmal im Viertel- und einmal im Achtelfinale raus – gegen Chelsea und den AC Mailand. Mit Hitzfeld gewinnt Bayern nun erneut das Double und fliegt im Halbfinale des Uefa-Cups hochkant raus. Statt Systemfußball gibt es oft nur Einzelaktionen der brillanten Neueinkäufe Franck Ribéry und Luca Toni zu bestaunen.

Das Problem bleibt: In der Bundesliga, in der es trotz der labilen Defensive bislang nur 18 Gegentore in 30 Spielen gab, sind die Bayern total unterfordert, für Europas Spitze aber fehlt ihnen weiterhin das Konzept. Und die Cleverness. Gegen St. Petersburg fielen die zwei entscheidenden Gegentore durch Bauerntricks. Beim 1:1 im Hinspiel wurde eine Flanke einfach nur scharf, aber blind in den Strafraum gedroschen. Wo andere nicht mal den Fuß hinhalten, warf sich Lucio mit dem Kopf dazwischen und produzierte ein Eigentor. Beim Rückspiel sprang die Bayern-Mauer in Erwartung eines Freistoßes hoch und wild auseinander, der Ball zischte mittendurch ins Tor.

Wenn die Defizite der Gegenwart unübersehbar sind, bleibt die Frage, was sich in der Zukunft ändern soll. Der neue Trainer Jürgen Klinsmann konnte zwar eine durchschnittlich besetzte Nationalmannschaft so ordnen, motivieren und taktisch aufpolieren, dass es fast zum WM-Finale gereicht hätte, doch ob dieses Prinzip auch auf dem ohnehin weitaus professionelleren und umkämpfteren Markt der Clubteams funktioniert?

Es ist zumindest ein Risiko, Ribéry weiter alleine im offensiven Mittelfeld wirbeln zu lassen – zumal klar ist, dass der Franzose ähnlich wie früher Mehmet Scholl kein Spielmacher ist, sondern einen starken Regisseur hinter sich braucht. Es könnte auch danebengehen, hinter die anfällige Abwehr einen talentierten, aber wenig erfahrenen und zuletzt unsicheren Torwart wie Michael Rensing zu installieren.

Es könnte eine gute Idee sein, weiter auf dem Transfermarkt zu investieren. Viel zu investieren. In Spieler vom Kaliber wie Ballack und Hargreaves - ohne die ein Ribéry und ein Luca Toni am Ende wenig nutzen.

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hazadeur 02.05.2008
1. deutscher Fußball ist international eben nur zweitklassig
Was will man auch erwarten? Die Bundesliga ist im internationalen Vergleich einfach derbe schwach. Der FC Bayern ist da schon der Einäugige unter den Blinden. Man stelle sich vor, der FC Bayern rüstet personell noch weiter auf. Wann sind sie dann Meister? Nach dem zweiten Spieltag? Wenn der FC Bayern internationale Klasse erreichen will, braucht er auch Gegner in der Liga an denen er sich messen muss und kann und nicht nur diese weichgespülten Sparingspartner. So lange der FCB in der Liga den Alleinunterhalter macht und die anderen Vereine sich einer gehobenen Leistung weiterhin verweigern wird das mit internationalen Erfolgen deutschere Teams Nichts; und da bleibt dann auch der FCB blass. Wobei mir ganz übel wird, wenn ich an die kommende EM denke und mir vorstelle, dass der Sturm Klose/Podolski DER deutsche Vorzeigesturm ist! Nach der Präsentation der beiden gegen St. Petersburg frage ich mich, ob die wirklich gesetzt sind! Ist das was die beiden abliefern wirklich deutscher Spitzenfußball? Oh wehhhh ....
steff261 02.05.2008
2. Hitzfeld und Henke
Das Trainerduo des FC Bayern, Mr. Burns und Smithers, hat einfach keine internationale Klasse mehr. Für die Bundesliga sind die individuellen Fähigkeiten einzelner Spieler ausreichend. Für den internationalen Fussball fehlt ein ausgefeiltes Spielsystem und einigen taktikschwachen Spielern muss man Nachhilfe geben - und teilweise auch Selbstvertrauen, welches Klose, Schwinsteiger und Podolski beim FC Bayern ganz offensichtlich fehlt. Mit Klinsmann wird sich da mit Sicherheit vieles zum Positiven ändern.
justdude 02.05.2008
3. Weder wird Meister und Championsleague-Sieger 2009
Zitat von sysopDen FC Bayern auszuspielen, war selten so leicht wie heute. Der Club verfügt zwar über brillante Einzelkönner, hat aber keinen Plan, wie er aus diesen ein großes Team machen soll. Besonders im Mittelfeld und in der Abwehr fehlen die passenden Unterstützer. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,551050,00.html
und beim FC Bayern München geht es nächste Saison rund...die Norbremse zieht Hoeneß am 13. Spieltag..
alfred_e_neumann, 02.05.2008
4. ohwei ...
einmal ohne glück - schon ausgeschieden! mehr bedarf es nicht zu sagen ...
Mikko, 02.05.2008
5. Problem der ganzen Liga
Eigentlich müsste der deutsche Fußball den Bayern für die gestrige Pleite dankbar sein. Da wird jetzt seit Jahren im deutschen Fußball und bei seinem Anhang lamentiert, das die Bundesliga international nicht mehr konkurrenzfähig ist, weil man finanziell mit den anderen Topligen nicht mehr mithalten kann. Dabei wird aber gerne übersehen, daß die Problemzonen woanders liegen, nämlich im spieltaktischen Bereich. Und hier sind in erster Linie die Trainer gefragt. Seit Beckenbauer´s "Geht´s raus und spielt´s Fußball" und Rehagels "Der Ball muss ins Tor, alles andere ist Kokolores" hat im taktischen Bereich in Deutschland kaum eine Weiterentwicklung stattgefunden. Ganz im Gegenteil, falls ein Trainer versucht das Training analytischer anzugehen wird er als Professor (Rangnick) verschrien und in die 2. Liga abgeschoben, oder generell als verrückt (Klinsmann/Löw) angesehen. Dabei ist es viel zu billig auf die fehlenden Finanzmittel hinzuweisen. Von Vereinen wie Chelsea, Man U, Real Madrid mal abgesehen, hat kaum ein Verein in Europa dieses Jahr wohl mehr Geld ausgegeben als Bayern. Und auch Werder Bremen oder Schalke 04 sind keine wirklichen armen Schlucker. Wenn ich eine Mannschaft mit Diego, Mertesacker, Frings, Naldo aufbieten kann, dann muesste mehr drin sein als jedes Jahr in der CL Vorrunde auszuscheiden. Das Bayern nun im Uefa-Cup Halbfinale ausgeschieden ist, stellt keine Sensation dar. Die Investitionen alleine sind keine Garantie für Titel. Aber die Art und Weise wie die Mannschaft ausgeschieden ist sollte zu denken geben. Schon gegen so hochklassige Teams wie Aberdeen und Saloniki war man kurz vorm Ausscheiden, vom Wunder gegen Getafe ganz zu schweigen. Und danach wurden wieder die deutschen Tugenden bemüht, die es einem Ribery und Toni ermöglichen jedes Spiel noch zu drehen. Aber eigentlich hätte man eher den Leistungsstand in Frage stellen sollen. Hitzfeld war selbst in seinen besten Jahren kein gewiefter Taktiker oder ein Entwickler der Mannschaft. Das wird oft verkannt, bei allem Respekt und Hochachtung vor seinen Erfolgen. Das Beispiel Bayern in diesem Jahr sollte der Bundesliga endlich eine Lehre sein. Um international konkurrenzfähig zu sein, braucht es fähige und innovative Trainer, ein hervorragendes Scoutingsystem, Top-Jugendarbeit und 2-3 Jahre Zeit um Mannschaften und Spielsysteme zu entwickeln. Aber wie ich die Herren Manager und Sportdirektoren kenne wird wieder nach dem lieben Geld gerufen und im Misserfolgsfall dürfen dann Männer vom Schlage eines Neururer, Toppmöller oder Lienen das Ruder übernehmen. Und wieder nichts gelernt...
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